Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Sa, 09.06.2018


Exklusiv

Aufstand der DDR-Bürger: Der Anfang vom langen Ende

Der Aufstand der DDR-Bürger am 17. Juni 1953 wurde zu einem Schlüsselereignis der deutschen und europäischen Nachkriegsgeschichte. Für die DDR wurde der Tag vor 65 Jahren zum Un-Datum erklärt.

© National Archives II, College Pa17. Juni 1953: Aufstand in der DDR. Washington schickt keine Waffen, sondern Lebensmittelpakete.



Von Rolf Steininger

Am Morgen des 16. Juni 1953 marschierten mehrere hundert Bauarbeiter der Stalinallee in Ostberlin mit einem Transparent „Wir fordern Herabsetzung der Normen" zum Sitz des Gewerkschaftsvorsitzenden. Dort angekommen, waren es schon 10.000 Demonstranten, die politische Forderungen stellten, etwa: „Wir wollen Freiheit, Recht und Brot, sonst schlagen wir die Bonzen tot." Informationen über die Ereignisse breiteten sich wie ein Lauffeuer in der gesamten DDR aus.

Die Unruhen erfassten schon bald mehr als 700 Orte in Ostdeutschland; in 593 Betrieben wurde gestreikt, die Zahl der Streikenden betrug über eine halbe Million. Es war ein Aufstand gegen die SED, mit der Forderung nach Abschaffung des Systems und freien Wahlen, also auch der Wiedervereinigung.

Am 17. Juni, Mittwoch, um 13.00 Uhr wurde vom sowjetischen Militärkommandanten der Ausnahmezustand in Ostberlin verhängt, in den folgenden Stunden auch in weiteren 13 Bezirks- und 51 Kreisstädten. Schließlich galt das Kriegsrecht in 167 von insgesamt 217 Stadt- und Landkreisen. Sowjetische Panzer — allein in Ostberlin 600 — walzten den Aufstand nieder. Schusswaffen kamen in Ostberlin sowie in den Bezirken Potsdam, Dresden, Leipzig, Halle und Magdeburg zum Einsatz. Es gab insgesamt 125 Tote.

Im Führungsgremium der SED herrschte in den Tagen des Aufstandes ein desolater Zustand. Die Genossen waren handlungsunfähig und brachten sich bei den Sowjets in deren Hauptquartier Karlshorst in Sicherheit. Umso härter schlugen sie zurück, nachdem sowjetische Panzer die Kontrolle wiederhergestellt hatten: Bis zum 22. Juni wurden 6750 Personen in Ostberlin und in der DDR verhaftet, 1600 verurteilt; 20 Todesurteile wurden vollstreckt.

Gründe für den Aufstand

Wie war es zu diesem 17. Juni gekommen?

Die DDR befand sich Anfang der 50er Jahre in einer tiefen inneren Krise, deren Ursachen auf die Politik der SED seit ihrer Gründung zurückzuführen waren. Die entscheidende Zäsur bildete der von SED-Chef Walter Ulbricht im Juli 1952 proklamierte „planmäßige Aufbau des Sozialismus". Er bedeutete die radikale Veränderung der gesellschaftlichen Struktur in der DDR. Die Entwicklung, die die DDR bis dahin genommen hatte, sollte vertieft und beschleunigt, damit aber auch eine mögliche Annäherung an die Bundesrepublik oder gar eine Wiedervereinigung erschwert werden. Und dann fasste das Zentralkomitee der SED Mitte Mai 1953 einen folgenschweren Beschluss, nämlich alle Arbeitsnormen in volkseigenen Betrieben um mindestens 10 Prozent zu erhöhen — bei gleichbleibendem Lohn. Es kam zu ersten Unruhen und Streiks. Die SED-Führung wurde daraufhin für den 2. und 3. Juni nach Moskau zitiert.

Die Sowjets äußerten ihre tiefe Beunruhigung über die in der DDR entstandene Lage und forderten eine Kursänderung. Das Politbüro der SED beschloss daraufhin am 9. Juni den „Neuen Kurs", ohne allerdings die Erhöhung der Normen zurückzunehmen. Die Arbeiter waren empört; entsprechend war ihre unmittelbare Reaktion, wobei die Forderungen teilweise bereits weitergingen: „Wir wollen keine Lohnkürzungen, wir wollen Butter statt Kanonen, weg mit der SED-Regierung, die Ausbeute der Arbeiterklasse. Freiheit!", stand am 13. Juni im volkseigenen Betrieb „Optima Erfurt" am Schwarzen Brett.

Kein „faschistischer Putsch"!

Der 17. Juni ist ein Schlüssel­ereignis in der deutschen und europäischen Nachkriegsgeschichte. Dieser Aufstand gegen die zweite deutsche Diktatur war der erste innerhalb des sowjetischen Imperiums. Jahrzehntelang lautete die Sprachregelung in der DDR, der 17. Juni sei ein von außen gesteuerter „faschistischer Putsch" gewesen, der lange vorausgeplante „Tag X". Wissenschaftlich durfte dieser Aufstand in der DDR allerdings nicht erforscht werden; Veröffentlichungen dazu gab es nicht. Das Ereignis wurde zu einem „Un-Datum". Die Machthaber fürchteten bis zuletzt eine Neuauflage des Aufstandes.

Gerade deshalb versuchten sie, jede Erinnerung daran zumindest aus der öffentlichen Wahrnehmung zu tilgen. Wo in größeren Geschichtswerken das Geschehen der Chronologie wegen nicht unerwähnt bleiben konnte, verkam seine Darstellung zu purer Propaganda und leeren Phrasen.

Statt Waffen Lebensmittelpakete

Für all jene im Westen, die am bisherigen Kurs in der Deutschland- und Russlandpolitik festhalten wollten, war der 17. Juni geradezu ein Geschenk des Himmels, ein Beweis für die sowjetische Unterdrückungspolitik. Der Aufstand wurde gleichzeitig zum Lackmustest für die neue amerikanische Politik unter Präsident Eisenhower, die vom Kommunismus unterdrückten Völker zu befreien. Erst seit einiger Zeit wissen wir, was damals im Nationalen Sicherheitsrat in Washington diskutiert wurde: Es ging um Waffenlieferungen an die Aufständischen! Die wurden dann allerdings nicht geliefert. CIA-Direktor Allen Dulles meinte, es sei „dumm und gefährlich, Aufständische mit Waffen in Gebieten zu versorgen, wo sowjetische Truppen stehen". Stattdessen gab es am Ende für 15 Millionen Dollar Lebensmittelpakete.

Wie tief der Schock der SED-Führung in den Knochen steckte und wie lange das Trauma wirkte, lässt sich an einigen dokumentierten Zitaten ablesen. Während der Unruhen in Polen 1980 forderte SED-Generalsekretär Erich Honecker im Gespräch mit dem polnischen Botschafter: „Die Arbeiter- und Bauernmacht muss verteidigt werden. Das sind unsere Erfahrungen aus dem Jahr 1953."

Als Stasiminister Erich Mielke in einer Dienstbesprechung am 31. August 1989 fragte: „Ist es so, dass morgen der 17. Juni ausbricht?", beruhigte ihn der so angesprochene Oberst: „Der ist morgen nicht, der wird nicht stattfinden, dafür sind wir ja auch da." Er sollte sich bekanntlich irren.

In einer Stasi-internen Analyse einen Monat später hieß es bereits, sogar „progressive Kräfte", darunter auch SED-Mitglieder, „sehen die DDR bereits in einer Situation wie kurz vor den konterrevolutionären Ereignissen am 17. Juni 1953".

Das Ende der DDR

Der Aufstand des 17. Juni 1953 war gleichzeitig der Anfang vom langen Ende der DDR. Die Probleme, die zum Aufstand geführt hatten, wurden auch in den folgenden Jahren nicht wirklich gelöst; da half keine Mauer und auch keine Stasi. Der einzige Garant für den Machterhalt war die Sowjetunion, die bereit war, militärische Gewalt einzusetzen — wie in der DDR und später auch in Ungarn, Polen und der Tschechoslowakei.

Die Sowjetunion unter Gorbatschow war dazu 1989 nicht mehr bereit. So holte das Schlüsselereignis deutsch-deutscher Geschichte des Jahres 1953 die SED-Genossen im Herbst 1989 ein. Vieles kam am Ende zusammen und führte zu dem, was wir „Wende" nennen. Gorbatschows Perestroika war wohl mitentscheidend. Als die DDR-Bürger im Herbst 1989 wieder auf die Straße gingen und diesmal die sowjetischen Panzer in den Kasernen blieben, war das zugleich das Ende der DDR. Die meisten ihrer Bürger wollten nur noch weg.




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