Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Di, 21.05.2019


Exklusiv

Innsbruck will für eine „attraktive Stadt“ am Rad der Zeit drehen

Ein hochkarätiges Fachseminar zur Mobilitätsplanung gastiert heute in Innsbruck. „Stadtplanung statt Radplanung“ rät dazu eine Expertin.

Radverkehr und Fußgänger priorisieren und die Mobilitätsplanung ganz darauf abstimmen, rät die Radprofessorin Ineke Spapé.

© thomas boehmRadverkehr und Fußgänger priorisieren und die Mobilitätsplanung ganz darauf abstimmen, rät die Radprofessorin Ineke Spapé.



Von Marco Witting

Innsbruck – Es gehe nicht darum, Autos aus den Städten zu verbannen. Auch nicht darum, den Radverkehr voranzutreiben. „Es geht darum, attraktive Städte zu gestalten.“ Die Frau, die das sagt, heißt Ineke Spapé, kommt aus den Niederlanden und ist so etwas wie eine Radprofessorin. In der Stadtbibliothek in Innsbruck hält sie heute bei einem Fachseminar (ab 15. 30 Uhr, Besucher sind willkommen) einen Vortrag. Um diesem Ziel, attraktiveren Städten, näher zu kommen, schlägt sie einen radikalen Kurswechsel vor.

Dafür brauche es „Mut“ und den „politischen Willen“, vor allem aber die Bürger, erklärt Spapé im Vorfeld ihres Vortrags. „Radplanung ist auch Stadtplanung“, sagt sie und verweist darauf, dass man den Verkehr priorisieren müsse. Da würden Fußgänger und Radfahrer an erster Stelle stehen. Erst danach komme der öffentliche Nahverkehr und dann die privaten Autos. „Man hat in den Niederlanden vor 30 Jahren damit angefangen. Auf Wunsch der Bürger hin.“ Die Expertin nennt das Beispiel der Stadt Groningen mit rund 230.000 Einwohnern. Dort könnten die Menschen weiter mit dem Auto zur Wohnung fahren. Allerdings nicht mehr kreuz und quer durch die Stadt. Stattdessen wurde die erweiterte Innenstadt dort in vier Teile geteilt und man kommt stets nur aus jenem Teil wieder heraus, in den man hineingefahren ist. Das mache Platz frei für schnelle Durchgangsrouten für den Radverkehr.

Was es dafür brauche? Zeit. Die Bürger. Den politischen Willen und ein Umdenken in der Stadtplanung, sagt Spapé, die Konzepte für mehrere Städte entwickelt hat. „Die Städte denken zuerst immer eher an das Auto als an die Fußgänger oder die Radfahrer.“ Das gelte auch für die Wirtschaft. Die weist auch in Innsbruck immer darauf hin, dass ohne Autos und Parkplätze Einbußen drohen. Dem widerspricht die Radprofessorin naturgemäß. „Hier fehlen den Betroffenen oft die entsprechenden Daten. In den Innenstädten ist es so, dass meist 75 Prozent der Ausgaben von Radfahrern und Fußgängern getätigt werden.“

Der Vortrag heute ist der erste große Auftritt der beiden Fuß- und Radkoordinatoren der Stadt. Teresa Kallsperger und Christian Schoder sehen vor allem in den Kurzstrecken in Innsbruck „Potenzial“. Es gelte zudem die ganzjährigen Möglichkeiten zum Radfahren zur Verfügung zu stellen. Durch E-Bikes sei das Thema auch für Pendler aus Umlandgemeinden (von Zirl bis Hall) attraktiv geworden.