Letztes Update am So, 11.08.2019 07:12

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Verkehrssicherheit

Abgelenkte Lkw-Fahrer: Strategien gegen ein hohes Unfallrisiko

Abseits der Transitproblematik fallen Lkw-Fahrer auf, weil sie am Lenkrad abgelenkt sind. In Deutschland filmt die Polizei auf Autobahnen nun ins Fahrerhaus.

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Innsbruck, Oldenburg – Ganze zwei Minuten und 57 Sekunden tippt der Fahrer des schweren Sattelzuges auf seinem Smartphone herum. Nur ab und zu geht der Blick für einen Sekundenbruchteil auf die Fahrbahn der A1. So fährt der Mann auch in einen Baustellen-Abschnitt. „Der merkt gar nichts mehr“, sagt Cliff Sprenger.

Verstöße wie diesen filmt der Polizist mit seinen Kollegen im Bereich von Oldenburg (Niedersachsen).

Das deutsche Pilotprojekt wird jetzt bis Ende 2019 verlängert. Bislang wurden allein in Niedersachsen seit Februar schon knapp 1300 Verstöße auf den Autobahnen dokumentiert und geahndet. Als Dienstfahrzeug dient den deutschen Polizisten ein unauffälliger brauner VW-Transporter. Auf der Dach-Reling ist mit Spannriemen und Kabelbindern eine Alu-Leiter befestigt. „Sieht aus wie ein Handwerker-Auto“, so der Polizist. Nur mit dem Unterschied, dass vorne an der Leiter eine kleine, gerade mal streichholzschachtelgroße GoPro-Kamera montiert ist. Vom Boden gemessen sind es etwa zwei Meter bis zur Kameralinse – perfekt, um einen höher sitzenden Fahrer bei einem Regelverstoß zu filmen. Vor allem durch zahlreiche Baustellen und viele Staus ist die Gefahr von Unfällen für abgelenkte Lkw-Fahrer groß, und immer wieder sind es Lastwagen, die teils ungebremst ins Stauende fahren.

„Auch wir stellen fest, dass Lkw-Fahrer beim Lenken Tätigkeiten bzw. Handlungen setzen, die im Widerspruch zu einem aufmerksamen Lenken stehen“, sagt Markus Widmann, Leiter der Tiroler Landesverkehrsabteilung. Die Polizei erlebe auf Autobahnen Lkw-Fahrer, die auf Tablets oder Smartphones herumtippen, Zeitungen lesen, Filme schauen oder sogar Essen zubereiten würden. Das deutsche Projekt ist Widmann nicht bekannt, hierzulande wird nicht gefilmt. Beobachtet die Polizei aber Regelverstöße, wird ebenfalls geahndet. „Die Lkw-Lenker werden angehalten und mit den Feststellungen der Polizei konfrontiert, die Lenker zeigen sich in den allermeisten Fällen einsichtig“, so Widmann. Insgesamt sei Ablenkung am Steuer mittlerweile „die“ Hauptursache für Unfälle – bei Pkw und Lkw. Aus Sicht von Unfallforschern sind Lkw-Fahrer aber besonders gefährdet für die Suche nach Ablenkung, weil sie oft und lange über viele Stunden geradeaus fahren, und das oft hinter einer „Wand“, also vorausfahrenden Lkw. Unfälle mit Lkw-Beteiligung machten im Jahr 2018 an allen Unfällen in Österreich zwar „nur“ 4,1 Prozent aus, aber dabei starben 13,7 Prozent der im Verkehr Getöteten. „Wenn es mit Lkw zu Unfällen kommt, dann ist das Risiko, dass diese tödlich enden, um vieles höher als bei Pkw“, sagt Markus Gansterer vom VCÖ. Abgelenkte LKW-Lenker als Gefahrenquelle kennen auch die Mitarbeiter der Asfinag. „Gerade in Zeiten von Wanderbaustellen ist es sehr gefährlich, wenn Lkw-Fahrer abgelenkt sind“, weiß Mario Schöpf, Vorarbeiter bei der Asfinag.

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- Foto TT/Rudy De Moor

Wenn er und seine Kollegen an einem Pannenstreifen Halt machen, habe man immer ein Auge im Rückspiegel. Zu groß sei die Gefahr, dass ein Lkw auffahren könnte. Ist schon passiert. (dpa, TT, lipi)

Lkw-Fahrer: „Harter Job mit vielen Problemen“

Arbeit und Wohnraum in einem: Es ist 11.00 Uhr, als sich Mikael auf dem Rastplatz Inzing gerade ein Frühstück vor „seinem“ Lkw zubereitet. Er packt eine Gasflasche aus und stellt sich eine Pfanne drauf, um Rühreier zu machen. „Leben in Lkw ist so“, erklärt er in gebrochenem Deutsch. Sein Lkw trägt ein deutsches Kennzeichen, passend zur Spedition, für die er arbeitet. Er selbst ist Bulgare. Ein paar Meter neben Mikael werden gerade die dunklen Vorhänge im Fahrerhaus zur Seite geschoben. Es sind Lkw mit litauischen Kennzeichen, daneben steht ein Auto mit einer österreichischen Tafel. Die Fahrer erklären in schlechtem Englisch, gemischt mit ein paar Brocken Italienisch, dass sie aus der Ukraine und aus Rumänien seien. Sie holen sich in Kanistern gerad­e Wasser, gehen aufs Klo, einer will kurz duschen gehen. Das kann er in dem Asfinag-Gebäud­e für einen Euro. Es ist knapp vor Mittag, als sich der Parkplatz langsam füllt. Jetzt ist auch ein ukrainischer Fahrer da, der für eine polnische Spedition fährt.

Gegen vier Uhr herum sei hier alles voll, erklärt einer der Fahrer und gestikuliert mit den Händen. Angesprochen auf ihre Arbeit, erklärt einer der jüngeren – plötzlich kann er doch etwas besser Englisch –, dass viele Fahrer mehrere Wochen von ihrem Zuhause weg seien, um ihr Geld in der EU zu verdienen. Man mache zwar vorgeschriebene Pausen, ja, aber trotzdem sei es stressig auf den Straßen: „Viele Kontrollen, viel Polizei, viel Druck, zu wenige Parkplätze“, sagt er. Ob sie bestätigen könnten, dass Lkw-Fahrer mitunter verbotene Dinge hinterm Steuer machen und damit Unfälle riskieren? Die Männer schaue­n in die Runde, bis einer sagt: „Handy am Steuer ist Problem für Pkw und Lkw.“ (lipi)