Letztes Update am Di, 06.11.2018 11:32

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Deutschland

AfD-„Newsroom“ im Bundestag produziert Nachrichten für „Fans“

In den Echokammern der AfD wird nicht nur auf die „Altparteien“ geschimpft und Stimmung gegen Flüchtlinge gemacht. Weidel, Gauland und ihre Fraktionskollegen haben im Internet auch eine treue Fan-Basis, die jubiliert und Herzchen postet.

© AFPAlexander Gauland und Alice Weidel, Parteichefs der AfD, im deutschen Bundestag.



Berlin – „Liebesgrüße aus Berlin“, „es sollte nur noch AFD geben“, Smileys mit Herzchen auf den Augen und Zeichentrick-Kuscheltiere: In der Kommentarspalte neben dem Livestream feuern die Anhänger der AfD heute aus allen Rohren. Doch da kommt nicht nur Liebe raus. Ein Besucher der Facebook-Seite der AfD-Bundestagsfraktion schreibt: „abtreten Merkel und ins russische Arbeitslager !!!!!!“.

Publiziert hat den Livestream mit den Fraktionschefs Alexander Gauland und Alice Weidel die Medienabteilung der Fraktion, für die der parlamentarische Geschäftsführer Jürgen Braun zuständig ist. Zur Abteilung gehören die Pressestelle, Mitarbeiter, die sich um Öffentlichkeitsarbeit kümmern, ein kleines „Recherche-Team“ und eine sehr aktive Social-Media-Einheit, die AfD-Mitglied Mario Hau leitet. Hau sagt: „Wir haben nicht nur Wähler, wir haben auch Fans.“

Zwiespältiges Verhältnis

Die jungen Mitarbeiter der Social-Media-Einheit drehen jeden Tag Videos und posten AfD-Inhalte auf Facebook und Twitter. Ihre Quoten-Queen ist Alice Weidel. Mehr als 230.000 Nutzer haben die Seite der Fraktionsvorsitzenden mit „gefällt mir“ markiert. Beim rechtsnationalen Thüringer AfD-Landeschef Björn Höcke haben rund 63.000 Nutzer das Daumen-hoch-Zeichen angeklickt. Zwei weitere Mitarbeiter der Social-Media-Einheit arbeiten von zuhause. Sie sind den ganzen Tag damit beschäftigt, die Kommentarspalten nach extremen Äußerungen zu durchsuchen. „Wer zur Gewalt aufruft oder Symbole verfassungsfeindlicher Organisationen postet, der wird gesperrt“, erklärt Hau. Das seien im Schnitt fünf bis zehn Prozent der Kommentare.

Die AfD hat ein gespaltenes Verhältnis zu den Medien. Einerseits wollen ihre Spitzenpolitiker in Talkshows eingeladen werden. Andererseits schimpfen sie auf ihren Parteitagen gerne auf die „Lügenpresse“, von der sie sich benachteiligt fühlen. Gauland beschwerte sich nach der Landtagswahl in Hessen Ende Oktober, ihn habe in Berlin am Wahlabend niemand vor der Kamera zu seiner Meinung befragen wollen. Die Pressekonferenzen, die der Sprecher der Fraktion, Christian Lüth, organisiert, sind jedoch manchmal so gut besucht, dass nicht alle Journalisten einen freien Stuhl finden.

Anhänger wollen „AfD pur erleben“

Mit ihrem Fokus auf direkte Kanäle, in denen es keine kritischen Journalisten-Fragen gibt, ist die AfD ganz nah bei US-Präsident Donald Trump, der Weltpolitik lieber auf Twitter macht als in langatmigen Konferenzen mit Dutzenden von Staatschefs. „Unsere Anhänger und Interessenten wollen unsere Sichtweise direkt und unverfälscht sehen. Die wollen quasi AfD pur erleben“, erklärt Braun. Und: „Wir haben es einfacher als die etablierten Parteien, die ihre Strukturen erst so umbauen müssen, dass sie auf die veränderten Gewohnheiten der Menschen passen.“ Die AfD als neue Partei habe von Anfang an auf eine starke Präsenz in den sozialen Medien gesetzt.

Hinter dem Schreibtisch von Social-Media-Direktor Hau hängt eine Magnettafel. Darauf findet sich ein Tagesplan, an dem sich sein Team orientiert, wenn keine Pressekonferenzen und AfD-Reden im Bundestag anstehen. Da steht: „10.00 Uhr Thema finden!, 11.00 Uhr Text + Vertonung!, 12.00 Uhr Video!“ Unter der Rubrik „Merkel muss weg!“ klebt hier heute ein Titelblatt der „Bild“-Zeitung mit der Überschrift: „Polit-Beben in Berlin. Merkel am Ende ihrer Macht“. Daneben eine Liste von Argumenten, mit denen die AfD Stimmung machen will gegen den UN-Migrationspakt, für den die Bundesregierung wirbt.

Viele fürchten die „Ächtung“

Braun ist in Deutschland oft umgezogen. Sein Wahlkreis ist in Baden-Württemberg. Braun war früher selbst beim Fernsehen. Er hat Holger Sitter zur AfD geholt, einen ehemaligen Sportjournalisten, der jetzt als „Koordinator“ der Medienabteilung arbeitet. Jörg Walter, der früher Hörfunkmoderator beim SWR war, vertont in einem kleinen Büro im Bundestag kurze Videos für die Fraktion. Zwei Türen weiter ist das AfD-Bürgerbüro untergebracht, wo ein freundlicher Mann mit Headset Emails und Anrufe beantwortet. „Mmh, mmh“, kommentiert er den Redefluss eines Anrufers mit verständnisvoller Stimme.

Im gleichen Flur liegt ein großer Raum mit der Aufschrift „Newsroom“. Wer dahinter eine dynamische Truppe erwartet, die für die AfD Nachrichten sammelt, schreibt und telefoniert, wird enttäuscht. Bis auf ein paar Tische ist der Raum weitgehend kahl. Braun sagt, ein Mitarbeiter der „Recherche-Einheit“ sei gerade in Chemnitz unterwegs, um dort etwas herauszufinden.

Überhaupt sei es für die AfD schwierig, in größerer Zahl gute Journalisten als Mitarbeiter zu gewinnen. Von den 21 Planstellen für die Medienabteilung seien bisher erst 16 besetzt. Mehrere potenzielle Kandidaten seien abgesprungen, weil sie die gesellschaftliche Ächtung gefürchtet hätten, die eine Tätigkeit für die AfD mit sich bringen könne. Auch die Bundespartei hat, seitdem Lüth im April offiziell zur Fraktion gewechselt ist, keinen Pressesprecher mehr. (dpa)