Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mo, 22.08.2016


Innenpolitik

Salzburger Trilog: Eine Krise des Vertrauens

Die Teilnehmer am Salzburger Trilog analysierten eine Welt in Unordnung.

Liz Mohn, Patriarchin der Bertelsmann-Stiftung, die den Trilog organisiert und finanziert, und Altkanzler Wolfgang Schüssel, der moderiert.

© Jürgen DannenbergLiz Mohn, Patriarchin der Bertelsmann-Stiftung, die den Trilog organisiert und finanziert, und Altkanzler Wolfgang Schüssel, der moderiert.



Salzburg – Die Türkei, Flüchtlinge und der Nahe Osten standen auch im Mittelpunkt des diesjährigen „Trilogs“ in Salzburg. Dabei diskutieren gut zwei Dutzend Führungspersönlichkeiten aus Politik, Diplomatie, Wirtschaft, Wissenschaft und Kunst halböffentlich nach der „Chatham-House-Regel“: Ideen und Aussagen dürfen verbreitet werden, aber die Quelle bleibt anonym. Das soll eine offenere Diskussion bewirken.

Weitgehend einig waren sich die Teilnehmer in einem katastrophalen Befund: Die Nachbarschaftspolitik der Europäischen Union sei gescheitert. Anstelle des angestrebten „Rings von Freunden“ sei Europa nun von einem „Ring aus Feuer“ umgeben, heißt es schon in der Tagungsunterlage der Bertelsmann-Stiftung, die den Trilog organisiert.

Die vielen Krisen in und um Europa, das wurde in der Debatte deutlich, sind Teil einer neuen Normalität. „Wir leben in einem Zeitalter der Instabilität. Das beginnt, in die Köpfe einzusickern“, bilanzierte ein Teilnehmer. Als größte Krise unserer Tage identifizierten etliche Teilnehmer eine Krise des Vertrauens auf allen Ebenen – zwischen den Regierungen, zwischen Regierung und Regierten, zwischen Eliten und einfachen Leuten, zwischen Bevölkerungsgruppen und Parteien. Diese Vertrauenskrise erschwere Lösungen in allen anderen Krisen.

Ein wesentlicher Grund dafür sei das Scheitern der politischen Führungen. „Hätten die Staaten besser funktioniert, hätten wir viele der gegenwärtigen Probleme nicht“, meinte ein Teilnehmer mit Blick auf den Nahen Osten.

So komplex die Krisen, so bunt die Palette der Lösungsansätze. Europa brauche „einen neuen Sinn für Bestimmung“, meinte einer. Europa müsse sich frühzeitig und entschlossener in seiner Nachbarschaft engagieren, forderten viele. Von einem konkreten „business plan“ für die Kooperation mit einzelnen Ländern war die Rede. Und davon, dass Europa mehr Konfliktlösungskapazität aufbauen müsse, denn 80 Prozent der Flüchtlinge kämen aus jenen fünf Ländern mit den meisten Anschlägen. Andere mahnten, international tätige Firmen und die Zivilgesellschaft mit einzubeziehen, vor allem Frauen und Junge.

Aber es geht auch um die richtige Einstellung. Denn die Vertrauenskrise erfasst auch das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten. „Wenn wir es geschafft haben, das 20. Jh. als Europäer zu überleben, was macht uns dann glauben, dass wir die Herausforderungen des 21. Jh. nicht anpacken können?“, warb eine Teilnehmerin um Zuversicht. (floo)

Fünf Stunden angestrengte Debatte ohne unmittelbaren öffentlichen Druck: Aufnahme vom diesjährigen Trilog.
Fünf Stunden angestrengte Debatte ohne unmittelbaren öffentlichen Druck: Aufnahme vom diesjährigen Trilog.
- Jürgen Dannenberg