Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Do, 17.12.2015


Forschung

Die Antwort liegt in der Zelle verborgen

Die Medizin-Uni Innsbruck hat sich zum weltweit gefragten Zentrum für Darmerkrankungen entwickelt.

© MUI / F. LechnerZellbiologe Lukas Huber (l.) und Pädiater Thomas Müller (r.) mit der Familie eines kleinen Patienten, dem sie bei einer anderen Erkrankung halfen.



Innsbruck – Immer tiefer dringen Innsbrucks Forscher in die molekularen Mechanismen ein, welche die lebensbedrohliche Mikrovillus Einschlusserkrankung (MVID) auslösen. Dabei fehlt im Darm des Neugeborenen der Bürstensaum (Mikrovillus), der für die Flüssigkeits- und Nährstoffaufnahme unabdingbar ist. Der Säugling trocknet aus.

Die Krankheit ist nicht heilbar, die Patienten müssen über Infusionen versorgt werden. Auch wenn die MVID zu den Seltenen Erkrankungen gehört: Selten relativiert sich, wenn drei Kinder einer Familie bereits an der Krankheit gestorben sind. „Und deren Eltern – ein syrisches Ehepaar – derzeit in Dresden um das Leben ihres vierten, gerade zur Welt gekommenen Säuglings bangen“, erzählt Kinderarzt Thomas Müller. In Absprache mit der dortigen Klinik werden die Innsbrucker nun an einer Gewebeprobe untersuchen, ob das Baby auch betroffen ist.

Die Dresdner sind aber nicht die Einzigen, die Hilfe aus Innsbruck erbitten. Aus der ganzen Welt erreichen die Anfragen die Medizin-Uni. Vor fünf Wochen war die Arbeit am Titel des Fachmagazins Journal of Cell Biology erschienen. „Seither wurde sie schon 3000-mal heruntergeladen“, freut sich Lukas A. Huber. Dass immer die Innsbrucker kontaktiert werden, wenn eine Darmerkrankung nicht zuordenbar ist, liegt an jahrelanger, erfolgreicher Forschung. In Zusammenarbeit zwischen Grundlagenforschung und Kinderklinik wurden bereits zwei Gene identifiziert, die krankheitsauslösend wirken, und genetische Tests entwickelt, um MVID erkennen zu können. Weiteren Auslösern sei man bereits auf der Spur, sagt Huber.

Nun ist es seinem Doktoranden Georg-Friedrich Voge­l zudem gelungen, anhand eines Zellkulturmodells noch tiefer in die zellulären Mechanismen einzudringen, sprich wann welcher Gendefekt den Transport wichtiger Proteine an ihren Platz verhindert. Damit könne man dann u. a. auch ergründen, „ob der Betroffene tatsächlich sein Leben lang intravenös ernährt werden muss oder vielleicht doch irgendwann an leichte Nahrung gewöhnt werden kann“, erklärt Müller. Ein wesentlicher Aspekt für Lebensqualität. (sta)