Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Do, 30.05.2019


Exklusiv

Verstopfung, die sich als Durchfall tarnt: Kinderchirurg klärt auf

Nichts geht mehr: Kinder können über lange Zeit unter einer Verstopfung leiden, ohne dass dies die Eltern erkennen. Ein Kinderchirurg klärt auf.

Manchmal bleibt der Topf leer, manchmal koten die Kinder ein. Dahinter steckt nicht selten eine Verstopfung.

© iStockphotoManchmal bleibt der Topf leer, manchmal koten die Kinder ein. Dahinter steckt nicht selten eine Verstopfung.



Von Theresa Mair

Innsbruck – Oliver Renz, Kinderchirurg an der Innsbrucker Uniklinik, beschreibt den Darm mit dem Bild eines verschlungenen Gartenschlauchs: Eine Verstopfung müsse man sich vorstellen wie einen Schlauch, der mit Erbsen gefüllt ist. „Wenn von oben der neue Stuhl nachkommt, drückt es die Erbsen unten immer weiter zusammen“, so seine logische Erklärung. Die Entwicklung könne über Monate und Jahre gehen. Bis schließlich nur noch die flüssigen Anteile an den Erbsen – die im Falle einer Verstopfung harte Kotsteine sind – vorbeikommen. Oft landet der schmierige Stuhl dann in der Unterhose. Oder das Kind kann gar nicht mehr auf die Toilette gehen.

„Meistens, wenn Eltern beim unwillkürlichen Einkoten meinen, dass es Durchfall ist, handelt es sich eigentlich um eine Verstopfung“, sagt Renz. Und das ist nicht selten. Der Kinderchirurg hat nachgezählt und war selbst überrascht: „Zehn Prozent der Kinder, die mit unklaren Bauchschmerzen in die kinderchirurgische Abteilung kommen, werden wegen Verstopfung stationär aufgenommen. Das sind rund 20 Kinder pro Jahr.“ Am 18. Juni hält Renz anlässlich der Welt-Kontinenz-Woche an der Innsbrucker Klinik einen Vortrag zu dem Thema (siehe Infobox), das Kinder aller Altersgruppen – typischerweise aber im frühen Schulalter – betreffen kann, tendenziell jedoch mehr Buben als Mädchen.

Wenn Kleinkinder über Bauchschmerzen klagen, der Stuhl übel riecht, dunkel ist und schmiert, dann sollten Eltern dem Kind auf keinen Fall Medikamente verabreichen, die Durchfall stoppen. Diese würden dem Kot nur noch mehr Wasser entziehen und das Problem verschärfen, indem sie die Darmtätigkeit hemmen. Oft bessern sich die Bauchschmerzen dann kurzfristig, um dann doppelt so stark zurückzukommen.

„Der Bauch muss vom Hausarzt abgetastet werden. Ein erfahrener Arzt ertastet die Darmschlingen und kann unterscheiden, ob es ein durch Bakterien oder Viren hervorgerufener Infekt ist oder eine Verstopfung.“ Dann müsse auch nicht sofort ein Röntgen stattfinden. Auf dem Röntgenbild sei ein mit „Stuhl ausgemauerter Darm“ zwar sehr deutlich erkennbar. „Wir machen das aber sehr ungern wegen der Strahlenbelastung.“ Im Bedarfsfall überweist der Hausarzt den kleinen Patienten an die kinderchirurgische Ambulanz.

Nur dort darf laut Renz bei einem Kind ein so genannter hoher Einlauf mit bis zu 500 Milliliter Kochsalzlösung und Glyzerin von Fachpersonal durchgeführt werden. „Mit einem Einlauf ambulant ist es aber nicht getan. Die Kinder müssen sieben bis zehn Tage stationär behandelt werden. Das ist sehr zeit- und personalaufwändig. Wir entlassen sie erst, wenn der Stuhl draußen ist und alles wieder gut läuft.“

Im Krankenhaus erhalten die jungen Patienten zudem eine Therapie mit psychologischer Betreuung und Ernährungsberatung. Denn die Gründe, die hinter einer Verstopfung stecken, können vielschichtig sein. Schulstress, Mobbing oder familiäre Änderungen können auf die Verdauung schlagen. „Wir schauen, ob es in die Richtung gehen kann und ob man den Kindern helfen könnte, indem man ein Gespräch führt, oder ob es weiterführende psychologische Betreuung braucht.“ Einen großen Anteil hat allerdings auch die Ernährung. Im Gespräch stelle sich immer wieder heraus, dass Eltern bereits eine Essensumstellung versucht haben und überzeugt sind, mit einer ballaststoffreichen Kost alles richtig zu machen.

Aber: „Eine ballaststoffreiche Kost ist falsch, wenn man dem Kind nicht genügend Flüssigkeit gibt – und zwar Wasser, Früchte- oder Kamillentee. Der Darm braucht Flüssigkeit über den ganzen Tag verteilt. Wenn man nur einmal viel zu trinken gibt, wird lediglich die Niere belastet und alles auf einmal ausgeschieden.“ Limos, Kakao, Milch, Süßigkeiten und Bananen sind bei Verstopfungsneigung tabu.

Meistens sei das Problem hausgemacht. Oft bekämen die Eltern auch gar nicht mit, was der Nachwuchs den ganzen Tag zu sich nimmt. Wenn es schon zu spät und das Kind verstopft ist, dann ist ballaststoffreiche Kost keine Option mehr. Leicht verdauliche Schonkost steht dann auf dem Menüplan.

Nach dem Klinikaufenthalt klappt es Renz zufolge dann aber meistens mit dem regelmäßigen Stuhlgang und es kommt zu keinem Rückfall mehr. In seltenen Fällen könne jedoch auch eine körperliche Ursache für Verstopfungen verantwortlich sein. Es gibt gewisse Krankheiten, bei denen Stuhl nicht herauskommt, z. B. eine nervale Innervationsstörung oder ein zu kleiner Darmausgang. „Das fällt aber meist schon im Säuglings- oder Kleinkindalter auf.“

Ein Darmverschluss wegen einer Verstopfung sei bei einem ansonsten gesunden Kind die absolute Ausnahme. Angst vor einer Operation muss man übrigens nicht haben. Nur im Extremfall müssten große Kotsteine mechanisch entfernt werden.

Helena Talasz ist Präsidentin der MKÖ Tirol.
Helena Talasz ist Präsidentin der MKÖ Tirol.
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„Meistens, wenn Eltern meinen, dass es Durchfall ist, handelt es sich eigentlich um eine Verstopfung.“
Oliver Renz
 (Kinderchirurg)
„Meistens, wenn Eltern meinen, dass es Durchfall ist, handelt es sich eigentlich um eine Verstopfung.“ Oliver Renz
 (Kinderchirurg)
- Tirol Kliniken

Beckenboden-Gesundheit

Das Kontinenz- und Beckenbodenzentrum Innsbruck feiert heuer sein zehnjähriges Bestehen. Anlässlich der Welt-Kontinenz-Woche lädt es zusammen mit der Medizinischen Kontinenzgesellschaft Österreich (MKÖ) und der Arbeitsgemeinschaft für Coloproctologie zum Infonachmittag an der Innsbrucker Klinik.

Experten der Uniklinik Innsbruck und des Krankenhauses Hochzirl informieren über Entleerung der Blase (Urologie), Entleerungsstörungen der Frau (Gynäkologie), Verstopfung im Kindesalter, Entleerungsprobleme des Darms (Chirurgie), psychologische Aspekte bei Entleerungsstörungen und wie sich die Atmung positiv auf den Beckenboden auswirken kann.

Termin: 18. Juni, 16 bis 18.30 Uhr im kleinen Hörsaal der Frauen-Kopf-Klinik Innsbruck, Eintritt frei.