Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Di, 10.10.2017


NR-Wahl 2017

Kern vs. Strache: Hartes Duell um die “kleinen Leut'“

Harte Verbalschlacht zwischen SPÖ-Chef Christian Kern und FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache. Die Konkurrenten „trennen Welten“.

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Von Karin Leitner und Michael Sprenger

Wien — Die Vranitzky-Dok­trin hat ausgedient. Wirklich? Erstmals jedenfalls gilt es nicht als ausgemacht, dass SPÖ und FPÖ nach der Wahl nicht gemeinsam auf der Regierungsbank sitzen.

Der Rote Christian Kern versucht im ORF-Duell von Anfang an, die Unterschiede zu den Blauen herauszuarbeiten. Er ortet „Anbiederung" und „Annäherung" zwischen FPÖ und ÖVP. Heinz-Christian Strache kritisiert einmal mehr die bisherigen Regierungsparteien. Als er zu seinem Steuerentlastungsbegehren gefragt wird, dazu, in welchem Verhältnis er Einkommens-, Körperschaftssteuer und Lohnenebenkosten senken will, muss Strache passen: „Ich habe es jetzt nicht im Kopf. Das haben Experten errechnet."

Video: Thema Steuerkonzepte

Kern nützt Straches kurzzeitige Schwäche, um seine Arbeit als Regierungschef hervorzuheben. Positiv seien seine 15 Monate als Kanzler zu bilanzieren. Dann geht er los, der Kampf um die „kleinen Leut'". Es wird heftig zwischen den beiden.

Kern: FPÖ macht Politik für Großkonzerne

Kern attestiert Strache, für Menschen mit geringem Einkommen nicht da zu sein, weil er ständig gegen die Arbeiterkammer wettere. Gäbe es diese nicht mehr, träfe das die Schwachen. „Wenn Sie der Vertreter des kleinen Mannes sind, dann wird Simmering auch Champions-League-Sieger." Und Kern zeiht Strache, wie ÖVP-Chef Sebastian Kurz, für Großkonzerne Politik zu machen.

Video: Der "kleine Mann" und der EU-Arbeitsmarkt

ORF-Moderatorin Claudia Reiterer switcht zur Causa EU. Kern kritisiert einmal mehr den ungarischen Ministerpräsident Orbán. Strache plädiert dafür, mit den Visegrad-Staaten (Slowakei, Tschechien, Ungarn und Polen) zu kooperieren — und „vielleicht sogar Mitglied zu werden", um die Position gegen den Zentralismus innerhalb der Europäischen Union zu stärken. Was Strache an den Visegrad-Staaten so gefällt, ist die rigorose Politik gegen die Flüchtlinge.

Für Kern, der auf der Seite von Deutschlands Angela Merkel und Frankreichs Emmanuel Macron steht, ist Visegrad ein Synonym für Lohndumping, wofür die Arbeitnehmer die Rechnung bezahlen müssten.

Video: Thema "Spaltung Europas" und Flüchtlingskrise

Zum Schluss kommt die Zeit nach der Wahl aufs Tapet. Kern warnt einmal mehr vor Schwarz-Blau, Strache erneut vor Rot-Schwarz oder Schwarz-Rot. „Deshalb muss die FPÖ so stark werden, dass ohne sie keine Koalition gebildet werden kann."

Was ist mit der Vranitzky-Doktrin? Kern befindet, es sei durch diese Debatte neuerlich klargeworden, dass er mit den Blauen nicht koalieren wolle. „Aber vielleicht passiert noch eine Läuterung bei der FPÖ." Straches Replik: „Herr Kern, Sie sind nach dem 15. Oktober Geschichte. Sie wissen das vielleicht noch nicht." Kern wirft Strache Sündenbock-Politik vor. Da kommt das Stichwort der vergangenen Tage. „Dann machen Sie kein Dirty Campaigning, Herr Kern!"

Video: Debatte zur Causa Silberstein