Letztes Update am Do, 08.08.2019 09:59

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Der IQ in Gefahr: Warum die Intelligenz sinkt

Lange Zeit stieg unsere Intelligenzleistung. Nun sinkt sie. Doch keine Sorge: Der Wiener Intelligenzforscher Jakob Pietschnig ist überzeugt, dass unseren Enkeln nicht der intellektuelle Niedergang droht.

Lange Zeit stieg unsere Intelligenzleistung. Nun sinkt sie.

© iStockLange Zeit stieg unsere Intelligenzleistung. Nun sinkt sie.



Herr Pietschnig, was ist Intelligenz? Ein Beispiel: War Robinson Crusoe intelligenter als Freitag? Crusoe hatte jahrelang Zugang zu Schulbildung. Freitag hingegen war ein Eingeborener, der nie eine Schule gesehen hat. Doch auf der Insel war er überlegen.

Jakob Pietschnig: Eine andere Umwelt erfordert eine andere Herangehensweise an Probleme. Wer kognitiv flexibler ist, lernt schneller, was er braucht, um das bestmögliche Ergebnis zu erreichen. Der Intelligenzquotient (IQ) ist die Referenzzahl, die meine Position im Vergleich zur repräsentativen Grundgesamtheit angibt. Nur zwei Prozent der Bevölkerung liegen über dem IQ von 130. IQ-Tests sind so gestaltet, dass sie verschiedene spezifische Fähigkeiten erfassen. Es gibt nicht den einen Test, sondern viele Test-Batterien und Subtests. Ein Fluglotse muss in Raumvorstellung und Vigilanz, der Fähigkeit, trotz Monotonie konzentriert zu sein, überzeugen. Ein Journalist muss verballastige Aufgaben meistern.

Zwischen 1909 und 2013 stieg der IQ der Allgemeinbevölkerung um 30 Punkte. Nun nimmt die Intelligenzleistung ab. Droht unseren Enkeln der intellektuelle Niedergang?

Pietschnig: Das würde ich nicht sagen. Knapp 100 Jahre lang wurden Zuwächse verzeichnet – bei der kristallinen wie fluiden Intelligenz. Erstere bezieht sich auf bildungsabhängiges Wissen. Wie heißt die Hauptstadt von Burkina Faso? Fluide Intelligenz bezeichnet etwa Schlussfolgern. Welche Zahl folgt auf 2, 4, 6, 8, 10? Seit rund 20 Jahren beobachten wir eine Abnahme der Intelligenzleistung – was wir anfangs für einen Ausreißer aus der Statistik hielten. Doch die Anzeichen haben sich gehäuft. Nicht nur in Europa. Die Entwicklung dürfte der Ausdruck der steigenden Fähigkeits-Spezialisierung, sinkenden Generalisierung und geänderten Anforderungen der Umwelt an unsere Fähigkeiten sein. Hier stellt sich mir die Frage, was wir von einer Gesellschaft erwarten. Ist es befriedigend, wenn jeder nur über sein Themengebiet sprechen kann?

Befriedigt es Sie?

Pietschnig: Aus Sicht humanistischer Romantik wäre es wünschenswert, wenn jeder das Bild kennt, nicht nur einen Ausschnitt. Nur so können wir gut kommunizieren. Wollen wir nicht nur Bereichs-Experten, müssen wir unter anderem das Bildungssystem anpassen. Derzeit geht der Trend dahin, sich schon in der Schule zu spezialisieren, indem man Fächer abwählt. Wir werden sehen, wie sich das auf unser Zusammenleben auswirkt. Generalisten, wie den Forscher Humboldt, wird es künftig jedenfalls nicht mehr häufig geben.

Zur Person

Jakob Pietschnig ist Psychologe und Intelligenzforscher an der Universität Wien. Dort befasst sich der 37-Jährige vor allem mit Intelligenz und populationsspezifischen Veränderungen.

Eltern können das ein wenig beeinflussen. Wie können sie zudem den IQ ihrer Kinder fördern – etwa durch Ernährung und Handynutzung?

Pietschnig: Was digitale Inhalte angeht, erscheint jedes Jahr eine andere Studie. Eine besagt, dass schlussfolgerndes Denken durch Digitalisierung trainiert wird. Die andere ist überzeugt, dass wir uns nichts mehr merken, weil wir alles nachschlagen können.

Ernährung spielt in der frühen Kindheit eine wichtige Rolle. Wenn das Zentralnervensystem ausgebildet wird, gehen 90 Prozent der Energie in die Gehirnentwicklung. Bekommt das Kind dann nicht genug Energie, werden dessen kognitive Fähigkeiten geringer sein. Auch in Österreich gibt es Bevölkerungssegmente, die nicht optimal ernährt sind. Hier gäbe es Potenzial, den IQ durch gesellschaftspolitische Maßnahmen zu steigern. Dasselbe gilt für Bildung und medizinische Versorgung.

Oft wird gemutmaßt, der sinkende Intelligenzquotient sei die Folge der Migration. Stimmen Sie dem zu?

Pietschnig: Diese Hypothese basiert nur auf einer theoretischen Basis. In den Datensätzen, die wir bearbeiten, kommen im Grunde keine Migranten vor. Stellen Sie sich vor, Sie migrieren unter Gefahren in ein fremdes Land – dann ist es sicher nicht ihr erster Gedanke, im Gastland einen IQ-Test zu absolvieren.

Wer nimmt stattdessen an den IQ-Tests teil?

Pietschnig: Der Großteil der Daten stammt aus Militärrekrutierungsstichproben. Die beinhalten fast nur Daten von Männern. Frauen wurden lange kaum untersucht. 2011 wurde gezielt versucht, diese Lücke zu schließen – mit dem Ergebnis, dass sich die Daten von Männern und Frauen nicht unterscheiden. Neben den Daten des Militärs beziehen wir weitere, unter anderem von Studenten und Patienten-Routinescreenings.

Wie steht es um den IQ von Pensionisten – erkennen Sie in den Patientendaten die Entwicklung von Krankheiten wie Demenz?

Pietschnig: Das Medianalter der Getesteten liegt weit unter 30 Jahren. Klar ist, dass die fluide Intelligenz den Zenit bei 20-Jährigen hat. Danach nimmt sie ab. Deprimierend für mich als 37-Jährigen. Die kristalline hingegen nimmt bis ins hohe Alter zu.

Wie hoch ist Ihr IQ?

Pietschnig: Es wäre unsportlich, wenn ich einen Test mache. Intelligenz ist schlecht trainierbar, aber man kann Tests üben, wenn man deren Gestaltungsprinzipien kennt. Wäre mein Ergebnis schmeichelhaft, müsste man fragen, ob es an meinem IQ liegt oder daran, dass ich mich jeden Tag mit Tests beschäftige.

Wird Intelligenz vererbt?

Pietschnig: Da gehen die Schätzungen massiv auseinander. Die einen sagen zu 90 Prozent, die anderen zu zehn Prozent. Es gibt dazu eine interessante Studie, für die unterprivilegierte Kinder im Vorschulalter an Förderprogrammen teilnahmen. Nach intensivem Intelligenztraining schnitten sie für ein Jahr besser bei IQ-Tests ab. Doch sechs, sieben Jahre später war dieser Vorsprung nicht mehr nachweisbar. Positiv war trotzdem, dass die geförderten Kinder seltener die Schule abbrachen, bessere Jobs fanden und insgesamt lebenszufriedener waren als die Vergleichsgruppe. Ein hoher IQ geht mit höherem subjektivem Wohlbefinden einher, mit dem Einkommen, der Langlebigkeit und Zahl der Unfälle.

Das Interview führte Judith Sam


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