Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Sa, 19.10.2019


Brexit

Englands Botschafter Leigh Turner sieht Brexit als Beleg für Vertrauen

Der britische Botschafter Leigh Turner versteht den Brexit auch als Folge von unterschiedlichen Erfahrungen im Zweiten Weltkrieg.

Der britische Botschafter Leigh Turner

© Rudy De Moor / TTDer britische Botschafter Leigh Turner



Von Floo Weißmann

Innsbruck – Die Vorbehalte vieler Briten gegenüber der europäischen Integration haben auch mit der Geschichte zu tun, sagte der britische Botschafter Leigh Turner im TT-Interview. In den Gründerstaaten der EU sei im Zweiten Weltkrieg alles zerstört worden – auch das Vertrauen in die Institutionen des Nationalstaats wie Heer, Justizsystem und Polizei. „Dort hat man dann die Idee entwickeln können, dass wir etwas Größeres brauchen, dass die europäische Integration eine Lösung für die Probleme ist.“

Ganz anders die Erfahrung in Großbritannien: „Obwohl es auch viel Leid gab, hat man das Vertrauen in die Institutionen des Staates nie verloren. Wir glauben immer noch, dass unsere Systeme gut sind. Die Idee, dass es besser ist, dass diese Institutionen (in der EU) verschmolzen werden, genießt in Großbritannien nicht so viel Unterstützung.“

Darüber, wie es beim Brexit nun weitergeht, wollte Turner am Tag vor der entscheidenden Abstimmung im britischen Parlament nicht spekulieren. Premierminister Boris Johnson sei zuversichtlich, eine Mehrheit für seinen Austrittsvertrag zu bekommen, referierte Turner die Position der Regierung. Sollte es einen Deal geben, „auf den wir alle hoffen“, würde Großbritannien zwar formal die EU mit Ende Oktober verlassen, aber es wäre noch lange nicht alles geklärt. Vielmehr folgte dann der nächste Verhandlungsmarathon über die zukünftigen Beziehungen. „Internationale Verhandlungen werden öfter sehr kompliziert“, sagte der Botschafter – wohl ein britisches Understatement.

„Wir haben sehr viel anzubieten – wirtschaftlich wie auch in anderen Bereichen“, lockt Turner. Er hofft, dass Österreich in den Verhandlungen eine konstruktive Rolle spielt – schon aus Eigeninteresse. Turner zufolge machen die Niederlassungen österreichischer Firmen in Großbritannien mit 22 Mrd. Euro pro Jahr doppelt so viel Umsatz wie in Italien oder Frankreich. Dazu kommen eine Million britischer Touristen pro Jahr in Österreich, von denen auch viele nach Tirol kommen.

Über die Zukunft der EU ohne Großbritannien müsse die EU natürlich selbst entscheiden, sagt Turner. Aber der Brexit „weist schon darauf hin, dass man die zukünftige Linie sehr sorgfältig entscheiden soll, (...) dass man nicht den Eindruck vermittelt, dass die Integration zu tief oder zu schnell geht oder dass EU-Politik von manchen auf Kosten von anderen gemacht wird“.