Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mi, 05.06.2019


Astronomie

Weißt du, was da oben leuchtet?

Die ersten 60 von 12.000 geplanten Satelliten für ein Internet-Projekt kreisen um die Erde. Astronomen beklagen die hellen Punkte, Forscher sehen eine erhöhte Gefahr von Kollisionen.

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Von Matthias Christler

Innsbruck — Aufgefädelt wie an einer Perlenkette ziehen 60 neue Satelliten seit wenigen Tagen ihre Kreise um die Erde. Man kann sie dabei mit einem Fernrohr beobachten, denn die Perlen strahlen am Himmel. Sie leuchten zwar nicht selbst, aber wenn sie von der Sonne angestrahlt werden, wird das Licht von der glatten Oberfläche der Satelliten reflektiert. Vor allem kurz nach Sonnenuntergang und vor Sonnenaufgang leuchten sie als helle weiße Punkte am Nachthimmel.

Und sie leuchten so hell, dass man sie mit Sternen verwechseln könnte. Ein niederländischer Astronom hat ein Video davon gemacht. Seitdem wird über die neuen Himmelskörper, die Teil eines in dieser Größenordnung unvergleichlichen Satelliten-Projekts von SpaceX sind, heftig diskutiert.

Das Unternehmen von Elon Musk plant, sollte der aktuelle Test mit den ersten 60 Satelliten erfolgreich verlaufen, bis 2025 insgesamt 12.000 davon in die Erdumlaufbahn zu schießen. Das Ziel der „Starlink"-Mission ist es, ein weltumspannendes Netz für ein Internet aus dem All zu spinnen. Die Freude darüber hält sich bei Amateur-Astronomen in Grenzen, auch beim Tiroler Rainer Eisendle: „12.000 Satelliten sind schon eine Ansage. Jetzt sind schon viele im Bild, wenn man ein Foto vom Nachthimmel macht. Gerade vorgestern habe ich ein Objekt vom Weerberg aus durch das Fernrohr gesehen", erklärt Eisendle, der seit 19 Jahren zum Astrostammtisch ins Hotel Heiligkreuz in Hall einlädt.

Die Kinderlied-Frage lautet also nicht mehr: „Weißt du, wie viel Sternlein stehen?" — jetzt muss man fragen: „Weißt du, wie viel Satelliten fliegen?" Derzeit sind es laut der Europäischen Weltraumorganisation ESA 4950 Satelliten, 1950 aktive und 3000 ausgediente. Die wenigsten leuchten so hell wie jene von SpaceX. Doch allein die ersten 60 des Starlink-Projekts in einer Höhe von 440 Kilometern über der Erde haben den Nachthimmel bereits verändert. „Der Weltraum gehört allen, aber Elon Musk macht das zu seinem Gebiet", ärgert sich Eisendle, der nicht nur die Hobby-Astronomie in Gefahr sieht. Auch die riesigen Radio-Teleskope, wie sie etwa von den chilenischen Anden tief ins All blicken, dürften durch die neuen hellen Punkte und die Funksignale, die davon ausgehen, gestört werden.

Auf der Aufnahme eines Astronomen aus den Niederlanden sieht man eine Gruppe der neuen SpaceX-Satelliten.
Auf der Aufnahme eines Astronomen aus den Niederlanden sieht man eine Gruppe der neuen SpaceX-Satelliten.
- Marco Langbroek

Und noch eine Frage, frei nach dem Kinderlied, wird schon seit einigen Jahren immer wieder gestellt. „Weißt du, wie viel Müll im All schwebt?" Viel, sehr viel! Die ESA schätzt, dass durch alte, zerstörte Satelliten und Reste von Abschussstufen von Trägerraketen inzwischen 900.000 Teile mit einer Größe von über einem Zentimeter um die Erde schweben. Konstanze Zwintz am Institut für Astro- und Teilchenphysik der Universität Innsbruck warnt wie viele Kollegen deshalb vor noch mehr Weltraumschrott. „Wenn jemand plant, 12.000 neue Satelliten in den Orbit zu schicken, sind das 12.000 neue Teile — und das erhöht die Gefahr von Zusammenstößen. Der Gürtel dort oben ist jetzt schon sehr eng", sagt die Astrophysikerin, die selbst Erfahrung mit Satelliten hat. Sie ist die Vorsitzende des ersten österreichischen Satelliten-Projekts, bei dem 2013 zwei Nano-Satelliten (Brite) ins All geschickt wurden. Diese kleinen Objekte wiegen etwa 7 kg, die Starlink-Satelliten etwas mehr als 200 kg. Sie sind nicht nur schwerer, sondern auch größer und bieten eine größere Angriffsfläche. „Die Teile im All fliegen so schnell wie eine Kugel einer Pistole. Wenn so ein Teil, auch wenn es nur 1 cm groß ist, auf einen Satelliten oder die Internationale Raumstation ISS trifft, entsteht ein großer Schaden", erklärt Zwintz.

Die USA, Russland und die Europäische Weltraumorganisation betreiben Netzwerke zur Überwachung aller Objekte in der Erdumlaufbahn und leiten Warnungen vor Kollisionen weiter — 2017 meldete das US-System laut dem Business Insider mehr als 300.000 mögliche Zusammenstöße, 655 wurden als kritisch eingestuft.

Übrigens verfolgt nicht nur SpaceX Pläne für ein Internet aus dem All. Auch Airbus hat Anfang des Jahres in Kooperation mit der Firma One-Web Satelliten im Orbit platziert, weitere Unternehmen wollen nachziehen. Der Nachthimmel wird sich verändern. Sternbilder wie der Große Wagen werden öfter durchkreuzt werden — von neuen, künstlichen Objekten am Sternenhimmel wie der langen Perlenkette.

So vermüllt ist der Weltraum

Satelliten. Der erste Satellit, Sputnik 1, wurde 1957 von Russland ins All geschossen. 62 Jahre später ist die Zahl auf 4950 Satelliten angestiegen. 3000 davon fliegen zwar noch, sind aber außer Funktion. SpaceX will bis 2025 insgesamt 12.000 weitere Satelliten ins All schicken.

Weltraumschrott. 900.000 kleine Schrottteile mit einer Größe von über einem Zentimeter fliegen um die Erde. Weil sie bei Satelliten großen Schaden anrichten können, gibt es Pläne für eine „kosmische Müllabfuhr". Satelliten sollen z. B. mit Netzen ausgestattet werden, die Trümmer einsammeln.

Alle Objekte rund um die Erde. Wer genau sehen will, wie viele Objekte rund um die Erde fliegen, kann das auf der Seite http://stuffin.space verfolgen. Alle Satelliten und auch größeren Schrottteile werden in ihrer aktuellen Position in einer 3D-Darstellung angezeigt.