Letztes Update am Mi, 03.02.2016 09:01

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Tirol

Fast wie Science Fiction: Ein Roboter, der lernt wie ein Kind

Kaum ein Science-Fiction-Film kommt ohne sie aus: Roboter, die fast eigenständig handeln. Ein Forschungsprojekt der Universität Innsbruck zeigt, dass diese Vision nicht aus der Luft gegriffen ist.

© SauermannDer Roboter greift nach einem grünen Becher. Wie der Gegenstand reagiert, "sieht" er mittels Kamera und merkt sich das. Die Maschine bekam übrigens den Namen "Robin" verpasst – für Roboter aus Innsbruck.



Von Matthias Sauermann

Innsbruck – Innsbrucker Informatiker arbeiten derzeit daran, die Forschung an Robotern zu revolutionieren. Im Rahmen eines weltweit einzigartigen Projekts – gefördert durch das EU-Projekt Xperience – haben sie einem Roboter beigebracht, eigenständig immer komplexere Dinge zu lernen, die aufeinander aufbauen. Ein Roboter, der lernt wie ein Kleinkind.

Die Forscher rund um Justus Piater und Emre Ugur treffen damit einen Nerv der Zeit, beschäftigen sich doch viele Science-Fiction-Filme („A.I. – Künstliche Intelligenz“, „I, Robot“ oder „Interstellar“) und Romane mit Robotern und ihren Auswirkungen auf die Gesellschaft. Als technische Vision, aber auch als Horrorszenario.

In Steven Spielbergs „A.I.“ etwa wird einem Roboter die Fähigkeit einprogrammiert, zu lieben – was zu einem moralischen Dilemma führt. Wo liegt denn nun die Grenze zwischen Roboter und Mensch? Was darf man Robotern beibringen? Viele, die sich mit solchen Gedankenspielen beschäftigen, fragen sich: Was können Roboter eigentlich derzeit? Und was werden sie bald können?

Justus Piater ist auf intelligente Systeme spezialisiert.
- Privat

Projektleiter Justus Piater erzählt im Interview, was die Informatiker mit ihrer Forschung erreichen wollen.

1. Was macht das Innsbrucker Projekt so besonders? Bislang wurden Handlungen Robotern direkt einprogrammiert. Der Innsbrucker Ansatz ist jedoch, einen Roboter so zu programmieren, dass er eigenständig Erfahrungen sammelt und auf diesen aufbaut. Im Versuchsprojekt „spielt“ der Roboter zuerst mit einfachen Objekten und beobachtet, wie diese reagieren. Er stupst etwa einen Becher an und „sieht“, wie dieser fällt.

Mit den gespeicherten Tiefendaten merkt sich der Roboter dann, wie ähnliche Objekte reagieren. Mit den Erfahrungen, die er gemacht hat, kann der Roboter dann eigenständig schlussfolgern, wie er beispielsweise aus Bauklötzen einen Turm bauen kann.

„Der Hintergedanke ist, dass viele Aufgaben, die Roboter übernehmen könnten, zu komplex sind, um jede Handlung einzeln einzuprogrammieren“, erläutert Piater. Ein Haushaltsroboter, der vielfältige Aufgaben übernimmt, müsse künftig selbst kombinieren können, um sich im Haushalt zurechtzufinden. Der Ansatz der Innsbrucker Forscher legt dafür den Grundstein.

2. Wie werden sich Roboter in den nächsten 20 Jahren entwickeln? Schon bald wird sich die Forschung dahin entwickeln, dass Roboter Arbeitsabläufe eigenständig optimieren und gewissermaßen selbst „verstehen“, was sie gerade machen. Roboter für einzelne Tätigkeiten gibt es bereits – etwa zum Staubsaugen oder Fensterputzen.

Bald wird dann ein Roboter verschiedene Aufgaben bewältigen können – auch solche, die der Hersteller nicht vorgesehen hat. Ausgefeilte Haushaltsroboter sind demnach nicht mehr weit entfernt. Auch in Fabriken, wo Roboter schon jetzt viele Aufgaben übernehmen, werden sie eine noch größere Rolle einnehmen. Und bereits heute steht die Forschung kurz davor, selbstfahrende Autos serientauglich zu machen.

3. Müssen wir in Zukunft Angst vor den Robotern haben? „Es ist zu früh, um Angst zu haben. Es ist nicht zu früh, um Science-Fiction-Romane zu lesen und sich darüber Gedanken zu machen“, sagt Piater mit einem Lachen. In der Arbeitswelt würden Roboter in Zukunft eine immer größere Rolle spielen. Für eine Gesellschaft als solche sei dies aber keine Gefahr, sondern langfristig ein Vorteil.

Der Arbeitsmarkt wird sich verändern, nicht zusammenbrechen. „Heute haben wir den höchsten Automatisierungsgrad, den es je gegeben hat“, meint Piater. „Und trotzdem ist die Arbeitslosigkeit tendenziell gesunken.“

Wenn einfachere Aufgaben von Robotern übernommen würden, sei jedoch absehbar, dass etwa Bildung eine noch größere Rolle einnehmen wird – weil komplexere und spezialisierte Aufgaben dann von Menschen übernommen werden müssen. Tatsächliche menschenähnliche, humanoide, Roboter sieht Piater noch viele Jahre entfernt.

4. Wo liegen die ethischen Grenzen? „Ein Roboter soll kein Sozialpartner sein“, meint Piater. Er dürfe nur spezifischen Arbeitszwecken dienen. Sich mit einem Roboter wie mit einem Menschen unterhalten zu können, wie das in vielen Filmen gezeigt wird, hält der Informatiker für nicht wünschenswert. Vieles werde jedoch irgendwann machbar sein. „Und die Erfahrung hat uns gezeigt, dass alles, was gemacht werden kann, auch gemacht wird – unabhängig von ethischen Bedenken.“