Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Di, 28.05.2019


EU-Wahl

EU-Wahl-Ergebnis: Eine politische Landkarte färbt sich türkis ein

Die ÖVP konnte zahlreiche frühere rote und blaue Wähler ansprechen. Die Grünen holten sich wieder viele Stimmen von der SPÖ zurück.

Wahlsieger nach Gemeinden.

© APAWahlsieger nach Gemeinden.



Von Michael Sprenger

Wien – Die ÖVP landete bei der Europawahl einen fulminanten Erfolg. Sie liefert mit einem Wähleranteil von 34,55 Prozent ein Rekordergebnis für eine Wahl zum Europaparlament. Und, was mitunter noch aussagekräftiger ist, sie konnte zur zweitgrößten Partei, nämlich zur SPÖ (24 Prozent), den größten Abstand festschreiben. Die politische Landkarte Österreichs wurde türkis eingefärbt.

Der Erfolg der ÖVP ist Ausdruck einer Wählermobilisierung der vergangenen Tage – nach Bekanntwerden des Skandalvideos aus Ibiza, dem Platzen der rechtskonservativen Bundesregierung von ÖVP und FPÖ und dem drohenden Misstrauensvotum gegen Bundeskanzler Sebastian Kurz (ÖVP) und seine Minderheitsregierung.

Diese Mobilisierung spiegelt sich in der Wählerstrom­analyse des Meinungsforschungsinstituts SORA wider. Im Vergleich mit der EU-Wahl 2014 zeigte die ÖVP die beste Mobilisierung ihrer damaligen Wähler: 90 Prozent davon entschieden sich erneut für die Volkspartei.

Aussagekräftiger ist die Wählerwanderung seit der Nationalratswahl 2017. Hier konnte die Volkspartei 69 Prozent ihrer Wähler halten. Zusätzlich konnte die ÖVP 96.000 SPÖ-Wähler und 62.000 FPÖ-Wähler dazu bewegen, am Sonntag ihre Stimme der ÖVP zu geben.

Die Freiheitlichen kamen zwar im Vergleich zur Europawahl 2014 mit einem Verlust von 2,5 Prozentpunkten ob der blauen Parteikrise noch mit einem blauen Auge davon. Aber wenn die Nationalratswahl von 2017 zur Vergleichsgröße herangezogen wird (damals erreichte die FPÖ 26 Prozent), hatte die gescheiterte Regierungspartei das größte Mobilisierungsproblem: 51 Prozent oder 650.000 FPÖ-Wähler von 2017 blieben am Sonntag der Wahlurne fern. Zum Vergleich: Von den ÖVP-Wählern des Jahres 2017 blieben 376.000 Wähler zu Hause (24 Prozent), die SPÖ verlor 225.000 Stimmen (17 Prozent) an das Lager der Nichtwähler.

Die Sozialdemokraten wiederum, die am Sonntag nur 24 Prozent der Stimmen erreicht haben, mussten nicht nur einen Aderlass an die ÖVP verkraften, sie verloren auch jede zehnte Stimme der Nationalratswahl 2017 an die Grünen (130.000 Wähler).

Die Grünen verdanken ihr Comeback einerseits der Mobilisierung sehr vieler ihrer Wähler der Nationalratswahl 2017: 76 Prozent (146.000 Stimmen) der Grün-Wähler hielten ihnen die Treue. Neben den ehemaligen SPÖ-Wählern wählten 81.000 Jetzt-Wähler von 2017 grün, und weitere 77.000 NEOS-Wähler des Jahres 2017 haben bei den Grünen das Kreuz gemacht.

Für die Erklärung des Erfolgs der ÖVP ist auch ein Blick auf die Bundesländer­ergebnisse vonnöten. In jedem Bundesland konnte die ÖVP einen großen Zugewinn verzeichnen. Sogar im Burgenland, wo seit Ende der 1960er-Jahre immerzu die SPÖ die Nase bei Wahlen vorn hatte, erreichte die ÖVP den ersten Platz. In Salzburg (10,8 Prozentpunkte) und in der Steiermark (10,5 Prozentpunkte) gelang ihr sogar ein zweistelliger Zuwachs.

Ergebnisse der Bundesländer.
Ergebnisse der Bundesländer.
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