Letztes Update am Mi, 07.01.2015 08:31

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Euro

Deutschland rechnet griechische Ausstiegsszenarien durch

Tritt Griechenland aus dem Euro aus, könnte es nach Ansicht der deutschen Regierung zu einem Bankenkollaps kommen. Mögliche Szenarien werden nun doch unter die Lupe genommen, obwohl sich in den vergangenen Tagen mehrere Politiker gegen eine solche Debatte ausgesprochen haben. Der Euro befindet sich indes auf einem Rekordtief.

Linkspolitiker Alexis Tsipras könnte bei den Parlamentswahlen in Griechenland triumphieren. In diesem Fall würde wohl eine Ende der griechischen Sparpolitik anstehen.

© imago stock&peopleLinkspolitiker Alexis Tsipras könnte bei den Parlamentswahlen in Griechenland triumphieren. In diesem Fall würde wohl eine Ende der griechischen Sparpolitik anstehen.



Berlin – Die deutsche Bundesregierung entwickelt einem Medienbericht zufolge konkrete Strategien für einen möglichen Austritt Griechenlands aus der Eurozone. Das Bundeskanzleramt lasse derzeit Szenarien für einen möglichen Wahlsieg des Linksbündnisses Syriza bei der Parlamentswahl in dem Staat am 25. Jänner durchspielen, berichtete die Zeitung „Bild“ (Mittwoch) unter Berufung auf Regierungskreise.

Sollte das Bündnis um Alexis Tsipras gewinnen und den Reformkurs abbrechen, würde die ausstehende Rate von zehn Milliarden Euro an Hilfskrediten nicht an Athen überwiesen werden. Käme es zum Austritt Griechenlands aus dem Euro - dem sogenannten „Grexit“ -, könnte es nach Einschätzung der Regierungsfachleute einen Kunden-Ansturm auf griechische Banken geben, um Euro-Guthaben zu sichern, schrieb die Zeitung. Ein Kollaps der Institute in dem Land könne die Folge sein. In diesem Fall müsste die EU-Bankenunion womöglich mit Milliardenzahlungen einspringen, hieß es.

Griechischer Euro-Austritt „verkraftbar“

Das Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ hatte am Wochenende berichtet, die Bundesregierung halte bei einem Sieg der Linken in Griechenland einen Austritt aus der Eurozone für verkraftbar. Der in Umfragen führende Tsipras hatte ein Ende der Sparpolitik in dem südeuropäischen Land angekündigt, falls er die Abstimmung gewinnt.

Nach Ansicht von EU-Parlamentspräsident Martin Schulz stärkt die Austrittsdiskussion den Syriza-Chef. „Die Debatte und die verantwortungslosen Spekulationen über „Grexit“-Szenarien sind wenig hilfreich“, sagte der SPD-Politiker der Zeitung „Die Welt“ (Mittwoch). „Allen muss klar sein: Ein Ausstieg aus dem Euro steht nicht zur Debatte. Unerbetene Ratschläge, die den Menschen in Griechenland das Gefühl geben, nicht sie entscheiden durch ihre Wahl über ihr Schicksal sondern Brüssel oder Berlin, treiben die Wähler womöglich gerade in die Arme der radikalen Kräfte.“

SPD-Fraktionsvize Carsten Schneider hatte geschätzt, dass ein Euro-Austritt Griechenlands Deutschland 30 Milliarden Euro oder mehr kosten könnte. Die internationalen Geldgeber hätten fast 240 Milliarden an Krediten an Griechenland gegeben, um das Land zu stabilisieren und im Euro zu halten, sagte Schneider zu Wochenbeginn der Deutschen Presse-Agentur. Bei einem Umstieg auf die Drachme könne Athen das nicht zurückzahlen. Nach Commerzbank-Berechnungen summieren sich die Schulden Griechenlands bei den europäischen Partnern, dem IWF und der EZB auf gut 257 Milliarden Euro.

Euro weiter auf Talfahrt

Der Kursverfall des Euro hat sich indes angesichts der Spekulationen auf weitere Geldspritzen der Europäischen Zentralbank (EZB) und einen Austritt Griechenlands aus der Währungsunion beschleunigt. In der Nacht zum Mittwoch fiel der Euro auf 1,1853 Dollar und notierte damit so niedrig wie seit Ende Februar 2006 nicht mehr.

„Sollte sich der Euro im Wochenverlauf nicht mehr erholen, könnte er schnell unter 1,15 oder sogar 1,12 Dollar absacken“, warnte ein Händler. Sowohl technisch als auch fundamental sei der Euro angeschlagen. Auf dem Höhepunkt der Schuldenkrise im Mai 2010 hatte die wichtige Marke von 1,1875 Dollar noch gehalten. Der Preissturz an den Ölmärkten verringert laut Experten die Inflationserwartungen für die Eurozone und lässt somit weitere Geldspritzen der Zentralbank nötig erscheinen.

Als entscheidender Grund für die Euro-Schwäche gilt auch die Aussicht auf steigende Zinsen in den USA. Die US-Notenbank hatte im vergangenen Jahr die Geldschleusen für die inzwischen anziehende Konjunktur geschlossen und könnte 2015 erstmals seit Ausbruch der Finanzkrise 2007 die Zinsen wieder erhöhen.

Dagegen stehen in der Eurozone die Zeichen weiter auf eine ultralockere Geldpolitik. Dazu tragen auch die immer tiefer in den Keller fallenden Ölpreise bei - das Nordseeöl Brent notierte am Mittwoch deutlich unter der Marke von 51 Dollar je Fass. Ein Barrel des US-Öls WTI kostete 47,34 Dollar (39,74 Euro). Seit Mitte Juni haben sich die Preise halbiert. Der Markt interpretiere dies als Gefahr für ein Abgleiten der Eurozone in eine dauerhafte Deflation, erklärte Commerzbank-Analyst Ulrich Leuchtmann. (tt.com/APA/dpa/Reuters)