Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mo, 04.06.2018


Bezirk Reutte

Bärtierchen kennen den Weg in die Unsterblichkeit

Reuttener Schüler forschen mit Uni-Team im ewigen Eis. Dort wimmelt es vor Leben. Der Star der Wissenschaft ist das multiresistente Bärtierchen.

Die mikroskopisch kleinen Bärtierchen sind die Überlebenskünstler im Eis. Sie trotzen Kälte, Hitze und sogar radioaktiver Strahlung.

© iStock/fruttipicsDie mikroskopisch kleinen Bärtierchen sind die Überlebenskünstler im Eis. Sie trotzen Kälte, Hitze und sogar radioaktiver Strahlung.



Von Simone Tschol

Reutte – Am Institut für Ökologie der Universität Innsbruck arbeiten Wissenschafter daran nachzuweisen, inwieweit auf dem Eis lebende Mikroorganismen für den Gletscherrückgang mitverantwortlich sind. Teil des Forschungsteams sind auch Schüler der Neuen Mittel- und Sportmittelschule Königsweg (NMSK) Reutte.

Projektleiterin Birgit Sattler, Mikrobiologin, Gletscher- und Polarforscherin, kam kürzlich mit ihren Mitarbeitern Sabrina Obwegeser (laut Eigendefinition die Laborratte) und Klemens Weisleitner (nahm bereits an mehreren Forschungsexpeditionen in der Antarktis teil) nach Reutte, um den Schülern einen kleinen Blick in die Tiefen des ewigen Eises zu ermöglichen.

Am Jamtalgletscher werden die Jungforscher im Sommer reelle Messungen durchführen.
Am Jamtalgletscher werden die Jungforscher im Sommer reelle Messungen durchführen.
- Birgit Sattler

Sattler gleich zu Beginn: „Wir sind Biologen und Gewässerökologen. Wir fragen uns: ‚Kann in dieser unwirtlichen Gegend etwas leben?‘ Wir werden Denkweisen umwerfen, werden scheitern und andere Wege einschlagen müssen. Aber das ist auch für euch Kinder eine gute Lebensschule – Scheitern mit Würde.“ Nur weil die Bedingungen wie tiefe Temperaturen, extreme Trockenheit, hohe Strahlendosen, geringe Nährstoffkonzentration und kurze Wachstumsperioden den Menschen nicht zusagen, heiße das noch lange nicht, dass es im ewigen Eis kein Leben gebe. Zwischen den Eiskristallen leben zahlreiche Viren, Bakterien, Algen und Pilze. Diese Organismen wandern über das Wasser oder die Wolken rund um den Globus. Aber auch größere Organismen haben sich dem Leben im Eis angepasst. „Der größte Überlebenskünstler ist das einen halben Millimeter große Bärtierchen“, weiß Sattler, „man kann es einfrieren, kochen oder mit Radioaktivität bestrahlen. Alles, was es macht, ist seine acht Beinchen einziehen. Jahre später streckt es die Beinchen wieder aus und lebt weiter. Auch Ausflüge ins All haben sie schon überlebt.“ Möglich sei dies durch ein spezielles Eiweiß, welches dafür sorgt, dass die Zellstruktur keinen Schaden nimmt. Sattler: „Das könnte sich auch der Mensch zunutze machen. Man könnte beispielsweise Organe einfrieren, um nicht auf einen frischen Spender warten zu müssen. Das ist allerdings derzeit noch Zukunftsvision.“ Aber den Weg in die Biotechnologie hätten andere „Gletscherbewohner“ bereits gefunden. „Schneealgen werden schon in Anti-Aging-Cremes beworben“, erklärt Sattler.

Die Spannung bei den NMS-Schülern steigt. Im Sommer werden sie reelle Messungen am Jamtalgletscher durchführen, Eisproben nehmen und diese im Labor in Innsbruck untersuchen und auswerten. Sattler mit einem Augenzwinkern: „Wenn ihr seht, was zwischen den Kristallen alles lebt, werdet ihr keinen Schnee mehr essen.“