Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Do, 28.03.2019


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Ein realer Spionagethriller

Zwei jüdische Flüchtlinge und ein Tiroler Deserteur im NS-Widerstand hinter feindlichen Linien: Ein neues Buch rekonstruiert die unfassbare Geschichte der „Operation Greenup“.

Das „Greenup-Team“, Mai 1945: Von Oberperfuss aus übermittelten Hans Wijnberg (hinten l.), Fred Mayer (hinten r.) und Franz Weber wichtige Geheiminformationen an die Alliierten. Möglich wurde dies durch  mutiger Frauen wie Maria Hörtnagl (hinten).

© National Archives and RecordsDas „Greenup-Team“, Mai 1945: Von Oberperfuss aus übermittelten Hans Wijnberg (hinten l.), Fred Mayer (hinten r.) und Franz Weber wichtige Geheiminformationen an die Alliierten. Möglich wurde dies durch mutiger Frauen wie Maria Hörtnagl (hinten).



Von Michael Domanig

Oberperfuss, Innsbruck — Die Geschichte der „Operation Greenup" ist packender als jeder Agententhriller: Zwei junge jüdische Flüchtlinge, Fred Mayer und Hans Wijnberg, und ein Tiroler Wehrmachtsdeserteur namens Franz Weber sprangen Ende Februar 1945 per Fallschirm über den Stubaier Alpen ab. Ihre lebensgefährliche Mission: im Auftrag des US-Geheimdienstes OSS in Webers Heimatdorf Oberperfuss eine geheime Funkstation aufzubauen und Informationen über militärische und verkehrstechnische Angriffsziele zu sammeln — besonders zu den Waffen- und Gütertransporten der Nazis über den Brenner.

Der Historiker Peter Pirker (Uni Wien) hat die ebenso spektakuläre wie erfolgreiche Operation in seinem neuen Buch „Codename Brooklyn" erstmals umfassend für den deutschsprachigen Raum aufgearbeitet — und dafür, im Gegensatz zur bisherigen US-Literatur, auch deutschsprachige Quellen durchforstet.

„Die bisherigen Darstellungen waren sehr stark dem jeweiligen nationalen Rahmen verhaftet", meint Pirker. Wobei in Österreich die außergewöhnlichen Leistungen der jüdischen Agenten jahrzehntelang „überhaupt nicht im Blick" gewesen seien.

In seinem Buch versucht Pirker nun einerseits, den transnationalen Charakter der Operation aufzuzeigen: Zentral ist für ihn etwa, wie Motive und Einsatzbereitschaft der drei Agenten entstanden — nämlich durch Erfahrungen in ganz verschiedenen nationalen Zusammenhängen: „Bei Mayer und Wijnberg war es die Verfolgung ihrer Familien in Deutschland und den Niederlanden, aber auch die positive Motivation durch ihre großartige Aufnahme in Brooklyn", sagt Pirker. Bei Weber wiederum habe die Erfahrung der Gewaltexzesse seiner 187. Reserve-Division bei der „Partisanenbekämpfung" in Kroatien ein Umdenken eingeleitet: Er desertierte im Herbst 1944.

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Doch auch die Leistungen jenes Helfernetzwerks in Tirol, ohne das die „Operation Greenup" unmöglich gewesen wäre, sei bisher nicht entsprechend gewürdigt worden, betont Pirker: „Mit Ankunft der Agenten vor Ort ergab sich für einfache Menschen in Oberperfuss und Innsbruck die Chance, im Widerstand mitzuhelfen — was sie mit großem Herzen und hoher Risikobereitschaft taten." Dabei hoben sich vor allem mutige Frauen hervor, u. a. die Schwestern von Franz Weber, dessen Verlobte Anni und besonders deren Mutter Anna Niederkircher, Wirtin des Hotels Krone in Oberperfuss: Sie half beim Verstecken der Agenten im Ort und hatte als lokale Autorität Vorbildwirkung für andere Oberperfer Familien. „In Oberperfuss und zum Teil auch Innsbruck wurden die Agenten sehr gut geschützt, trotz massiven Drucks der Gestapo", bilanziert Pirker.

So gelang es dem Agenten­trio, sehr präzise und wichtige Informationen zu übermitteln, die laut Pirker konkrete Folgen hatten — etwa eine effektivere Bombardierung der Nachschublinien.

Zum „erfolgreichsten OSS-Einsatz auf dem gesamten mediterranen Kriegsschauplatz" (zu dem auch die Alpen zählten) sei „Greenup" vor allem durch die letzten Kriegstage geworden, erklärt Pirker. Die Interventionen und die Präsenz von Fred Mayer — der auch verhaftet und schwer gefoltert wurde —, sein Einwirken auf Gauleiter Franz Hofer lieferten einen entscheidenden Beitrag zur kampflosen Befreiung von Innsbruck. Darauf konnten die Tiroler Widerstandskämpfer um Karl Gruber aufbauen.

Pirker macht die Bedeutung klar: „Es gibt viele andere Beispiele, wo das nicht gelungen ist — und es gerade in den letzten Kriegstagen noch viele Todesopfer gab."

Operation Greenup: Tagung und Buch

Eine internationale Tagung am Freitag, den 29. März, beleuchtet die Operation Greenup und ihren Beitrag zur Befreiung Innsbrucks im Jahr 1945 im größeren historischen Kontext. Unter den Vortragenden sind Historiker der Universitäten Oxford, Freiburg und Wien.

Die Tagung (Titel: "Transnationaler Widerstand und Befreiung 1945") findet von 9 bis 12 und 13.30 bis 18 Uhr im Innsbrucker Landhaus (Großer Saal) statt und ist für alle Interessierten frei zugänglich! Veranstalter: Uni Innsbruck, Uni Wien, Gemeindemuseum Absam.

Buchpräsentation: Im Anschluss an die Tagung, um 19.30 Uhr, präsentiert Historiker Peter Pirker im ORF-Landesstudio Tirol sein neues Buch Codename Brooklyn. Jüdische Agenten im Feindesland. Die Operation Greenup 1945" (Tyrolia-Verlag).Platzreservierung unter Tel. 0512/566533 oder studio3.tirol@orf.at.