Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom So, 05.11.2017


TT-Interview

Scherba: „UNO-Blauhelme als Schlüssel für Frieden“

Der ukrainische Botschafter in Österreich, Olexander Scherba, im TT-Gespräch über den Konflikt im Donbass und die Zukunft der Ukraine.

© TT/Thomas BöhmBotschafter Olexander Scherba.



Innsbruck — Seit dem Frühjahr 2014 tobt in der Ostukraine ein blutiger Krieg zwischen prorussischen Separatisten und Truppen der prowestlichen Regierung in Kiew. Frieden ist keiner in Sicht, trotz des im Februar 2015 geschlossenen Friedensabkommens von Minsk. Geschossen und gestorben wird immer noch, Verletzungen der Waffenruhe sind an der Tagesordnung. Die TT sprach mit dem ukrainischen Botschafter in Österreich, Olexander Scherba, über Auswege aus einem Konflikt, dessen Ende in weite Ferne gerückt zu sein scheint.

Zuletzt wurde von Seiten des ukrainischen Präsidenten Petro Poroschenko, aber auch von Seiten Russlands die Forderung nach der Stationierung von UNO-Blauhelm-Soldaten in der Ostukraine laut. Kann damit ein Schritt in Richtung Frieden gesetzt werden? Ist da eine Einigung möglich?

Olexander Scherba: Eine UNO-Friedensmission im Donbass ist sicher der Schlüssel. Kiew hat sich schon seit geraumer Zeit für den Einsatz von UNO-Blauhelmen in der Ost­ukraine eingesetzt. Solch eine Friedenstruppe ist die einzige Lösung, um endlich Frieden zu schaffen. Moskau war früher immer gegen die Stationierung von UNO-Soldaten in der Ostukraine, nun ist man dafür. Das Engagement für eine Blauhelm-Mission von Seiten Russlands hat freilich einen Haken. Man will die UNO-Soldaten nur an der Demarkationslinie eingesetzt wissen. Wir hingegen fordern ihren Einsatz im gesamten Donbass, auch entlang Grenze zu Russland, über die wir keine Kontrolle haben. Die derzeitige unbewaffnete Beobachtermission der OSZE kann nur wenig ausrichten und hat dafür auch kein Mandat.

In welche Richtung will die Ukraine gehen? Welche Perspektive gibt es hinsichtlich der Beziehungen zu Moskau?

Scherba: Die Ukraine sehnt sich nach Frieden. Wir wollen das Wort Krieg nicht mehr hören. Die Ukraine sieht sich als Teil der europäischen Zukunft und nicht als Last für Europa. Das größte Hindernis für uns sind die neu erweckten geopolitischen Interessen Russlands, die uns leider einschließen. Moskau will die Ukraine weiter unter seiner Kontrolle haben, doch wir sehen uns nicht als Teil der russischen Einflusssphäre. Moskau findet sich damit nicht ab und will Frieden nur im Tausch für die Freiheit der Ukraine. Das ist für uns freilich nicht akzeptabel.

Über die Rückgabe der Krim an die Ukraine wird — auch von Seiten des Westens — kaum mehr gesprochen.

Scherba: Wir werden die Krim niemals aufgeben. Da werden wir uns auch auf keinen wie immer lautenden so genannten Deal mit Russland einlassen. Ein Deal wäre in diesem Zusammenhang nichts als ein Euphemismus für den Verlust von Freiheit und Territorium seitens der Ukraine. Außerdem: Mit der Annexion wurden von Moskau alle Verträge gebrochen. Darüber hinaus ist die Annexion für Europa ein Präzedenzfall für Landraub.

Sie sind als ukrainischer Botschafter in Österreich öfter in Tirol zu Gast.

Scherba: Ich komme zumindest einmal im Jahr nach Innsbruck. Und Tirol hat der Ukraine immer mit viel Engagement geholfen. So hat uns das Sanatorium der Kreuzschwestern in Hochrum seit Beginn des Krieges 130 Tonnen an Geräten und Medikamenten gespendet. Schwester Johanna ist für viele Ukrainer zum guten Engel geworden. Ich will auch den Tiroler Sozialen Diensten, der Tiroler Gebietskrankenkasse und den Tirol Kliniken für die großzügigen Sachspenden danken. Und natürlich der Tiroler Landesregierung. Vor drei Jahren hat das Land Tirol 100 Kindern aus der Ukraine — übrigens auch aus den Gebieten, die nicht von uns kontrolliert werden — einen Urlaub in Tirol ermöglicht. Ich hoffe, dass wir dieses Programm im nächsten Jahr fortsetzen können.

Das Interview führte Christian Jentsch