Letztes Update am Mi, 07.08.2019 12:02

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Bayern

„Langer, steiniger Weg“: Transpolitikerin kämpft für Akzeptanz

Schon seit sechs Jahren ist sie Mitglied des Bayerischen Landtags, aber erst seit Jänner mit einem Frauennamen. Als erste offen transidente Abgeordnete in einem deutschen Parlament ist Tessa Ganserers Kampf für Anerkennung nicht nur politisch.

Tessa Ganserer ist seit sechs Jahren Mitglied des Bayerischen Landtags, aber erst seit Jänner mit einem Frauennamen.

© Grüne Fraktion BayernTessa Ganserer ist seit sechs Jahren Mitglied des Bayerischen Landtags, aber erst seit Jänner mit einem Frauennamen.



München – Wenn sie morgens das Haus in Nürnberg verlässt, dann ist der anstrengendste Teil schon geschafft, und der Tag kann nur noch gut werden. Denn als Transfrau ist es nicht möglich, einfach mal am Sonntagmorgen ungeschminkt zum Bäcker zu gehen. Als erste transidente Politikerin in einem deutschen Parlament sind auf Tessa Ganserer (Grüne) außerdem besonders viele Augen gerichtet.

Frau im Körper eines Mannes

Keine leichten Umstände für die aufwühlende Zeit, in der ihr biologisch männlicher Körper an ihre weibliche Geschlechtsidentität angeglichen wird. Ganserer sitzt schon seit 2013 für die Grünen im Bayerischen Landtag, zunächst mit ihrem männlichen Vornamen, seit der neuen Legislaturperiode dann als Tessa. Denn Ganserer ist transident.

Sie wurde bei der Geburt als Bub eingeordnet und hat in der Öffentlichkeit lange als Mann gelebt, identifiziert sich aber als Frau. Wie viele transidente Menschen in Deutschland leben, ist schwer zu sagen. Die deutsche Regierung geht bis zum Jahr 2011 von mehr als 7000 aus. Das zumindest ist der Stand von 2016. Die Deutsche Gesellschaft für Transidentität und Intersexualität geht von 210.000 bis 500.000 transidenten Menschen in Deutschland aus. Das entspräche rund 0,3 bis 0,6 Prozent der Bevölkerung.

In der Öffentlichkeit zu stehen, habe es ihr so wahnsinnig schwer gemacht, überhaupt zu sich selbst zu stehen, erzählt Ganserer. Als Politikerin wünsche man sich zwar Aufmerksamkeit, jedoch für seine Themen und Meinungen. „Bei meiner Transidentität geht es um den intimsten Teil meiner Persönlichkeit.“ Emotionaler Abstand sei da nicht möglich, die Sorge vor negativen Reaktionen und Anfeindungen groß. „Ich hatte Jahre lang Angst vor dem Coming-out, bis ich einfach nicht mehr anders konnte.“

„Ich konnte mich nicht mehr verstecken“

Dass sie eine Frau ist, weiß die gebürtige Niederbayerin schon seit vielen Jahren. Irgendwann hat sie dann angefangen, zeitweise als Frau zu leben. Doch der Wunsch nach gesellschaftlicher Anerkennung war groß. Es reichte ihr nicht, nur im Wohnzimmer Frau zu sein. Die Menschen sollten sie so wahrnehmen, wie sie sich selbst sieht. Nach Jahren der Quälerei habe sie es einfach nicht mehr ausgehalten. „Ich konnte mich nicht mehr verstecken.“

Im November 2018 gibt Ganserer bekannt, dass sie transident ist, wenige Wochen später, im Jänner, legt sie die Verkleidung dann endgültig ab und lebt fortan offen als Frau. Vor dem Coming-out wussten nur wenige Menschen von ihrem Ich: ihre Frau, ihre Schwiegermutter, ihre zwei Kinder, ein guter Freund und die Landtagsfraktion der Grünen. Selbst ihren Vater hatte Ganserer nicht eingeweiht. Am Wochenende vorher war sie noch zu Besuch bei ihm im Bayerischen Wald gewesen, aber sie habe es nicht fertiggebracht, sich vor ihm zu outen.

Nach ihrem Coming-out-Interview weiß plötzlich ganz Deutschland von Ganserers Transidentität. Minuten nach Erscheinen des E-Papers kommen die ersten Anrufe, SMS, E-Mails und Facebook-Nachrichten bei ihr an. Viele sind von anderen transidenten Menschen in Deutschland. Nachrichten kommen aber auch von Menschen, die ihre Geschichte einfach beeindruckt und berührt hat, und die ihr zu ihrem Mut gratuliert haben. Nach ein paar Tagen seien auch handschriftliche Briefe bei ihr eingetroffen, einer sogar aus den USA. „Die Reaktionen waren für mich einfach überwältigend“, erzählt Ganserer. „Diese ausgesprochen positiven Reaktionen haben mir die Kraft gegeben, die ich am Schluss nicht mehr hatte.“

Diskriminierung auf der Straße und von oberster Stelle

Auch heute noch stärken sie diese Nachrichten. Denn, das betont Ganserer, „trans zu sein ist nicht mit dem Coming-out erledigt. Erst dann geht der lange, steinige Weg los.“ Etwa wenn sie auf der Straße oder in sozialen Medien beleidigt werde, wenn Menschen in der Bahn sie nicht nur irritiert, sondern abwertend, anschauen. Gegen manches geht Ganserer strafrechtlich vor, gegen Blicke kann sie sich nicht rechtlich wehren. „Diese ablehnenden diskriminierenden Reaktionen geben immer wieder zu spüren, dass Teile der Bevölkerung mit Transidentität nicht zurechtkommen. Man muss dann immer wieder versuchen, das nicht zu nah an sich ran zu lassen.“ Neben transfeindlichen Angriffen komme noch sexuelle Belästigung dazu, erklärt Ganserer. Eine Doppeldiskriminierung: als Frau und als Transident.

Diskriminierung kommt aber auch von oberster Stelle: das Transsexuellengesetz von 1981 sieht vor, dass Transidente mit Psychologen und einem Richter sprechen müssen, um ihren Vornamen und ihr Geschlecht offiziell zu ändern. In Sitzungen des bayerischen Landtags, auf seinen Veröffentlichungen und im Internet wird deshalb noch immer Ganserers männlicher Vorname angezeigt. Tessa steht nur in Klammern dahinter. Eine belastende Situation, wie sie sagt. Sie findet das Gesetz entwürdigend, fühlt sich als Transfrau vom Staat nicht für voll genommen.

„Ich werde mich nicht vor einen Richter stellen, um mir intimste persönliche Fragen zu meinen frühkindlichen Erlebnissen, meinen sexuellen Präferenzen und Partnerinnen gefallen lassen, damit er für diesen Staat entscheiden kann, dass ich die Frau bin, die ich schon immer war.“ Kein Mensch, kein Staat und erst recht kein Richter habe das Recht dazu, über das Geschlecht eines anderen Menschen zu bestimmen. Im Frühjahr wollte der deutsche Bund das Gesetz aus den 1980er Jahren erneuern, nach heftiger Kritik von Betroffenenverbänden wurde das Vorhaben für zunächst unbestimmte Zeit auf Eis gelegt.

Ein persönlicher und politischer Kampf

Für Ganserer ist es nicht nur ein persönlicher Kampf sondern auch ein politischer. „Ich will mein Mandat offensiv dafür nutzen, auf die Problemlage aufmerksam zu machen und Reformen einzufordern.“ Denn als Politikerin habe sie mehr Gehör, als viele Ehrenamtliche, die für die Akzeptanz geschlechtlicher Vielfalt kämpfen. Gleichzeitig mache es sie stark, nicht nur für sich alleine zu kämpfen. Ganserer sieht in ihrem Job auch die Chance, ein Positivbeispiel zu sein, Menschen Mut zu machen, die das Coming-out bisher nicht gewagt haben. „Ich zeige, dass es möglich ist, auch in öffentlichen Funktionen zu seiner Identität zu stehen.“

Trans zu sein, das betont Ganserer aber auch, ist nur eine ihrer vielen Eigenschaften. „Ich bin Kaffeetrinkerin, ich bin Linkshänderin, ich bin Frühaufsteherin, ich bin Niederbayerin und ich bin trans. Ich bin Vollblutpolitikerin genauso wie ich mit jeder Faser meines Körpers Frau bin.“ Sie wolle nicht ständig reduziert werden. Ganserer wünscht sich, das Schubladendenken zu überwinden, „dem Menschen einfach als Menschen zu begegnen und ihn so zu nehmen, wie er ist, ohne Schublade“. Nur so könne man zu vollständiger Akzeptanz kommen. Ihr sei aber auch bewusst, dass sie da nicht wenig verlange. Denn: „Das Anerkennen der wissenschaftlichen Fakten, dass das Geschlecht sich nicht zwischen den Beinen, sondern zwischen den Ohren manifestiert, ist so revolutionär wie die Erkenntnis, dass die Erde keine Scheibe, sondern eine Kugel ist.“ (dpa)


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