Letztes Update am Do, 27.06.2019 10:38

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Flüchtlinge

Sea-Watch ankert vor Lampedusa, Salvini attackiert Kapitänin

Wie es mit den 42 Flüchtlingen an Bord der „Sea-Watch 3“ weitergehen soll, ist weiter unklar. Italiens Innenminister Salvini verweigert eine Landegenehmigung auf Lampedusa, droht mit harten Strafen und bezeichnet die Kapitänin als Geiselnehmerin.

Die "Sea-Watch 3" der gleichnamigen deutschen NGO.

© AFPDie "Sea-Watch 3" der gleichnamigen deutschen NGO.



Rom, Lampedusa – Die 42 Migranten des Rettungsschiffes „Sea-Watch 3“, das sich seit Mittwoch eine halbe Seemeile vor dem Hafen der süditalienischen Insel Lampedusa befindet, haben die Nacht an Bord verbracht. Italiens Innenminister Matteo Salvini verweigerte die Landegenehmigung und attackierte die deutsche Kapitänin Carola Rackete.

„Die Schiffskapitänin, Heldin der Linken, soll ehrenamtlich in Deutschland helfen, statt 42 Menschen zwei Wochen lang als Geiseln zu nehmen“, sagte Salvini in einem TV-Interview am Mittwochabend. Der Kapitänin droht in Italien eine Geldstrafe von 50.000 Euro und eine Klage wegen Beihilfe zur Schlepperei. Das Schiff soll konfisziert werden.

Wie es mit den Migranten an Bord der „Sea-Watch 3“ weitergehen soll, ist fraglich. Salvini machte Druck auf die deutsche und die niederländische Regierung zur Aufnahme der Migranten. Das Schiff der deutschen NGO „Sea Watch“ ist unter niederländischer Flagge unterwegs. Er erwarte sich von Europa eine Lösung, sagte Salvini auf Facebook. „Lampedusa braucht zahlende Touristen, nicht illegale Migranten, die Italien versorgen muss“, sagte der Chef der rechten Regierungspartei Lega.

Oppositionspolitiker als Beobachter auf Lampedusa

Die oppositionelle Demokratische Partei (PD) kündigte die Entsendung einiger Parlamentarier nach Lampedusa an. Sie sollen die Beachtung der Menschenrechte überwachen. Menschenrechtsorganisationen fordern die sofortige Ausschiffung der Migranten.

Indes trafen am frühen Donnerstag zehn Migranten an Bord eines Bootes auf Lampedusa ein. Bei ihnen handelt es sich um Tunesier, darunter eine Frau und ein Minderjähriger. Unzählige kleinere Migrantenboote sind zuletzt in Süditalien eingetroffen, während Italien weiterhin seine Politik der „geschlossenen Häfen“ für private Rettungsschiffe betreibt.

Lampedusas Bürgermeister sieht „geschmackloses Theater“

Der Bürgermeister von Lampedusa, Salvatore Martello, sprach von „geschmacklosem Theater“ rund um das Schiff. „Für 42 Migranten, die seit zwei Wochen auf einem Schiff ausharren, ist das die Hölle. Das ist ein geschmackloses Theater“, kritisierte Martello. Menschenrechtsaktivisten hatten auf dem Kirchenplatz von Lampedusa für die Landung der Migranten demonstriert.

Die NGO „Save the Children“ bemängelte, dass „unmenschliche politische Beschlüsse“ dazu geführt hätten, dass der Kapitänin die Verantwortung für die Rettung von Menschenleben überlassen worden sei. Die NGO betonte, dass sich unter den Migranten an Bord drei Minderjährige befinden.

Kapitänin: „Ich weiß, was ich riskiere“

Rackete, beschloss am Mittwoch die 42 Migranten trotz Verbots an Land zu bringen. „Ich habe beschlossen, in den Hafen von Lampedusa einzufahren. Ich weiß, was ich riskiere, aber die 42 Geretteten sind erschöpft. Ich bringe sie jetzt in Sicherheit“, twitterte die deutsche Kapitänin. Ein Haltesignal der italienischen Küstenwache zwölf Seemeilen von der Küste der süditalienischen Insel wurde ignoriert.

Zuvor hatte das Schiff zwei Wochen vergebens auf Landeerlaubnis gewartet. „14 Tage hat die EU die ‚Sea-Watch 3‘ im Stich gelassen. Unsere Kapitänin hat keine Wahl“, erklärte die deutsche NGO. Der Beschluss wurde gefasst, nachdem der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte (EGMR) am Dienstag einen Eilantrag der deutschen Hilfsorganisation, damit die 42 Migranten in Italien an Land gehen dürfen, abgelehnt hatte. (TT.com, APA)