Letztes Update am Sa, 30.11.2019 11:12

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


EU

„Schwierigster Job der Welt“: Juncker nahm emotional Abschied

EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker hat am Freitag emotional Abschied genommen von Brüssel und seinem ehemaligen Arbeitsplatz. In einem Kommentar zog er launig Bilanz über seine Amtszeit. Am Sonntag übernimmt Nachfolgerin Ursula von der Leyen.

Der scheidende EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker am Freitag in Brüssel.

© APA/AFP/KENZO TRIBOUILLARDDer scheidende EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker am Freitag in Brüssel.



Brüssel – Zum Ende seiner Amtszeit hat sich EU-Kommissionschef Jean-Claude Juncker auch noch einmal emotional von der Brüsseler Journaille verabschiedet. „Ich liebe die, mit denen ich gearbeitet habe zutiefst. Die Presse ist Teil davon – nicht mit derselben Intensität muss ich sagen“, sagte Juncker am Freitag im Pressesaal des Berlaymont, dem Sitz der EU-Kommission.

Er verlasse die Spitze der EU-Kommission mit Zufriedenheit und manchem Bedauern, sagte Juncker. „Aber ich bin glücklich.“ Sein Job sei keine leichte Aufgabe gewesen, EU-Kommissionspräsident sei „der schwierigste Job der Welt“. Juncker rechtfertigte sich auch, dass er in den fünf Jahren seiner Amtszeit nur 18 Mal im Pressesaal aufgetaucht sei. Immerhin habe es an die 150 weitere Pressetermine mit ihm in der EU-Kommission gegeben, auch habe er 150 Interviews gegeben.

Juncker hat Verständnis für Journalisten

„Ich habe es immer sehr gemocht, dass man in diesem Saal mehrere Sprachen reden kann“, sagte Juncker dann auf Deutsch. Zu den negativen Überbleibseln seiner Amtszeit gehöre, dass ihm, dem Luxemburger, es nicht gelungen sei, die luxemburgische Sprache auf dasselbe Niveau wie Französisch, Englisch und Deutsch zu bringen, fügte er halb im Scherz hinzu.

Juncker äußerte aber auch Verständnis für die EU-Korrespondenten, die „kein einfaches Leben“ hätten, weil die Verlagshäuser zuhause die EU-Berichterstattung nicht immer so wichtig einschätzen würden.

Keine Tipps für Von der Leyen

Seiner Nachfolgerin Ursula von der Leyen wollte Juncker keine Ratschläge mit auf dem Weg geben, schon gar nicht wie sie ihr Büro im Berlaymont zu nutzen habe. „Aber ich werde ihr sagen, dass sie auf Europa aufpassen muss. Man muss auf Europa aufpassen.“

Gefragt zur Rechtsstaatlichkeit und zu dem Mord an der Investigativ-Journalistin Daphne Caruana Galizia auf Malta sah Juncker zwar von direkten Kommentaren ab. Er betonte aber: „Ich bin höchst besorgt. In mehr als einem Land ist die Rechtsstaatlichkeit nicht ausreichend respektiert.“ Gefragt, wer in seiner eigenen politischen Familie – der Europäischen Volkspartei – künftig den Kurs vorgebe, Ungarns Premier Viktor Orban oder Parteichef Donald Tusk, antwortete Juncker kurz und bündig: „Tusk“.

Am Ende machte auch die Vereinigung der in Brüssel akkreditierten Auslandskorrespondenten (API-IPA) eine Ausnahme von dem Applaus-Verbot im Brüsseler Presseraum und Juncker wurde mit Beifall verabschiedet. „Niemand wird jemals Jean-Claude Juncker vergessen“, sagte Lorenzo Consoli von dem Presseverband. Juncker habe sich nicht nur für das europäische Projekt, sondern auch für Pressefreiheit eingesetzt. Sein persönlicher Humor und seine Ironie seien zudem unvergesslich.

Launiges Kommentar zum Abschied

Mit einer launigen Bilanz seiner Erfolge und Niederlagen verabschiedete sich Juncker von den Europäern. „Es ist kein Geheimnis, dass Europa die große Liebe meines Lebens ist und immer bleiben wird“, schrieb Juncker am Freitag in einer Kolumne für das Portal Politico.

„Die vergangenen fünf Jahre waren kein Picknick. Es gab schwierige Momente, die mir im Gedächtnis geblieben sind, und es gab sehr schöne Erinnerungen an sehr besondere Momente“, schrieb Juncker.

Handy von Chirac abgehört

Der 64-jährige Luxemburger gibt sein Amt am Samstag nach fünf Jahren ab, Nachfolgerin wird am Sonntag die CDU-Politikerin Ursula von der Leyen. Zum Abschied teilte Juncker noch einmal etliche Anekdoten, so etwa, dass sein uraltes Nokia-Handy einst vom früheren französischen Präsidenten Jacques Chirac abgehört wurde oder dass er auf Zypern genug Halloumi-Käse für den Rest seines Lebens aufgetischt bekommen habe. „Ich habe ihnen das nicht erzählt, aber ich bin kein großer Fan dieses Gummizeugs“, schrieb Juncker.

Als er einmal lange mit dem früheren US-Präsidenten Bill Clinton telefoniert habe, habe er postwendend einen Anruf des französischen Präsidenten Jacques Chirac bekommen, der sofort auf den Inhalt des Gesprächs Bezug genommen habe.

„Aber warum hast Du das so zu Clinton gesagt, Jean-Claude?“, habe der Franzose gefragt. Juncker trägt den Lauschangriff heute mit Fassung und schrieb in Politico: „Danke, dass du zugehört hast, mein Freund. Es stellte sich heraus, dass es nicht immer die USA sind, die bei Telefonaten mithören.“

Griechenland bis Brexit als schwarze Zeiten

Zu den schwierigen Zeiten zählte er die Griechenland-Krise 2015 sowie die EU-kritischen Referenden in den Niederlanden, in Dänemark, der Schweiz und schließlich die britische Entscheidung zum EU-Austritt. „In den vergangenen Jahren habe ich mich oft wie Europas Familientherapeut gefühlt, der versuchte, jeden glücklich und an Bord zu halten“, meinte Juncker. Nun werde er früher ausscheiden als die Briten - was ihn nicht unglücklich mache, „denn es bricht mir das Herz zu sehen, wie ein Mitglied unsere Union verlässt“.

Als Höhepunkte seiner Amtszeit strich er unter anderem das Pariser Klimaabkommen von 2015 und den 60. Geburtstag der EU in Rom 2017 heraus sowie die Abschaffung der Handy-Roaming-Gebühren 2017. Als besonderes Kompliment sieht er die Namen, die ihm US-Präsident Donald Trump verliehen habe: „Tough cookie“ (in etwa: harter Hund) und „brutal killer“.

Und auch vom französischen Präsidenten Emmanuel Macron, der der NATO kürzlich den „Hirntod“ bescheinigt hatte, verabschiedete sich Juncker mit einer Spitze: „Europa muss eine starke Säule der NATO bleiben, die weniger „hirntot“ ist als in einem leichten Dämmerschlaf, aus dem sie leicht geweckt werden kann.“ (TT.com, APA)