Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Di, 03.10.2017


NR-Wahl 2017

Silberstein oder House of Cards für Minderbemittelte

Die Dirty-Campaigning-Affäre rund um Tal Silberstein sorgt für einen neuen Tiefpunkt im laufenden Wahlkampf.

© ORF/SonyKevin Spacey spielt den skrupellosen Politiker Frank Underwood in der US-Serie "House of Cards". Sie läuft derzeit auch im ORF.



Von Michael Sprenger

Wien – Die Ausgangssituation: Die SPÖ hegt massive Zweifel, die Wahl zu gewinnen. Sie hat zwar – wie seit Jahren nicht mehr – einen hervorragenden Spitzenkandidaten und Kanzler mit Format. Doch die Partei ist längst ausgedünnt. Ähnlich desaströs ist der Regierungspartner und Konkurrent für das Kanzleramt aufgestellt. Doch dann wechselt die ÖVP ihren Parteiobmann aus. Ein junger Senkrechtstarter kommt an die Macht. Sebastian Kurz ist rhetorisch gewandt und mit allen Wassern gewaschen, er hat längst für den Tag X vorgesorgt und eine Parteiparallelstruktur aufgebaut.

In der Kanzlerpartei macht sich Angst breit. Was tun?

Was fortan in der SPÖ passiert, erinnert an „House of Cards für Minderbemittelte“ – um die Macher der US-Serie über den skrupellosen Politiker Frank Underwood nicht zu beleidigen.

Die SPÖ engagiert mit Tal Silberstein einen externen Berater. Silberstein ist bekannt. 2006 hat er unter anderem für Alfred Gusenbauer gearbeitet. Er ist spezialisiert darauf, politische Gegner in den Dreck zu ziehen, wie er selbst in der US-Doku „Our brand is crisis“ gesagt hat.

Doch was machte Silberstein genau bei der SPÖ? Bis zur Trennung von Silberstein Mitte August (nach dessen Verhaftung in Israel) hieß es immer, er arbeite mit Fokusgruppen, um mit diesen Erkenntnissen den Wahlkampf konzipieren zu können. Doch Silberstein hat mehr gemacht. Davon wusste die Parteispitze allerdings nichts, wird behauptet. Trotzdem musste Wahlkampfleiter Georg Niedermühlbichler die Verantwortung übernehmen und zurücktreten.

Was Silberstein gemacht hat, und vor allem mit wem, lässt einen mit offenem Mund zurück. Wie blöd kann man sein, hört man sich sagen, wenn der Mund dann wieder geschlossen ist.

Silberstein soll mit einem eigenen Dirty-Campaigning-Team Facebookseiten gegen Sebastian Kurz konzipiert haben, um den türkisen ÖVP-Obmann anzuschwärzen.

Mit im Team war Peter Puller. Der PR-Berater hat beste Beziehungen zur ÖVP und den NEOS. Er war früher Pressesprecher und Kabinettschef in zwei ÖVP-geführten Ministerien, zudem arbeitete Puller bei der Agentur Hofherr, die immer wieder in Geschäftsbeziehungen mit der ÖVP steht. Dann war da noch eine Übersetzerin für Silberstein, der ja kein Wort Deutsch spricht. Die Übersetzerin soll eine persönliche Nähe zur ÖVP haben.

In der SPÖ vermutet man nun, hofft sogar, dass es bei „House of Cards für Minderbemittelte“ noch eine Staffel gibt. Es könne alles kein Zufall sein, dass zwei Wochen vor der Wahl diese Bombe platze, dass das Silberstein-Team nach seiner Entlassung fleißig weitergearbeitet habe. Keiner wisse, auf wessen Auftrag. Außer, so die Verschwörungstheoretiker, die ÖVP habe von Anfang an alles gewusst – und hatte bei der SPÖ einen Maulwurf, um die Arbeiten gegen Kurz sogar zu befeuern. Täter-Opfer-Umkehr oder ein Kartenhaus stürzt ein.