Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Fr, 31.05.2019


Tirol

Drei ziehen an einem Strang: Schüler entwickeln Flaschenzug für Bergungen

Für ihre Diplomarbeit haben drei Tiroler HTL-Schüler einen Differentialflaschenzug gebaut. Ein System, das es zuvor so noch nicht gab. Die Bergrettung ist begeistert.

Die drei jungen Erfinder.

© 190529_TT_LebenfreitagDie drei jungen Erfinder.



Von Manuel Lutz

Innsbruck – Wenn in ein paar Jahren bei Bergungsaktionen viel Kraft und Zeit gespart werden kann, ist dies wohl auf drei Tiroler Schüler zurückzuführen. Denn Tobias Schauer, Noah Scheiring und Andreas Ladner von der Maschinenbauabteilung der HTL Anichstraße haben sich mit einem so genannten Differentialflaschenzug etwas ganz Spezielles überlegt: Mit ihrem Prototyp können beliebig hohe Übersetzungen erzielt werden, was somit für effizientere Rettungsaktionen sorgt. Zudem werden Reibverluste minimiert.

Eine weitere Besonderheit ihres „Diffrec Pro“: Differentialflaschenzüge wurden bislang nur mit Ketten realisiert – die Erfindung des Trios wird hingegen mit einem Seil betrieben. Für die Bergliebhaber ist klar: „Im alpinen Gelände ist ein Seil feiner als Ketten.“

Schon mit wenigen Personen kann eine optimale Bergung stattfinden. „Das Ziel war, alles so einfach wie möglich zu machen, da es aktuell noch sehr schwierig ist“, erklärt Schauer. Der 19-Jährige ist selbst bei der Bergrettung tätig und weiß daher, wovon er spricht. Die Idee dazu kam übrigens von Martin Huber, einem der beiden Betreuungslehrer: „Ich bin selbst bei der Bergrettung und hatte dies schon lange im Kopf.“

Nach genauer Recherche und Konkurrenzanalyse war klar, dass kein System dieser Art am Markt vertrieben wird und auch kein Patent verletzt wird. Das Herzstück ihres Projekts ist die Differentialrolle. Damit kann aktuell zwischen drei verschiedenen Übersetzungen (1:5, 1:6, 1:21,5) gewählt werden.

Andreas Ladner, Tobias Schauer und Noah Scheiring (hinten von links) setzten das Projekt mit Martin Huber (l.) und Benedikt Frischmann um.
Andreas Ladner, Tobias Schauer und Noah Scheiring (hinten von links) setzten das Projekt mit Martin Huber (l.) und Benedikt Frischmann um.
- Rudy De Moor

Das Wechseln der Übersetzung ist während des Betriebs möglich, da man das System öffnen und umlegen kann. Ein Stachelprofil hilft, dass das Seil nicht durchrutscht. Damit soll die Rettung am Berg revolutioniert werden. „Die Herstellung des Prototyps hat mit Arbeitszeit 3000 Euro gekostet. Das Teuerste war die Rolle“, berichten die Erfinder. Erst durch Sponsoren konnte alles realisiert werden. Sollte es gelingen, einen Partner zu finden, könnte man in Produktion gehen und den innovativen Mechanismus zu einem „leistbaren Preis“ vertreiben.

Bei diesem Vorhaben möchte Hermann Spiegel, Landesleiter der Bergrettung Tirol, dem Team helfen: „Wir werden Kontakte zu möglichen Produzenten herstellen und auch das nötige Know-how liefern. Ich bin sowohl als älterer Mensch als auch als Bergretter sowie Techniker Feuer und Flamme für diese Idee.“

Am liebsten würde Spiegel den neuen Flaschenzug sofort einsetzen. In gewissen Situationen wäre er nämlich sehr interessant: „Bei der Arbeit in einer Gletscherspalte oder auch bei räumlich sehr begrenzten Standorten, wenn man nicht viele Leute positionieren kann, wäre es eine Erleichterung.“ Vorerst, so der Bergrettungs-Chef, wäre der Flaschenzug allerdings nur auf den Bereich der Rettung beschränkt. Ob das Gerät eines Tages auch für Bergsteiger interessant werden könnte, kann man zwar noch nicht sagen, dennoch ist klar: „Aufgrund des geringen Gewichts ist es universell einsetzbar.“

Benedikt Frischmann, der zweite Betreuungslehrer, ist stolz auf seine Schützlinge: „Sie kommen bei allen Bewerben ins Finale. Den Contest ,Be the Best‘ haben sie sogar gewonnen.“ Eine weitere Würdigung kommt von Huber: „Was die Jungs geschafft haben, hätte ich nicht können.“ Das viele Lob haben sich die Schüler für die harte Arbeit verdient. Die Maturanten steckten immerhin 960 Arbeitsstunden in das Projekt. Auch jetzt sind sie noch überzeugt, dass sie die richtige Wahl für ihre Diplomarbeit getroffen haben und sich sofort wieder dafür entscheiden würden: „Wir wollten kein 08/15-Projekt machen, einen Verbrennungsmotor macht fast jeder. Es ist lässig und rentiert sich. Da holt man am meisten raus. Auf der Suche nach einem Beruf tut man sich auch nicht mehr ganz so schwer.“

Auch wenn es zu Weihnachten 2018 einmal „knapp“ wurde, haben sie nie an der Fertigstellung gezweifelt: „Wir haben schon kurz geschwitzt, waren aber immer zuversichtlich, dass es funktioniert.“ Dabei kam dem Team auch die Hilfe anderer Lehrer zugute: „Oft haben wir gefragt, ob wir in die Schul-Werkstatt dürfen.“

Ganz zufrieden sind die drei Freunde jedoch noch nicht: „Unser Ziel ist es, dass unser Differentialflaschenzug auch zum Einsatz kommt. Und danach wollen wir ihn auf alle Branchen ausweiten, nicht nur auf die Bergrettung.“

Zuvor muss aber noch die mündliche Matura absolviert werden.