Letztes Update am So, 06.01.2019 14:38

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Brexit

Brexit verunsichert viele Briten: Run auf Pässe anderer EU-Länder

Wirtschaftliche Unsicherheit, kein Vertrauen in den eigenen Staat: Immer mehr Briten beantragen wegen des Brexits die Staatsbürgerschaft eines anderen EU-Landes. Die Hürden dafür sind unterschiedlich hoch.

Viele Briten sind durch den bevorstehenden Brexit verunsichert und beantragen eine andere Staatsbürgerschaft.

© iStock EditorialViele Briten sind durch den bevorstehenden Brexit verunsichert und beantragen eine andere Staatsbürgerschaft.



Wien – In weniger als drei Monaten will Großbritannien die Europäische Union verlassen. Das ist vielen Briten nicht geheuer – sie wollen sich mit einem Pass eines anderen EU-Landes absichern. Entsprechende Anträge von Briten sind in vielen Staaten sprunghaft gestiegen, wie eine Umfrage der Deutschen Presse-Agentur ergab. Unter den Antragstellern sind junge Familien ebenso wie Pensionisten.

Deutschland

Die Einbürgerungen von Briten in Deutschland liegen auf Rekordniveau: 2017 erhielten rund 7500 Briten die Staatsbürgerschaft. Im Jahr 2015 waren es nur 622. 2016 – im Jahr des Brexit-Votums – kletterte die Zahl schon auf 2865. Die Briten nahmen 2017 in dieser Rangliste den zweiten Platz ein, mehr Eingebürgerte kamen nur aus der Türkei. Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes lebten Ende 2017 etwa 116.000 Briten in Deutschland. Informationen darüber, wie viele Personen insgesamt sowohl die deutsche als auch die britische Staatsangehörigkeit besitzen, lagen nicht vor.

Auffällig: Fast jeder zehnte eingebürgerte Brite lebte 2017 gar nicht in Deutschland – das ist nach Angaben des Statistischen Bundesamtes der mit Abstand höchste Anteil aller EU-Staaten. Bei diesen Briten mit deutschen Pässen handelt es sich überwiegend um Menschen, die vor den Nazis nach Großbritannien fliehen mussten, und um deren Nachkommen. Sie können nach dem Grundgesetz die deutsche Staatsbürgerschaft wieder einfordern. Nach Angaben des deutschen Bundesverwaltungsamtes gingen im Jahr 2015 noch 43 solcher Einbürgerungsanträge aus Großbritannien ein - 2017 dann schon 1667.

Irland

Das Interesse an irischen Pässen ist seit dem Brexit-Votum ebenfalls deutlich gestiegen. Das begehrte Dokument ist auch relativ leicht zu bekommen, wenn man irische Wurzeln hat. Es reicht schon, wenn nur der Opa oder die Oma in Irland geboren wurden, aber der Betroffene selbst und seine Eltern nicht. Nach Angaben der Regierung in Dublin gab es im vergangenen Jahr rund 183.000 Anträge auf einen irischen Pass aus Großbritannien. Rund 85.000 davon kamen aus Nordirland. Dort Geborene haben grundsätzlich Anspruch auf beide Pässe. Gut 98.000 Anträge stammten aus dem restlichen Großbritannien - ein Anstieg von 22 Prozent im Vergleich zu 2017.

Spanien

Im Pensionistenparadies Spanien gibt es – anders als in vielen anderen europäischen Ländern – keinen echten Run von Briten auf einen Reisepass des EU-Staates. Zwar hat sich in den ersten zehn Monaten des Jahres 2018 die Zahl der Briten, die die spanische Staatsbürgerschaft beantragten, im Vergleich zum Gesamtjahr 2015 mehr als verdreifacht. Die absolute Zahl ist mit 166 aber sehr niedrig. Denn Spanien verlangt von allen britischen Neubürgern die Aufgabe der britischen Staatsbürgerschaft. Wer einen Antrag stellt, muss mindestens zehn Jahre im Land gelebt haben. „Man muss noch einen Sprachtest bestehen, auch Fragen zur Geschichte, Kultur, Politik, Geografie des Landes beantworten. Und sogar Sport-Fragen“, sagte die Präsidentin der Vereinigung Brexpats in Spain, Anne Hernandez. In Spanien leben mehr als 300.000 Briten, längst nicht alle sind angemeldet.

Portugal

In Spaniens kleinerem Nachbarland schoss die Zahl der Anträge von 62 im Jahr 2015 auf rund 500 in den ersten elf Monaten des Jahres 2018 hoch. Dort dürfen die Briten ihren britischen Pass behalten, auch wenn sie Portugiesen werden. „Mir schwirrte diese Idee schon seit Jahren im Kopf herum, aber der Brexit hat alles beschleunigt“, sagte der Lehrer Mark Hooley aus Manchester, der seit sieben Jahren an der Oporto British School unterrichtet, der Zeitung „Jornal de Notícias“. In Portugal darf man einen Einbürgerungsantrag schon nach sechs Jahren stellen, der Sprachtest wird als leichter als jener in Spanien beschrieben. In Portugal leben etwa 50.000 Briten.

Bulgarien

Rund 40.000 Briten haben sich nach inoffiziellen Angaben in Bulgarien niedergelassen. Viel Sonne und billig - das ärmste EU-Land ist vor allem bei Pensionisten beliebt. Nach dem Brexit-Votum bot Regierungschef Bojko Borissow den in dem südosteuropäischen Land lebenden Briten an, die bulgarische Staatsangehörigkeit zu beantragen. Es liegt aber noch keine Statistik darüber vor, wie viele von ihnen von dem Angebot Gebrauch gemacht haben.

Italien

Nach Angaben einer Sprecherin der Initiative British in Italy, die sich nach der Brexit-Abstimmung gegründet hat, leben rund 65.000 Briten in Italien. „Es ist sicher, dass es einen beträchtlichen Anstieg von Briten gibt, die eine italienische Staatsbürgerschaft beantragt haben.“ Offizielle Zahlen seien aber kaum zu bekommen. Auch der britische Schauspieler Colin Firth nahm die italienische Staatsbürgerschaft an. Er habe dies als „vernünftigen“ Schritt angesichts weltweiter politischer Unsicherheit unternommen, kommentierte Firth einmal. Seine Frau ist Italienerin.

Schweden

Auch im Norden ist der Trend klar erkennbar. Um eine schwedische Staatsbürgerschaft bewarben sich nach Angaben des Migrationswerkes im Jahr 2015 nur 511 Briten. Ein Jahr später waren es mit knapp 1600 Anträgen bereits mehr als dreimal so viele. Mitte 2018 tauchte Großbritannien in den schwedischen Statistiken anders als in den Vorjahren unter den zehn häufigsten Ursprungsländern der Personen auf, die die schwedische Staatsbürgerschaft erhalten haben (Platz 10) - hinter Ländern wie Syrien, Somalia und Afghanistan. Bis Ende Mai hatten da 583 Briten einen schwedischen Pass erhalten.

Österreich

Wie in anderen EU-Ländern ist auch hierzulande ein deutlicher Anstieg bei den Einbürgerungen von Briten zu erkennen, allerdings auf niedrigem Niveau. Zwischen 2007 und 2014 wurden laut Statistik Austria jedes Jahr zwischen drei und sieben Briten eingebürgert. 2015 (dem Jahr der Ankündigung des Brexit-Votums) und 2016 (dem Jahr des Referendums) waren es jeweils zehn. Im Jahr 2017 waren es 24, in den ersten drei Quartalen 2018 sogar 31. Allerdings ist das weiterhin nur ein Bruchteil der rund 10.700 Briten, die in Österreich leben. Österreich zählt zu den EU-Staaten mit den restriktivsten Einbürgerungsgesetzen, auch wenn es für EU-Bürger Erleichterungen gibt. Sie erwerben bereits nach sechs Jahren rechtmäßigem und ununterbrochenem Aufenthalt in Österreich einen Rechtsanspruch auf die Verleihung der Staatsbürgerschaft. Ähnliche Anstiege mit zweistelligen absoluten Zahlen wie Österreich melden Polen, Tschechien und Griechenland.

Estland

Ganz anders ist die Lage in Estland. Nach Angaben des Innenministeriums in Tallinn hat sich zwischen 2015 und 2017 nicht ein einziger Brite um eine Staatsbürgerschaft bemüht. Grund sind wohl auch hier die strengen Regeln: Bewerber müssen unter anderem mindestens acht Jahre in dem baltischen EU-Land gelebt haben, die letzten fünf davon dauerhaft. Eine doppelte Staatsbürgerschaft ist nur für gebürtige Esten eingeschränkt zulässig. Dafür können Briten estnische E-Bürger werden - dabei handelt es sich allerdings um keinen echten Pass mit allen Rechten, einen Anspruch auf einen physischen Wohnsitz haben E-Bürger beispielsweise nicht. Dafür können sie etwa eine Firma in Estland gründen. Fast 2500 Briten haben sich bereits eine solche elektronische Staatsbürgerschaft gesichert. (dpa)




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