Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mi, 14.08.2019


Tirol

Forum Alpbach startet: 100 Millionen Euro für Klimaschutz

Südtirols LH Arno Kompatscher fordert im Vorfeld des Tirol-Tags in Alpbach „Klimamarshallplan“ für Afrika. Für sein Land kündigt er schrittweise CO2-Kompensationen von jährlich 100 Mio. Euro in Klimaschutzprojekte in Afrika an.

Heute beginnt in Alpbach das Europäische Forum, am Sonntag wird der Europaregion Tirol der Spiegel bei Forschungs-Kooperationen.

© Thomas Böhm / TTHeute beginnt in Alpbach das Europäische Forum, am Sonntag wird der Europaregion Tirol der Spiegel bei Forschungs-Kooperationen.



Von Peter Nindler und Benedikt Mair

Alpbach – Das heute beginnende Europäische Forum Alpbach will bis 30. August positive Schübe auslösen. Fächerübergreifend von Politik bis Wirtschaft, von Wissenschaft bis Kunst. Und auch die Europaregion Tirol, Südtirol und Trentino soll davon profitieren. Dafür hat Forumspräsident Franz Fischler schon vor Jahren das EuregioLab ins Leben gerufen: eine Denkfabrik mit mehr als 40 Experten, die sich mit dem Innenleben der grenzüberschreitenden Region mit 1,8 Millionen Einwohnern befasst. Die 350 Jahre Landesuniversität Innsbruck gaben heuer das Thema vor: „Forschung in der Euregio“.

Vier zentrale Herausforderungen werden im heurigen EuregioLab skizziert: die verstärkte Kooperation der Universitäten, Fachhochschulen und Forschungseinrichtungen, konkrete Forschungsschwerpunkte wie zu den Auswirkungen des Klimawandels in der Euregio und Strategien dagegen, ein wirksames Finanzierungssystem für Forschung und nachhaltige Zusammenarbeit und Wissenschaftskommunikation. Die Wissenschaft muss raus aus ihrem Elfenbeinturm und die Bürger mit dem Konzept einer „offenen Wissenschaft“ in ihre Aktivitäten einbeziehen. Die Schlussfolgerungen orientieren sich an diesen Leitlinien.

So müssen (rechtliche und bürokratische) Hürden für die akademische Mobilität abgebaut und die Finanzierung von interregionalen Kooperationen sichergestellt werden. „Gegenwärtig gibt es nur äußerst wenig Programme zur Finanzierung von interregionalen Kooperationen im Forschungsbereich zwischen den Forschungseinrichtungen und den Unternehmen der Euregio, die einen der wichtigsten Weg­e zur zukünftigen Entwicklung ebnen könnten“, heißt es in der Strategieanalyse für den Tirol-Tag am Wochenende. Angedacht ist deshalb nicht nur ein Euregio-Sonderforschungsbereich, sondern zugleich eine Mitfinanzierung von Forschung durch größere Unternehmen sowie Klein- und Mittelbetriebe.

Bei konkreten Forschungsvorhaben steht einmal mehr der Klimawandel im Mittelpunkt. Die Euregio-Experten schlagen vor, bestehende Kompetenzen zu vertiefen und die Ausarbeitung von Gegenmaßnahmen und Empfehlungen für Anpassungsmaßnahmen zu erleichtern. Als Beispiele werden insbesondere die Forschung an den natürlichen Ökosystemen im Gebirge und die Auswirkungen der Klimaveränderungen auf die biologische Vielfalt bzw. die wild lebende Fauna genannt. Dazu gehören auch Veränderungen bei der Wasserversorgung und die Nachhaltigkeit auf regionale­r Ebene oder die Folgen der Veränderungen der Ökosysteme wie der Anstieg der Risiken und Gefahren.

In diesem Zusammenhang will gerade Südtirols LH Arno Kompatscher beim Tirol-Tag in Alpbach mit einer unmissverständlichen Ankündigung wachrütteln, wie er im Gespräch mit der TT betont. Er fordert von der Europäischen Union nämlich einen „Klimamarshallplan“ für Afrika in Höhe von jährlich 200 Mrd. Euro. „Das wäre die Hälfte jener Summe, also ein Prozent des Bruttoinlandsproduktes, die die NATO gerne als Verteidigungsbudget jährlich hätte.“ Für Kompatscher ist der Klimawandel die größte Herausforderung der Menschheit. „Wir sehen mittlerweile auch die Verwerfungen in den Alpe­n.“

Mit dem Geld könnten laut Kompatscher die Wiederaufforstung, Kultivierung und Urbarmachung von Landstrichen sowie Projekte für die Landwirtschaft ermöglicht werden. „Mit einem Schlag würden wir in der Klimadebatte einen enormen Sprung nach vorne machen und die Klimaschutz-Ziele würden realistischer sein.“ Außerdem sieht der Südtiroler Landeshauptmann darin einen möglichen Lösungsansatz für das Migrationsproblem. „Denn diese Investitionen schaffen Millionen von Arbeitsplätzen und Zukunftsperspektiven.“

In Südtirol selbst steuert er eine klimaneutrale Landesverwaltung an. „Wo das nicht möglich ist, wollen wir das mit seriösen Projekten in Afrika kompensieren, zusätzlich zur Entwicklungszusammenarbeit.“ Gleichzeitig möchte Kompatscher die Wirtschaft mit ins Boot holen, künftig sollen die Betriebe Sozial- und Klimabilanzen ausweisen. Der Landeschef spricht von einer bewussten Positionierung Südtirols und einem Imagefaktor als Urlaubsland. „Am Ende ist das nicht einmal ein Kostenfaktor, sondern das beste Investment in Südtirol.“ Und mit wie viel Geld für Kompensationen rechnet er? „Das wird schon eine Größenordnung von 100 Millionen Euro sein, aber natürlich in Schritten.“

Kompatscher hofft auf ein­e europäische Initiative in Zusammenarbeit mit den afrikanischen Staaten, um die Projekte zu realisieren. Denn derzeit würden vor allem private Anbieter und NGOs solche Projekt-Zertifikate als CO2-Kompensation anbieten, „das alles ist überschaubar“. Was macht ihm Hoffnung, dass die EU überhaupt einen „Klimamarshallplan“ für Afrika finanziert? „Wenn schon nicht aus humanitären, dann zumindest aus egoistischen Gründen. Die Auswirkungen des Klimawandels wird hoffentlich kein vernünftiger Mensch mehr leugnen können“, appelliert der Landeshauptmann.