Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Sa, 13.07.2019


Bezirk Landeck

Archäologische Grabungen: „Vielleicht war Fließ einst die Hauptstadt Tirols“

Bei Fließ wurde eine bronzezeitliche Siedlung freigelegt. Archäologen freuen sich über neues Wissen. Die Grabung war kostspielig.

Bis gestern wurde beim Fließer Schwimmbad gegraben.

© ReichleBis gestern wurde beim Fließer Schwimmbad gegraben.



Von Matthias Reichle

Fließ – Eine kleine, fein verzierte Fibel, Tonscherben mit eleganten Ritzmustern, aber auch grobe, wulstige Bruchstücke von Kochgeschirr, ein Fingerring und eine große Gewandnadel: Archäologe Christoph Faller hat die Schätze auf einem Tisch ausgebreitet – und ist begeistert. Sie alle landeten einst im Abfall oder wurden von ihren Besitzern verloren, heute erzählen sie den Ausgräbern von einer längst vergangenen Zeit.

Auf dem Gelände rund um das Fließer Freibad gab es bereits vor über 3000 Jahren eine Siedlung. Beim Bau des neuen Sportzentrums stieß man auf alte Spuren dieser Ur-Fließer, die bereits in der Spätbronzezeit (1200–1000 v. Chr.) hier gelebt haben. In den letzten zwölf Wochen wurde der Bereich im Rahmen einer Notgrabung freigelegt. Der Laie sieht auf den ersten Blick nicht viel – „die Häuser damals waren in Holzbauweise“, erklärt Faller. Erhalten sind die Steine, die als Unterlage dienten, sowie die Terrassen, die die Bewohner der Gebäude am Hang anlegten. „Es war mindestens ein Weiler oder ein kleines Dorf“, erzählt er. Insgesamt fünf Gebäude konnte sein Team sichern. Zudem Funde, die bis in die Hallstattzeit reichen.

Eine fein verzierte Fibel.
Eine fein verzierte Fibel.
- Reichle

In der Region ist Fließ das größte vorchristliche Siedlungsgebiet, so Johannes Pöll vom Bundesdenkmalamt. „Interessant ist, dass das damalige Dorf außerhalb des heutigen Zentrums liegt.“ Nach dieser Entdeckung weiß man nun von drei Siedlungsstellen in Fließ . Die zwei anderen liegen beim Schloss (Mittelbronzezeit) und beim heutigen Dorfzentrum (ab dem 6. Jh. v. Chr.) – „es waren keine armen Leute, sie haben sicher am Handel teilgenommen“, so Pöll.

„Vielleicht waren wir einst die Hauptstadt Tirols“, schmunzelt Bürgermeister Hans-Peter Bock. Für ihn ist die Lage der Siedlung durchaus nachvollziehbar. „Hier gibt es eine Quelle, die heute für das Schwimmbad gefasst ist.“

Durchaus kostspielig war die Grabung mit knapp 100.000 Euro, wobei an die 50 Prozent vom Bund übernommen werden. Mitberücksichtigen müsse man, dass die Bagger während der Grabung auf „halber Leistung liefen“, so Bock. Es sei der Bevölkerung nicht einfach zu erklären – einerseits die Verzögerung beim Bau, andererseits die finanzielle Seite. „Die Leute arbeiten weit über 10.000 Stunden freiwillig am Sportzentrum mit“, sonst könne man es sich nicht leisten. Gleichzeit müsse man nun viel Geld für die Archäologie ausgeben. In seiner Brust würden zwei Herzen schlagen. Die Grabung sei aufgrund der Geschichte interessant.

Von einem guten Kosten-Nutzen-Verhältnis spricht hingegen Pöll. Man sei bei der Grabung einen Kompromiss eingegangen. Die Archäologen hätten unter großem Druck gearbeitet.

Gestern war der letzte Grabungstag. Nun verschwindet das historische Dorf unter dem Sportplatz. Nicht alle Funde lässt sich übrigens erklären, wie z. B. Gruben, die man ursprünglich für Gräber hielt. „Wir haben keinen Baubescheid mehr gefunden“, scherzte Bürgermeister Bock. Das würde wohl vieles vereinfachen.

Bürgermeister Hans-Peter Bock, Archäologe Christoph Faller und Johannes Pöll vom Bundesdenkmalamt nahmen die Funde unter die Lupe.
Bürgermeister Hans-Peter Bock, Archäologe Christoph Faller und Johannes Pöll vom Bundesdenkmalamt nahmen die Funde unter die Lupe.
- Reichle