Letztes Update am Di, 11.06.2019 10:38

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Großbritannien

Brexit ohne Deal rückt näher: Presse zur Nachfolge von May

„Die Chancen, dass die EU-27-Führer bereitwillig ihre Meinung zugunsten von jemandem ändern werden, der schon droht, bevor er überhaupt eine Verhandlungsposition bekommen hat, kann sogar ein Vorschüler richtig abschätzen“, schreibt eine Zeitung über die Aussichten im Brexit-Streit.

Die britische Premierministerin Theresa May erlebt ihre letzten Amtstage. Um ihre Nachfolge wird derzeit gerangelt.

© APA/AFP/POOL/LEON NEALDie britische Premierministerin Theresa May erlebt ihre letzten Amtstage. Um ihre Nachfolge wird derzeit gerangelt.



London – Die britische Premierministerin Theresa May ist als Parteichefin der Tories zurückgetreten. Als Premierministerin führt sie noch vorübergehend die Geschäfte – rund um den Brexit steht nun jedoch alles still. Der Austrittstermin Ende Oktober – also in etwas mehr als vier Monaten – rückt unaufhaltsam näher.

Und die Zeichen stehen gut, dass ein Hardliner wie der ehemalige Außenminister Boris Johnson übernehmen könnte. Damit wären die Brexit-Verhandlungen an einem neuen Punkt angelangt – und ein Austritt ohne Abkommen würde wahrscheinlicher. Internationale Medien schreiben zur Nachfolge von Premierministerin Theresa May:

Times (London):

„Das Land ist jetzt zweifellos auf eine großartige Führung angewiesen. Wer immer den Wettbewerb um den Vorsitz der Konservativen Partei gewinnt, wird in Zeiten einer politischen Krise an der Spitze einer Minderheitsregierung Premierminister eines gespaltenen Landes. Die vorrangige Herausforderung wird darin bestehen, aus der Brexit-Sackgasse zu kommen, ohne Großbritanniens Sicherheit sowie seinem Wohlstand und den Beziehungen zu seinen Nachbarn zu schaden. Ein Scheitern könnte zur Vernichtung der Tories durch Nigel Farages Brexit-Partei und zur Aussicht auf eine weit links stehende Labour-Regierung unter Jeremy Corbyn führen.“

Dernières Nouvelles d‘Alsace (Straßburg):

„(Es gibt) ein Überangebot von Kandidaten, um Theresa May an der Spitze des ‚unvereinigten Königreichs‘ abzulösen. Aber wir betrachten nur einen von ihnen(...): Boris Johnson, ganz sicher. Er ist ein Genie der kraftvollen und dennoch bedeutungsleeren Formulierungen, ein Mann, durch den die Lüge über Europa in Großbritannien florierte. Dieser Entgleisungs- und Wandlungskünstler versteckt sich nicht tief in einer Höhle, um zu büßen. Getreu der Devise, die Worte wie Skrupel oder Bedauern ausschließt, versucht er, seine Erfolge zu wiederholen.

(...) Nachdem er sein Land mit falschen Statistiken indoktriniert und aktiv zum Bruch mit Brüssel beigetragen hat, will er seine Karriere als hochbegabter Manipulator fortsetzen. Diesmal verspricht er, das Geld nicht zurückzuzahlen, das Großbritannien von der Europäischen Union erhalten hat. Man wäre versucht zu lachen – wenn der faule Trick nicht erneut große Aussichten auf Erfolg hätte.“

De Tijd (Brüssel):

„Egal wer es wird, es bleibt eine Tatsache, dass der Brexit auf einem Abstellgleis steht. Das macht eine Vereinbarung mit Europa, die vom Unterhaus abgesegnet wird, auch immer schwieriger. Die Schlussfolgerung daraus lautet, dass ein harter Brexit ohne Deal immer realistischer wird. Es kann durchaus sein, dass das Unterhaus dies nicht will. Aber das ändert nichts daran, dass ein harter Brexit mit dem Erreichen der Deadline einfach Fakt wird. Auf der anderen Seite des Kanals ist es anscheinend schwer, das zu verstehen.“

Pravda (Bratislava):

„Der Abgang von Theresa May als Parteichefin der Konservativen mag zwar die natürliche Reaktion auf ihren Misserfolg sein, ändert aber noch nichts an der falschen Politik der Partei. Der Kern der Tories fühlt sich jetzt vielleicht wunderbar, wenn auf die unflexible und wenig diplomatische May jemand folgt, der Diplomatie durch Drohungen ersetzt. Das garantiert aber nicht, dass das gespaltene britische Parlament auf einmal eine gemeinsame Sprache findet.

Und schon gar nicht, dass die EU-Vertreter, die May erbarmungslos nach Hause schickten, als sie die bereits getroffenen Vereinbarungen ändern wollte, wegen eines neuen Premiers von solchem Zuschnitt nun auf einmal alles von Neuem aufschnüren werden. Wenn dieser gar jemand wie Boris Johnson werden sollte, der im Stil seines persönlichen Fans Donald Trump verkündete, die EU bekomme von Großbritannien keinen Cent ohne neuerliches Aufschnüren des Pakets?

Die Chancen, dass die EU-27-Führer bereitwillig ihre Meinung zugunsten von jemandem ändern werden, der schon droht, bevor er überhaupt eine Verhandlungsposition bekommen hat, kann sogar ein Vorschüler richtig abschätzen. Es sei denn, er gehört zur Führungsgarnitur der heutigen Tories.“