Letztes Update am Mo, 17.12.2018 22:49

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Ungarn

Proteste in Ungarn: Abgeordnete haben Sitz des Staatsfernsehen verlassen

Nach einer friedlichen Demonstration kam es vor dem Sitz des Staatsfernsehens am Montag zu Ausschreitungen. Am Abend verließen die Oppositionspolitiker nun das Gebäude.

Nach der friedlichen Demonstration kam es zu Tumulten.

© AFPNach der friedlichen Demonstration kam es zu Tumulten.



Budapest – Die Abgeordneten der parlamentarischen Opposition haben am Montagabend den Sitz des ungarischen Staatsfernsehens MTV verlassen. Sie wurden laut Medienberichten von rund 2000 Menschen bejubelt, die vor dem Gebäude gegen die rechtskonservative Regierung von Premier Viktor Orban demonstrierten und zugleich Solidarität mit den Abgeordneten bekundeten.

Die Politiker der Linken und Rechten hatten sich am Sonntag Zutritt zum Staatsfernsehen verschafft, um eine Petition mit ihren Forderungen zu verlesen, was abgelehnt wurde.

„Wir haben das Gebäude verlassen, da die Demonstranten nach uns riefen“ betonte der EU-Abgeordnete der Demokratischen Koalition (DK), Peter Niedermüller, am Montagabend in einem Telefonat mit der APA. „Zugleich waren wir besorgt, dass die Menschen versuchen würden, trotz des hohen Polizeiaufgebotes in das Gebäude zu drängen.“

Die Abgeordneten bedankten sich bei der Menge für deren Unterstützung und forderten zu weiterem Widerstand auf. Während die Demonstration offiziell beendet wurde, befand sich Montagabend laut Klubradio nach wie vor ein harter Kern vor dem MTV-Gebäude.

Proteste halten schon Tage an

Zuvor hatten sich die seit Tagen anhaltenden Proteste gegen die Regierung des rechtsnationalen Ministerpräsidenten Viktor Orban zusehends zum Sitz von MTV verlagert. 13 Oppositionsabgeordnete hatten sich nach der letzten Demonstration der Regierungsgegner am späten Sonntagabend Zutritt zu dem Gebäude verschafft und die Nacht und den folgenden Tag dort verbracht.

Am Montagnachmittag forderte die Polizei die Abgeordneten auf, das Gebäude zu verlassen. Diese weigerten sich jedoch, der Aufforderung Folge zu leisten. Wie Bilder von Handy-Kameras zeigten, legten sie sich zeitweise auf den Boden, um ein gewaltsames Abführen zu erschweren. Die Beamten sahen jedoch vorerst davon ab.

Zuvor hatten die Politiker vergebens gefordert, im Fernsehen eine Petition der Demonstranten verlesen zu können. Auch wurde ihnen jeder Zutritt zu Studios und Redaktionen verwehrt. Zwei der Abgeordneten waren bereits am Montagmorgen vom privaten Sicherheitsdienst des Fernsehens gewaltsam aus dem Gebäude geworfen worden.

Rangeleien vor dem MTV-Sitz

Am Montag kam es vor dem MTV-Sitz zu Rangeleien zwischen Sicherheitsleuten und weiteren Abgeordneten, die als Volksvertreter Zutritt zur öffentlich-rechtlichen Sendeanstalt verlangten. Auch im Gebäude kam es zu Zusammenstößen. Der Abgeordnete Agnes Vadai und Laszlo Varju von der linken Demokratischen Koalition (DK) wurden leicht verletzt.

Zuvor waren am Sonntagabend mehr als 10.000 Menschen auf die Straße gegangen, um gegen die Regierung Orban zu demonstrieren. Es war der vierte Protest in fünf Tagen. Anlass war eine am vergangenen Mittwoch im Parlament beschlossene neue Überstundenregelung. Sie sieht vor, dass Arbeitgeber von ihren Mitarbeitern bis zu 400 Überstunden im Jahr verlangen können. Kritiker sprechen von einem „Sklavengesetz“.

Zu Themen der Proteste wurden aber auch andere Missstände unter der Orban-Regierung, darunter die einseitige regierungsfreundliche Berichterstattung des staatlichen Rundfunks, die Einschränkung der Wissenschaftsfreiheit und die Korruption rund um hochrangige Regierungsvertreter und ihre Familien.

Petition umfasst fünf Punkte

Die Petition der Demonstranten, die die Abgeordneten im Fernsehen verlesen wollten, umfasst fünf Punkte. Die Forderungen beinhalten die sofortige Rücknahme des Überstundengesetzes, die Reduzierung der Überstunden für Polizisten, eine unabhängige Justiz, den – von der Regierung bisher abgelehnten - Beitritt Ungarns zur geplanten Europäischen Staatsanwaltschaft und unabhängige öffentlich-rechtliche Medien.

Der Direktor der staatlichen Medien-Holding MTVA, Daniel Papp, beschuldigte die Abgeordneten, ihre Rechte missbraucht zu haben, um den Sendebetrieb zu stören. Infolgedessen habe das Sicherheitspersonal Gewalt anwenden müssen, behauptete Papp in einer Erklärung, die das regierungsnahe Portal „origo.hu“ am Montag veröffentlichte.

Die MTVA ist die Dach-Holding für das staatliche Fernsehen, das staatliche Radio und die Nachrichtenagentur MTI. Sie hat ihren Sitz gleichfalls im Fernsehgebäude. Papp hatte sich die ganze Zeit über geweigert, die Abgeordneten zu treffen. Für den Montagabend riefen Oppositionelle und Vertreter der Zivilgesellschaft zu einem weiteren Protest vor dem Fernsehgebäude auf. (APA)