Letztes Update am Do, 16.06.2016 11:05

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Interview

Expertin: Wie Sprache unser politisches Denken manipuliert

Sprache ist Politik. Sprache beeinflusst unsere politischen Entscheidungen, unser Wahlverhalten. Linguistin Elisabeth Wehling über die Wirkungen der Begriffe wie Flüchtling, Volk, Establishment.

© PfarrhoferSprachwissenschafterin Elisabeth Wehling gilt als ausgewiesene Expertin für Politisches Framing.



Wien – Als gelernten Österreichern ist uns seit Sigmund Freud der Begriff des Unterbewussten vertraut. Trotzdem glauben wir, dass unser politisches Denken bewusst und rational ist. Nur, dem ist nicht so. Dank der modernen Neuro- und Kognitionsforschung wissen wir, dass wir uns von diesem althergebrachten Bild verabschieden müssen. Unser Denken ist nur zu zwei Prozent ein bewusster Prozess. Sprache bestimmt unser Denken, nicht Fakten. Sprache ist Politik. Durch Sprache wird unser Denken beeinflusst und auch manipuliert.

Sie beschäftigen sich intensiv mit dem Einfluss von Sprache auf Politik. Ein zentraler Begriff in Ihrer Arbeit ist das Framing. Können Sie uns das erläutern?

Elisabeth Wehling: Ein Frame ist ein Deutungsrahmen. Unser Gehirn hat davon sehr viele. Sie entstehen durch unsere Erfahrung mit der Welt und helfen uns, Fakten zu begreifen. Sprache aktiviert diese Frames in unseren Köpfen und das wiederum prägt dann unsere Wahrnehmung politischer Sachverhalte.

Können Sie uns dieses Framing am Beispiel „Steuer“ erläutern?

Wehling: Zuerst muss geklärt werden, welche politische Gruppe welche Moralvorstellungen hat. Für wen Steuern per se demotivierend sind, weil sie jene bestrafen, die hart arbeiten, und andere mit Sozialleistungen ausstatten, die sie nicht selbst verdient haben, und sie so um ihre Chance beraubt werden, selbst stark zu werden, für den funktioniert ein Begriff wie „Steuerlast“ gut. Wer hingegen sagt, Steuern sind ein gemeinschaftliches Instrument des Schutzes, etwa Polizei und Verbraucherschutz, und der Befähigung, etwa Bildung und Straßen, und wer meint, Gerechtigkeit bedeute, dass Menschen eben nicht bekommen, was sie verdienen, sondern was sie brauchen, der muss anders angesprochen werden. Heißt also, man müsste den Begriff „Steuern“ anders framen.

Und wie macht man das?

Wehling: Zuerst braucht man eine moralische Story. Bei „Steuer“ handelt es sich um einen abstrakten Begriff. Also muss man den Begriff herunterbrechen auf alltägliche Erfahrbarkeit. Dafür braucht es eine einfache bildliche Sprache. Der rechte Flügel des politischen Spektrums hat die hierfür notwendigen Metaphern wie Steuerbelastung, Steuerflucht oder Steuermelkkuh längst gefunden.

Jetzt haben wir seit 30 Jahren eine konservativ geprägte sprachliche Deutungshoheit in Sachen Steuern. So etwas ist doch nicht rasch umzudrehen.

Wehling: Rasch geht bei Politischem Framing, also dem Schaffen von Begriffen, die der eigenen moralischen Perspektive treu sind, gar nichts. Weil dieser Prozess über das Hirn abläuft und Ideen oft wiederholt werden müssen, damit sich Assoziationsmuster festigen. Framing ist also langfristige politische Arbeit. Aber man muss einen Frame der ideologisch fürsorglichen Politik nicht erfinden, der ist in der Gesellschaft vorhanden. Ihm ist vielfach die Sprache abhandengekommen. Und wenn sich etwa die Sozialdemokratie in Europa dieser Arbeit nicht stellt, also fürsorglicher Politik in der Gesellschaft eine Sprache zu geben, schafft sie sich langfristig ab. Barack Obama hat es vorgemacht, er hat in seiner Kampagne 2008 sehr viel mit Framing gearbeitet. Er hat sich auf fürsorgliche Werte konzentriert, die in den USA stark im Alltag, etwa der Nachbarschaftshilfe, vorhanden sind. Und er war in seiner Wahlkampagne erfolgreich.

Wenn wir auf den zurückliegenden Bundespräsidentenwahlkampf in Österreich eingehen: Hier arbeitete die FPÖ bewusst mit Begriffen wie Elite und Establishment. Sie verstand es so, eine Aufteilung in „die da oben“ und „wir da unte­n“ vorzunehmen. Nach dem ersten Wahlgang wurde dann von den unterlegenen Regierungsparteien erklärt, es habe sich um eine Wahl gegen das Establishment gehandelt.

Wehling: In Ihrem Beispiel zeigt sich, wie die Regierungsparteien den Frame der FPÖ noch verstärkt habe­n, indem sie erklärten: „Es war eine Wahl gegen das Estab­lishment.“ Damit sagten sie auch: Ja, da gibt es eine abgehobene Politik. Diese Kampagne rechter Parteien gegen das Establishment ist seit einiger Zeit auch in anderen westlichen Ländern zu erkennen. Zugleich nehmen sie dabei die Rolle des Volks ein. Doch der streng konservative Wertekodex unterteilt Bürger durchaus sozialdarwinistisch in „die Starken“ und „die Schwachen“, das Volk bildet hier keine Einheit per se. Auf der anderen Seite ist es ein Faktum, dass etwa die Grünen und die Sozialdemokraten eben gerade nicht für „die da oben“ arbeiten. Doch ihr Engagement für „die da unten“ hat oft keine Sprache, die aus dem moralischen Bauchgefühl kommt.

Tut sich die Rechte leichter, eine einfache Sprache zu finden, weil sie sich um die Political Correctness weniger scheren muss?

Wehling: Tatsächlich ist es so, dass es Menschen gibt, die ein hohes Bedürfnis nach einfachen Antworten haben. Hier tun sich die Rechten leichter. Aber dass es auch möglich ist, komplexe Sachverhalte einfach zu schildern, haben Barack Obama oder Bernie Sanders bewiesen. Politiker müssen ihre Geschichte erzählen, dies geht jedoch nur, wenn sie sie auch kennen. Es geht zuerst um eine gedankliche Klärung im Sinne einer Werteklärung. Es geht darum, Fakten, die für alle zugänglich sind, nicht nur aufgrund der eigenen moralischen Werte­haltung für die Politik zu interpretieren, sondern auch darüber reden zu können. Wer das nicht kann, bewegt sich auf dünnem Eis.

Das heißt, man soll nicht die Frames des politischen Gegners bedienen?

Wehling: Genau! Wenn Sie einen Ehestreit haben und der Partner wirft Ihnen vor, Sie sind immer so geizig. Und Sie sagen dann: Stimmt doch nicht, ich bin nicht geizig! Dann sind Sie schon im Frame des anderen gefangen. Wenn Sie aber sagen: Sparsamkeit ist für mich ein wichtiger Wert, dann kommunizieren Sie aus Ihrer Wertehaltung heraus. Doch dafür brauchen Sie Ihren Frame im Rucksack.

Kommen wir zu dem aktuellen und beherrschenden Thema Flüchtlinge. Da wird es schwierig, in der Debatte auf einen anderen Frame im Rucksack zuzugreifen.

Wehling: Nein.

Ist nicht schon das Wort Flüchtling angsteinflößend?

Wehling: Da haben Sie Recht, das Wort birgt Probleme. Zum einen wird das Suffix -ling oft abwertend benützt …

… „Liebling“ fällt mir jetzt als Gegenbeispiel ein.

Wehling: Verkleinerung ist eine andere Funktion dieses Suffixes. Liebling ist verkleinernd. So wie Setzling, Säugling. Es gibt eine eingebürgerte Metapher „Klein ist schlecht“. Deshalb sagt man auch „Kleingeist“ oder „Ach, wie kleinlich!“. Sprachhistorisch ist daher eine Abwertung entstanden. Deshalb sagen wir heute Schreiberling, Schwächling, Miesling. Aber Flüchtling ist noch aus anderen Gründen ein riskantes Wort. Flüchtling kennt nur die männliche Form. Es gibt nicht „die Flüchtlingin“ als Form für die Frau. „Flüchtling“ blendet zudem die Ursache für Flucht und Schutzauftrag aus, anders als „Geflüchtete“ oder „Schutzsuchende“.

Welche sprachliche Alternative haben Sie parat?

Wehling: Wenn Sie statt „Flüchtling“ der „Geflüchtete“ sagen, dann, da wette ich meinen Hut drauf, wird die Bereitschaft zu helfen gleich sehr viel größer sein. Wenn Sie von Vertreibungskrise lesen, nicht von einer Flüchtlingskrise, so ist das ein und derselbe Sachverhalt mit unterschiedlicher Wirkung. Wenn ich von Flüchtlingsandrang spreche und nicht von Flüchtlingsflut, so negiere ich nicht den Sachverhalt, aber ich muss nicht mit einer Wassermassen-Metapher arbeiten, sondern habe die Menschen im Auge. Das Perfide an Metaphern ist immer, dass sie als Verstärker dienen oder etwas falsch darstellen können. Denken Sie an Flüchtlingsstrom. Ein Strom bricht ja nie ab. Die Donau hört ja nicht auf zu fließen, wenn in Syrien Frieden herrscht. Die Metapher Flüchtlingsstrom suggeriert einen Dauerzustand.

In diesem Zusammenhang fällt mir die Metapher „Das Boot ist voll“ ein. Das Boot steht für den Staat, so müsste es eigentlich Dampfer oder zumindest Schiff heißen.

Wehling: Mit der Metapher „Das Boot ist voll“ befinden wir uns unweigerlich alle in Lebensgefahr. Jeder weiß, dass ein Boot leicht kentern kann, wenn zu viele Menschen im Boot sitzen. Aber um einem großen Missverständnis vorzubeugen: Framing funktioniert über Sprache, aber mit dem Austausch von ein, zwei Wörtern kann man eine Debatte nicht drehen. Man muss als Politiker wissen, was man will, und man muss wissen, was sein politischer Gegner will und warum er diesen und keinen anderen Frame verwendet.

Unser Gespräch nährt bei mir den Eindruck, dass sich die Rechte viel intensiver mit der Wirkung von Sprache beschäftigt hat.

Wehling: Zum Teil. Konservative und Populisten in Europa haben über das Internet Zugriff auf das US-Netzwerk. In den USA geben konservative Gruppen Millionen von Dollar für Framing aus. Völlig zu Recht aus deren Sicht. Sie glauben an ihre moralische Geschichte, wollen die Welt besser machen und die Wähler überzeugen. Ihr Material stellen sie gerne rechten europäischen Gruppen für deren Diskurse zur Verfügung. Wieso auch nicht! Es geht darum, die Diskurshegemonie auszubauen und zu stärken. Das Team um Donald Trump hat sich etwa in Vorbereitung seines Wahlkampfs stundenlang mit konservativen Radiosendungen aus dem Mittleren Westen der USA beschäftigt, um so herauszufiltern, was Menschen moralisch empört. Daraus zimmerte sein Team Trumps moralische Erzählung – mit großem Erfolg.

Das Gespräch führte Michael Sprenger

Zur Person und Buchtipps:

Politisches Framing. Wie eine Nation sich ihr Denken einredet – und daraus Politik macht. (221 Seiten, Edition Medienpraxis 2016). Das aktuelle Buch sollte eine Pflichtlektüre für alle sein, die Politik begreifen wollen.

Auf leisen Sohlen ins Gehirn.

(191 Seiten, Carl-Auer, erw. Auflage 2008

2016). Das Buch (mit George Lakoff) richtet den Fokus auf Identität und Moral und zeigt, wie Wirklichkeiten entstehen.