Letztes Update am Mi, 06.07.2016 11:37

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Exklusiv

Ganztags- statt Gesamtschule: Ministerin Hammerschmid im Interview

Die neue Bildungsministerin Sonja Hammerschmid (SPÖ) will ihren Schwerpunkt auf den Ausbau der verschränkten Ganztagsschule legen. Ein Zurück zur teilzentralen Matura lehnt sie ab.

Bildungsministerin Sonja Hammerschmid (SPÖ).

© PfarrhoferBildungsministerin Sonja Hammerschmid (SPÖ).



Wie weit hat Bildungspolitik mit Ideologie zu tun?

Sonja Hammerschmid: Für mich hat Bildungspolitik nur damit zu tun, unseren Kindern das bestmögliche Bildungssystem zu ermöglichen, um ihre Potenziale voll ausschöpfen zu können.

Dennoch ist Bildungspolitik stark ideologisch aufgeladen. Wo sehen Sie auf der Suche nach dem besten Bildungssystem Ihre größten Herausforderungen?

Hammerschmid: Wenn alle Akteure, die im Bildungssystem mitreden, das Wohl der Kinder und deren Talente in den Mittelpunkt stellen, werden wir uns einig werden. Aber wir müssen an Inhalten arbeiten.

Ein Inhalt sind die Modellregionen für die gemeinsame Schule.

Hammerschmid: Die Modellregionen sind Teil der Bildungsreform, die im vergangenen November beschlossen wurde. Jetzt müssen wir die Details festlegen.

Die Einigung auf dieses Bildungspaket ist mehr als ein halbes Jahr alt. Warum ist seither nichts geschehen?

Hammerschmid: Das Schulrechtspaket ist bereits umgesetzt und wird ab Herbst wirksam. Viele Dinge sind vorbereitet und bedürfen jetzt einer Diskussion mit dem Koalitionspartner.

Ist es vorstellbar, die 15-Prozent-Grenze für die Modellregionen aufzuschnüren, sodass etwa Innsbruck Modellregion werden könnte?

Hammerschmid: Wir müssen reden. Das ist alles, was ich jetzt dazu sagen kann und auch sagen will.

Ihre Vorgängerinnen haben das Ziel der Gesamtschule immer sehr hochgehalten. Bei Ihnen entsteht der Eindruck, diese Frage ist Ihnen weniger wichtig.

Hammerschmid: Ich finde, dass uns die verschränkte Ganztagsschule ein besonderes Anliegen sein sollte. Wir wissen aus der Wissenschaft, dass die Verschränkung mit Unterrichtszeiten, Freizeit und Spielzeiten über den Tag hinweg zu wesentlich mehr Aufnahmefähigkeit bei den Kindern führt und ein besseres Lernen ermöglicht. Bisher ist dieses Angebot insbesondere in den Bundesländern noch verbesserungswürdig.

Haben Sie hier Zeitpläne oder zahlenmäßige Ziele?

Hammerschmid: Das hängt auch vom Geld ab. Hier müssen Schulen ausgebaut werden, wir brauchen auch mehr Personal. Nachdem diese Bundesregierung die Bildung als einen ihrer fünf zentralen Punkte genannt hat, gehe ich davon aus, dass man dafür Sorge tragen wird.

Ihre Vorgängerinnen haben immer wieder auch über ein strukturelles Defizit im Bildungsbudget geklagt. Haben Sie darüber schon mit dem Finanzminister gesprochen?

Hammerschmid: Diese Frage beschäftigt mich auch mit meinen Partnern im Schulsystem. Ich treffe zurzeit alle Akteure, um mir ein besseres Bild zu machen.

Welchen Eindruck bekommen Sie da von den Bundesländern? Was soll zentral vorgegeben und gemacht werden, was in den Ländern?

Hammerschmid: Wir werden das diskutieren. Es tut mir leid, ich kann das nicht über die Medien ausrichten. Ich rede mit meinen Partnern gerne selbst.

Haben Sie bei Ihren Gesprächen auch schon böse Aha-Erlebnisse gehabt?

Hammerschmid: Nein. Ich habe das bis dato als sehr konstruktiv empfunden.

Sie haben kürzlich die Ergebnisse der Zentralmatura präsentiert und dabei betont, dass Sie die Veröffentlichung von Schulergebnissen und damit ein Schulranking ablehnen. Warum?

Hammerschmid: Was denken Sie passiert, wenn wir diese Ergebnisse veröffentlichen? Was würden Sie als Elternteil machen?

Ich würde versuchen, für meine Kinder eine gute Schule zu finden.

Hammerschmid: Genau. Aber was ist, wenn ich etwa am Land nicht auswählen kann? Unser Anliegen muss es sein, den Schulen zu helfen und mit den Pädagogen zu arbeiten, um die Qualität zu erhöhen. Es geht mir darum, dass diese Schulen Unterstützung bekommen, dass sie besser werden. Wir müssen das Schulsystem ja in der Breite verbessern.

Es gibt Forderungen, die Matura wieder mehr in die Verantwortung der Lehrer und Schulen zu geben. Ist das für Sie vorstellbar?

Hammerschmid: Jetzt wieder alles zu ändern, wäre nicht gut für Lehrer und Schüler. Lassen wir das System bitte jetzt einmal ankommen und wirken. Zu gegebener Zeit werden wir die neue Matura auch evaluieren.

Wann kann dieser Zeitpunkt sein?

Hammerschmid: Man muss zumindest einmal einen Fünf-Jahres-Durchlauf lassen.

Sie haben mehrfach auf meine Fragen geantwortet, dass Sie zuerst analysieren und diskutieren wollen. Sind in der Politik oft vorschnelle Entscheidungen verlangt?

Hammerschmid: Sie werden Verständnis haben, dass ich gerne hinschaue, bevor ich entscheide. Mir ist es wichtig, analysieren zu können, dann eine Strategie entwickeln zu können und dann darüber zu sprechen. Das hätte ich gerne auch für dieses Ressort beansprucht.

Sie sind gleich nach dem Eintritt in die Bundesregierung auch in die SPÖ eingetreten. Warum eigentlich?

Hammerschmid: Ich habe das Ministeramt übernommen, weil mich Christian Kern überzeugt hat. Ich sehe das als Commitment, dann auch Mitglied der Partei zu werden. Das gehört für mich dazu, man kann ja auch nicht nur halb heiraten.

Das Gespräch führte Wolfgang Sablatnig