Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Di, 01.09.2015


EU

Von Reibebäumen, Einwanderung und Asyl

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© Luiza Puiu



Alpbach – Der Reibebaum war gestern in Alpbach schnell ausgemacht. Am Podium saß Thilo Sarrazin, ehemaliger SPD-Politiker, Mitglied des Vorstands der Deutschen Bundesbank und umstrittener Buchautor. Im bis zum letzten Sessel gefüllten Saal wurde über „Sackgasse Europa? Asyl- und Flüchtlingspolitik auf dem Prüfstand“ diskutiert. Sarrazin musste sich nicht nur am Podium verteidigen, sondern sah sich auch mit Protesten aus dem Publikum konfrontiert. Dieses bedachte Sarrazins Wortmeldungen teils mit Buhrufen oder zeigte dem Autor die kalte Schulter, sprich stand auf und wandte ihm den Rücken zu. Die Österreichische Hochschülerschaft hatte sich im Vorfeld gegen die Teilnahme Sarrazins in Alpbach ausgesprochen.

Der Autor betonte, dass Flüchtlinge nicht unbedingt Einwanderer seien. Einwanderung und Asyl seien zu trennen. Europa stehe vor einer neuen Situation. Die Flüchtlingsfrage müsse zuallererst vor Ort, also in den betroffenen Regionen, gelöst werden. Wie es „vor Ort“ aussieht, berichtete Nihad Qoja, Bürgermeister in Erbil, Hauptstadt und zugleich auch Sitz der Regierung der Autonomen Region Kurdistan im Irak. Die Region habe 5,5 Millionen Einwohner und 1,8 Millionen Flüchtlinge aufgenommen. „Das ist ein Problem, das wir nicht alleine lösen können“, meinte Qoja am Podium sitzend. Bis dato sei kein Geld aus Europa zur Bewältigung der Flüchtlingskrise nach Erbil geflossen. 86 Prozent der Flüchtlinge seien in den Nachbarregionen untergebracht, in Österreich rechnet man bis zum Jahresende mit 80.000 Flüchtlingen. Eine immer noch überschaubare Zahl, befand Klaus Schwertner, Generalsekretär der Caritas Wien. Während der Ungarnkrise habe Österreich 160.000 Flüchtlinge aufgenommen. Ein Lösungsansatz wäre aus Schwertners Sicht unter anderem ein legaler Weg zum Asyl. Schärfere Kontrollen, wie jetzt in Österreich veranlasst, würden nur dazu führen, „dass die Schlepperei teurer wird und noch mehr Menschen sterben“. (aheu)

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