Letztes Update am Mi, 09.12.2015 17:47

DPA / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


“TIME“ HAT GEKÜRT

Kanzlerin der freien Welt: Merkel ist „Person des Jahres“

Die Flüchtlingsströme. Die Eurokrise. Die Pleite Griechenlands. Das Gezerre um die Ukraine. Wieder und wieder steuerte Angela Merkel ihr Land und Verbündete durch unsicheres Fahrwasser. Für ihre Politik des „Wir schaffen das“ kürt „Time“ sie nun mit der höchsten Auszeichnung.

Bundeskanzlerin Angela Merkel.

© REUTERSBundeskanzlerin Angela Merkel.



New York/Berlin – Was passt nicht in die Reihe: Sowjet-Diktator Josef Stalin, Nazi-Reichskanzler Adolf Hitler, Terror-Kalif Abu Bakr al-Bagdadi und Bundeskanzlerin Angela Merkel? Dass das US-Magazin „Time“ die CDU-Politikerin mit dem Titel „Person des Jahres“ 2015 kürt, muss als Würdigung von Merkels unermüdlichem Krisenmanagement und ihrer Führungsstärke verstanden werden. Zugleich tritt die 61-Jährige damit in den Kreis einer höchst fragwürdigen Gesellschaft.

- REUTERS

Zwar sind es häufig Verfechter des Friedens, mutige Abenteurer und kühne Wissenschaftler, die zur „Person of the Year“ (POY) gewählt werden. Der indische Widerstandskämpfer und Pazifist Mahatma Gandhi (1930) war ebenso dabei wie der schwarze Bürgerrechtler Martin Luther King (1963) und der reformorientierte Kremlchef Michail Gorbatschow (1987, 1989). Gleich elf US-Präsidenten wurden insgesamt 19 Mal mit dem Titel ausgezeichnet, was den amerikanischen Fokus des Journals betont. Auch einflussreiche Frauen waren hin und wieder dabei.

Fragwürdige Personen des Jahres

Doch mit Hitler (1938) und Stalin (1939, 1942) sowie nun mit Al-Bagdadi (Platz 2) und US-Präsidentschaftsbewerber Donald Trump (Platz 3) hebt „Time“ die Kanzlerin auch in eine Gruppe von Massenmördern, brutalen Fanatikern und rassistischen Scharfmachern. Warum? Weil es nicht um moralische Rückendeckung geht, sondern darum, den einflussreichsten Menschen im Weltgeschehen und die größten Nachrichten des jeweiligen Jahres zu finden.

Zugleich muss die Wahl auch in 20, 30 Jahren noch Bestand haben. Die stellvertretende „Time“-Chefredakteurin Radhika Jones sprach 2013 vom „archivarischen Wert“ des Titels. Die POY müsse den „Test der Zeit“ bestehen. „Im Idealfall wollen wir, dass unsere Person des Jahres eine Momentaufnahme dessen ist, wo die Welt gerade steht, und ein Bild dessen, wohin sie sich entwickelt. Jemand, oder in seltenen Fällen etwas, das sich wie eine Kraft der Geschichte anfühlt.“ So waren es 2014 die Ärzte im Kampf gegen Ebola, davor Papst Franziskus.

TT-ePaper gratis testen

Jetzt kostenlos TT-ePaper lesen, das Test-Abo endet nach 4 Wochen automatisch

Schritt 1 / 3

In nur 30 Sekunden gelangen Sie zum kostenlosen Test-Abo.

Schon am 9. Oktober hatten so manche Bürger in Deutschland gespannt auf die Entscheidung der norwegischen Jury in Oslo gewartet, wer den Friedensnobelpreis bekommt. CDU-Politiker hatten die Kanzlerin schon im Frühjahr dafür vorgeschlagen, weil unter ihrer Vermittlung nach 17 Stunden nächtlicher Verhandlung mit dem ukrainischen Präsidenten Petro Poroschenko und Russlands Staatschef Wladimir Putin ein Friedensabkommen für die Ukraine gelungen war.

Griechenland, Ukraine, Flüchtlinge

Dann spielte Merkel eine tragende Rolle bei der finanziellen Rettung Griechenlands. Auch hier brachte eine lange Nacht des Ringens während eines EU-Gipfels im Juli in Brüssel den Durchbruch. Vor allem die harte deutsche Haltung von Merkel und ihrem Finanzminister Wolfgang Schäuble führte dazu, dass Athen schließlich einlenkte und weitere Reformen versprach. Dafür hielt die Europäische Union zusammen und Griechenland wurde vor der Pleite bewahrt. „Kanzlerin der freien Welt“ schreibt „Time“ auf dem neuen Cover – eine Anspielung auf den „Führer der freien Welt“, dem inoffiziellen Titel für US-Präsidenten.

Aber womit Merkel die Welt am meisten begeisterte, war ihre offenherzige Aufnahme von Flüchtlingen in der Not, als Tausende Menschen, darunter viele Syrer, am Bahnhof in Budapest festsaßen und nicht sicher war, ob die ungarischen Sicherheitskräfte eine Eskalation verhindern können. Merkel ging unbürokratisch voran mit ihrem Credo „Wir schaffen das“ und lehnt bis heute auch eine Obergrenze von Flüchtlingen in Deutschland ab. Die eigene Partei hat sie damit nachhaltig verschreckt. Aber viele hielten es im Oktober für möglich, dass der Friedensnobelpreis an Merkel geht. Den bekam aber das tunesische Quartett für den nationalen Dialog.

Nun also „Person des Jahres“. Der CDU-Chefin steht am Montag ein wichtiger Parteitag bevor. Dort wird sich zeigen, inwieweit die CDU ihre Flüchtlingspolitik noch trägt. Die Würdigung ist da eine willkommene Motivation und auch ein aktuelles Signal an die Partei, wie wichtig ihre Vorsitzende und wie groß deren Einfluss in der Welt geworden ist. Merkel habe mehr Mut als die meisten Politiker und eine „unerschütterliche moralische Führung“ bewiesen, erklärt das Magazin. Ein größeres Lob kann ein Regierungschef kaum bekommen. Davon profitiert auch die CDU. Ob die Partei es der Kanzlerin dankt, ist offen.

Ihr Ansehen im Ausland dürfte durch den Titel derweil nur weiter wachsen. „Sie zeigt einen seltenen Willen, zu führen und ihre wenn auch umstrittenen Positionen prinzipientreu zu umschließen“, schreibt Richard Haass vom Council on Foreign Relations. Trump mag auf Twitter noch ätzen, dass Merkel „Deutschland ruiniert“. Doch Jane Merrick, Kolumnistin für den britischen „Independent“, merkt das vielleicht Außergewöhnlichste an der Nachricht aus New York an: dass Merkel diese Auszeichnung nicht schon früher erhalten hat. (dpa)


Mehr Artikel aus dieser Kategorie

Die vierte Nacht in Folge kam es in Katalonien zu Ausschreitungen.Spanien
Spanien

Kein Ende der Massenproteste und Unruhen in Katalonien

Geschlossene Läden, gestrichene Flüge, blockierte Sehenswürdigkeiten - und immer wieder die Estelada, die Flagge der katalanischen Unabhängigkeitsbewegung. E ...

Vor dem Parlament in London bezogen auch nach der Einigung Demonstranten wieder Stellung.die RechteBrexit
die RechteBrexit

Bürger, Finanzen, Atommüll: Worum es im Brexit-Deal auch geht

Der Vertrag mit mehr als 500 Seiten soll einen geregelten EU-Austritt garantieren. Die Dinge, die darin geregelt werden, betreffen die Gibraltar-Frage ebenso ...

brexit2017
„Wenn wir respektiert werden wollen, müssen wir unsere Versprechen erfüllen“, mahnte der scheidende EU-Kommissionschef Jean-Claude Juncker zum Abschied.EU
EU

Juncker verdrückt Tränen zum Abschied nach fast 150 EU-Gipfeln

Jean-Claude Juncker hält sich für einen Vollblut-Europäer. Sein wohl letzter EU-Gipfel endet am Freitag emotional.

Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker und EU-Ratspräsident Donald Tusk übten scharfe Kritik am Unvermögen der EU-Staaten, sich auf Beitrittsgespräche mit Albanien und Nordmazedonien zu einigen.EU-Gipfel
EU-Gipfel

EU-Streit um Budget und Erweiterung: Entscheidung auf 2020 verschoben

Außer auf einen Brexit-Deal konnte man sich beim EU-Gipfel, der am Freitag zu Ende ging, auf wenig einigen: Eine Entscheidung bei den Themen Budget und Erwei ...

Premierminister Boris Johnson nannte das neue Abkommen großartig.Brexit
Brexit

Abstimmung über neuen Brexit-Deal könnte denkbar knapp ausgehen

Die Regierung darf sich kaum noch Hoffnungen machen, die nordirische DUP vom neuen Brexit-Abkommen zu überzeugen. Premierminister Johnson muss auf Hilfe von ...

brexit2017
Weitere Artikel aus der Kategorie »