Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom So, 10.02.2019


Innsbruck

Neue Straßenbahn eilt zielstrebig aus dem „roten Bereich“

Auf der Jagd nach der verlorenen Zeit: mit einer der beiden neuen Innsbrucker Straßenbahnlinien unterwegs durch die Stadt und den Problemen auf der Spur.

Nach einem chaotischen Start nehmen die neuen Straßenbahnen jetzt Fahrt auf.

© Vanessa Rachlé / TTNach einem chaotischen Start nehmen die neuen Straßenbahnen jetzt Fahrt auf.



Von Michaela S. Paulmichl

Innsbruck – Die rund 12 Kilometer lange Fahrt beginnt am DDr.-Alois-Lugger-Platz im Olympischen Dorf, an der östlichen Endhaltestelle der neuen Straßenbahnlinie 2. Ziel: das andere Ende der Stadt, Technik West. Mit dabei: IVB-Betriebsleiter Harald Jösslin, der unterwegs Probleme erläutern und Lösungen präsentieren will.

Problem 1 – Verspätungen: Sie scheinen zumindest bei dieser Fahrt vorprogrammiert zu sein, denn schon bei der ersten von insgesamt 27 Haltestellen in der Schützenstraß­e zeigt der Monitor in der Fahrerkabine 50 Sekunden Rückstand an. Die Tram war schon etwas verspätet im O-Dorf angekommen. Betriebsleiter Jösslin verweist auf die zehn Minuten Aufenthalt an den beiden Endhaltestellen – ein „Puffer“, um die unterwegs verlorene Zeit wieder wettzumachen. „Ich bin 80, in meinem Alter habe ich keinen Stress mehr“, sieht es eine der Passagierinnen in der Tram, Mathilde Thurner, unterdessen gelassen. „Berufstätige werden aber natürlich was anderes sagen.“ Sie nimmt die Fahrer in Schutz: „Als am Anfang nichts mehr weiterging und es hieß, die Leute müssten in Busse umsteigen, wurde der Chauffeur beschimpft, ich finde das unfair.“ Fahrer-Schulungsleiter Mario Kleine, heute selbst hinter dem Steuer, meint dazu: „Wir sind natürlich der Prellbock, an dem die Fahrgäste ihren Unmut auslassen. Aber die Kritik war in vielen Fällen auch berechtigt.“ Bis zu 45 Minuten mussten manche warten – wegen technischer Probleme oder weil Pkw Gleise blockierten.

Problem 2 – Stehzeiten an den Ampeln: Die „2er“ hat inzwischen die Universitätsbrücke überquert, die kleine Anzeigetafel meldet bereits 9.40 Minuten Verspätung. Jösslin: „Wir sind immer noch dabei, die Fahrzeiten zu optimieren, also die Stehzeiten bei den Ampeln zu verringern. Dazu ist es nötig, die Anmelde­punkte genau dort zu setzen, wo sie gebraucht werden.“ Das System funktioniert so, dass sich die Bahn sozusagen per Funk bei der Lichtsignalanlage „anmeldet“, die dann die Fahrt freigibt. „Ist die Annäherungszeit zu gering oder die Stehzeit bei der Haltestelle vor der Ampel länger als angenommen, schaltet sie wieder auf Rot um.“ Um die Anmeldepunkte im richtigen Abstand zu setzen, braucht es Erkenntnisse aus dem laufenden Betrieb. In Zusammenarbeit mit der Stadt wurden schon zwölf Ampeln nachjustiert.

Problem 3 – zu wenig Raum für Kinderwägen und Rollstühle: „Im Bus war mehr Platz“, sagt Bettina Stock, die mit ihrem Baby stadteinwärts fährt. David Ebead ist Behindertenbetreuer und mit einem jungen Mann unterwegs: „Einmal ist es mit einem Rollstuhl, drei Kinder­wägen und einem Rollato­r richtig eng geworden, besonders in der Mittagszeit ist wenig Platz. Im Bus konnte man außerdem die Rampe zum Ein- und Aussteigen selbst betätigen, das spart Zeit.“

Problem 4 – Haltestellen des „O“ in Neurum werden nicht mehr angefahren: „Wir haben uns ganz aus Rum zurückgezogen, für den öffentlichen Verkehr dort ist die Gemeinde Rum zuständig“, sagt Jösslin. Die Bauarbeiten für einen weiteren Ausbau der ebenfalls neuen Linie „5“ zur Haller Straße und damit zum ÖBB-Bahnhof am künftigen Anbindeknoten beim Rumer Hof sollen im Frühjahr beginnen und bis 2022 abgeschlossen sein.

Problem 5 – Erschütterungen, besonders in der Schützenstraße: „In den Wintermonaten gefriert der Boden, dadurch werden Erschütterungen wesentlich besser übertragen. Wenn es wärmer wird, können wir Kontrollmessungen durchführen“, sagt Jösslin. Werden die Grenzwerte überschritten, muss nachgebessert werden.

Problem 6 – Fahrzeiten am Abend: „Es stört mich schon sehr, dass ich nach dem Theaterbesuch mit dem Taxi heimfahren muss“, sagt Elisabeth Vorhofer. Auch hier soll es Abhilfe geben, indem „wir noch einmal Runden fahren, so dass die Besucher nach der Abendvorstellung nicht so lange warten müssen“, verspricht der IVB-Vertreter.

Nach rund 43 Minuten am westlichsten Punkt angelangt, wird die Verspätung von 11 Minuten und 20 Sekunden rot angezeigt. Um der unterwegs verlorenen Zeit nachzueilen, fallen die 10 Minuten Stehzeit und damit auch die kleine Pause für den Fahrer erneut aus, es geht gleich wieder zurück durch die Stadt Richtung O-Dorf.