Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom So, 11.08.2019


Exklusiv

“Besatzungskinder“: Getrieben von der Suche nach dem Vater

In vielen Familien jahrzehntelang verschwiegen, suchen so genannte „Besatzungskinder“ und deren Enkel bis heute ihre leiblichen Väter – teils mit Erfolg.

Eher selten: Eine britisch-österreichische Hochzeit in Graz.

© Sammlung Stelzl-MarxEher selten: Eine britisch-österreichische Hochzeit in Graz.



Von Liane Pircher

Vera-Maria F. mit ihrem Großvater, einem überzeugten Kommunisten, in Wien. Ihr Stiefvater, ein ehemaliger „Russlandkämpfer“, lehnte hingegen die Tochter eines sowjetischen Besatzungssoldaten ab.
Vera-Maria F. mit ihrem Großvater, einem überzeugten Kommunisten, in Wien. Ihr Stiefvater, ein ehemaliger „Russlandkämpfer“, lehnte hingegen die Tochter eines sowjetischen Besatzungssoldaten ab.
- Sammlung Stelzl-Marx

Innsbruck — Es ist ein Thema, das selbst die Geschichtsforschung lange Zeit möglichst ausgeblendet hatte: In Österreich und Deutschland sind nach dem Zweiten Weltkrieg mindestens 30.000 Kinder von alliierten Soldaten und einheimischen Frauen zur Welt gekommen — nach Liebesbeziehungen, Affären, aber auch nach Vergewaltigungen. Zu Kontakten zwischen einheimischen Frauen und Angehörigen der stationierten alliierten Armeen kam es in allen vier Besatzungszonen — mit US-Amerikanern (u. a. auch afroamerikanische GIs), Sowjets, Briten oder Franzosen. Während es in Ostösterreich vor allem Kinder von Rotarmisten, also russischen Soldaten waren, gab es in Tirol — das Teil der französischen Besatzungszone war — eher Kinder mit marokkanisch-französischen Soldaten. Zu Ende des Zweiten Weltkriegs waren immerhin zwischen 22.000 und 30.000 Soldaten und Offiziere der französischen Kolonialtruppen in Vorarlberg und Tirol stationiert.

Die erst 17-jährige Therese S. verließ wegen ihrer Liaison mit einem sowjetischen Besatzungssoldaten ihr burgenländisches Heimatdorf und zog mit ihm an den Ort seiner Stationierung.
Die erst 17-jährige Therese S. verließ wegen ihrer Liaison mit einem sowjetischen Besatzungssoldaten ihr burgenländisches Heimatdorf und zog mit ihm an den Ort seiner Stationierung.
- Sammlung Stelzl-Marx

Begrüßt wurden solche Kontakte in den seltensten Fällen. Eher war das Gegenteil die Realität: Einheimische, die sich mit „dem Feind" eingelassen hatten, waren von sozialer Ausgrenzung betroffen, wurden oft öffentlich gedemütigt. Ein Teil dieser ledigen Kinder wurden schon als Baby zur Adoption freigegeben oder vom Jugendamt in ein Heim gebracht, andere wuchsen bei ihren Großeltern auf. Besonders schwer hatten es dunkelhäutige Kinder. In seltenen Fällen kam es zu Hochzeiten mit alliierten Soldaten, die teils erst spät erlaubt waren.

In Familien wurde oft ein Mantel des Schweigens über die Herkunft der Kinder gelegt. Erst in den letzten Jahren setzte in Österreich vermehrtes Interesse an den Besatzungskindern und ihrer Geschichte selbst ein. „Nachdem lange zu dem Thema geschwiegen wurde, ist es zunehmend die zweite und dritte Generation, die sich für ihre Wurzeln interessiert", weiß Barbara Stelzl-Marx vom Ludwig-Boltzmann-Institut für Kriegsfolgen. Als Wissenschafterin hat sie sich mit Besatzungskindern beschäftigt, mit vielen Interviews geführt und vor drei Jahren das Buch „Besatzungskinder" (Böhlau Verlag) publiziert. Es gebe Hunderte Geschichten, jede für sich anders, im Kern aber würden sich viele Betroffene verbunden fühlen.

Für das erste Treffen mit seiner österreichischen Tochter Tatjana Herbst legte der ehemalige Besatzungssoldat Nikolaj Taranenko seine schönste Uniform mit allen Orden an.
Für das erste Treffen mit seiner österreichischen Tochter Tatjana Herbst legte der ehemalige Besatzungssoldat Nikolaj Taranenko seine schönste Uniform mit allen Orden an.
- Sammlung Stelzl-Marx
Adele Z. wuchs bei ihren Adoptiveltern in Wien auf. Erst als Jugendliche sollte sie erfahren, dass ihre „Tante“ die leibliche Mutter und ihr Vater ein sowjetischer Besatzungssoldat war.
Adele Z. wuchs bei ihren Adoptiveltern in Wien auf. Erst als Jugendliche sollte sie erfahren, dass ihre „Tante“ die leibliche Mutter und ihr Vater ein sowjetischer Besatzungssoldat war.
- Sammlung Stelzl-Marx

Viele teilen das Gefühl, über Jahre „auf nur einem Bein gestanden zu sein". Manche erfahren erst mit über sechzig von ihrem Schicksal, andere erfahren es nie. Viele haben schon früh eine vage Ahnung: „Für mich war als Kind klar, da fragt man nicht nach, das ist ein schwieriges Thema. Als Kind habe ich mich nicht getraut, näher nachzufragen", schildert eine Betroffene.

Mittlerweile gibt es bei der Vatersuche Unterstützung von außen: So hat die Plattform „Österreich findet euch" — die eigentlich auf „aktuelle" Vermisstenfälle spezialisiert war — eine eigene Anlaufstelle für Besatzungskinder eingerichtet: „Wir haben diesen Schritt gemacht, nachdem sich immer wieder Besatzungskinder gemeldet haben, die nach ihren Vätern suchen", erklärt Christian Mader (www.oesterreichfindeteuch.at). Spuren zu den Vätern zu finden, ist — vor allem, wenn es wenige Infos gibt — meist unmöglich. Oft gibt es nur einen Vornamen oder ein Foto. Staatliche Stellen fühlen sich dafür nicht wirklich zuständig. Allerdings gibt es heute mehr Offenheit. So kam es in Frankreich zu mehr Bewegung und Bewusstsein für die Sache. Dort, so Stelzl-Marx, helfe „Coeurs sans Frontières" („Herzen ohne Grenzen") aktiv bei der Suche. Schwieriger ist die Suche etwa in England.

- Sammlung Stelzl-Marx

Wird ein Vater gefunden, lösen sich oft Lebensfragen: „Es war sehr wichtig und gut für mich, dass ich meine Wurzeln gefunden habe. Ich hatte zu meiner Mutter immer ein gespanntes Verhältnis. Heute weiß ich, sie hatte es sehr schwer und nicht anders gekonnt", erzählt Maria Silberstein, die ihren russischen Vater fand. Andere finden Halbgeschwister. Und damit eine neue Familie.

Dieses Bild zeigt US-Soldaten bei einem Ausflug mit österreichischen Frauen.
Dieses Bild zeigt US-Soldaten bei einem Ausflug mit österreichischen Frauen.
- Sammlung Stelzl-Marx

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