Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Di, 12.02.2019


Innsbruck-Land

19 Stunden ohne Hilfe im Schnee-Stau-Chaos am Brenner gefangen

Nach dem Mega-Stau auf der Brennerautobahn vorletztes Wochenende übt eine Tiroler Autofahrerin heftige Kritik an den Südtiroler Behörden.

Schnee und Autos – rund 19 Stunden lang war das die Perspektive von Sandra Hechenblaikner.

© HechenblaiknerSchnee und Autos – rund 19 Stunden lang war das die Perspektive von Sandra Hechenblaikner.



Von Nikolaus Paumgartten

Mittewald – Eigentlich wollte Sandra Hechenblaikner die Nacht vom 1. auf den 2. Februar so schnell wie möglich wieder vergessen. Doch die Berichterstattung der vergangenen Tage über das Stau-Chaos auf der Brennerautobahn an jenem Wochenende sorgt bei der Innsbruckerin auch heute noch für Ärger und Unverständnis. Sie selbst war insgesamt 19 Stunden in ihrem Auto auf der Brennerautobahn gefangen – und widerspricht den Darstellungen der Südtiroler Behörden, was die Betreuung der Stau-Opfer betrifft.

Sandra Hechenblaikner hatte beruflich in Bozen zu tun, war alleine unterwegs und brach am Freitag gegen 21 Uhr auf, um zurück nach Innsbruck zu fahren. Heftiger Schneefall und die immer schlechter werdenden Straßenverhältnisse bremsten sie bereits zu Beginn der Fahrt in die Heimat deutlich ein. „Bei Brixen habe ich dann gesehen, dass die Lkw auf der rechten Spur nicht mehr weiterkamen“, erinnert sie sich. Wenige Kilometer später ging schließlich auch auf der linken Fahrspur nichts mehr. Gegen 1 Uhr kam sie in der Kolonne noch einmal zwei bis drei Kilometer weiter, um 2 Uhr Früh war Schluss. Bei Mittewald, 16 Kilometer vor Sterzing, kam der Verkehr endgültig zum Erliegen. Und Sandra Hechenblaikner war im Stau gefangen.

An Schlaf sei in den folgenden Stunden nicht zu denken gewesen, erinnert sie sich: „Immerhin hat man ja nicht wissen können, ob und wann es vielleicht doch weitergeht.“ Informationen habe es zu diesem Zeitpunkt von außen nämlich keine gegeben und die Service-Hotlines der Autostrada seien über Nacht nicht besetzt gewesen. So habe sie telefonisch versucht, sich bei ihrem Partner und ihrem Vater zu Hause über den aktuellen Stand der Dinge auf dem Laufenden zu halten.

„Bis auf ein paar Trockenfrüchte und eine Halbliter-Flasche Wasser hatte ich nichts dabei“, berichtet Sandra Hechenblaikner von einem anderen Problem. „Um den Flüssigkeitshaushalt halbwegs aufrechtzuerhalten, habe ich ab einem gewissen Zeitpunkt sogar Schnee gegessen.“ Denn von der vielzitierten Hilfe seitens der Südtiroler Behörden habe sie nichts mitbekommen. „Ich und alle Betroffenen in den Autos um mich herum haben keinerlei Verpflegung, Information, Decken oder generell Hilfe erhalten. Seitens der Südtiroler Behörden wird hier nun von Decken, Broten und Tee gesprochen und die gute Versorgung der betroffenen Autofahrer hervorgehoben. Ich kann bezeugen, dass es sich hierbei schlichtweg um Lügen handelt“, macht Hechenblaikner ihrem Ärger Luft. „Autofahrer um mich herum hatten teilweise nur noch sehr wenig Benzin und konnten nicht mehr heizen. Im Auto hinter mir war eine Familie mit drei kleinen Kindern – ein Baby mit einem Jahr – ebenfalls 19 Stunden ohne Verpflegung oder Decken.“ Ein anderer Autofahrer habe überhaupt kein Wasser oder Verpflegung dabei gehabt und musste schon von Beginn an Schnee essen. Helfer, Freiwillige, Decken und Getränke habe sie auch am nächsten Tag bis zum Nachmittag nicht zu Gesicht bekommen. Erst gegen 17 Uhr wurden die Fahrzeuge über die Gegenfahrbahn zurück nach Brixen gelotst. Dort entschied sich Sandra Hechenblaikner, das Auto stehen zu lassen, und fuhr mit dem Zug nach Hause. Die Odyssee hatte ein Ende.

„Es geht mir nicht darum, Schuldige zu finden. Es war sicherlich eine Verkettung sehr unglücklicher Umstände, die zu diesem Chaos geführt haben. Aber die Lügen in Bezug auf die Versorgung der Stau-Opfer möchte ich mir persönlich nicht gefallen lassen“, ärgert sich Hechenblaikner.