Letztes Update am Sa, 27.01.2018 19:54

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Holocaust-Gedenktag

73 Jahre Befreiung von Auschwitz: Appelle gegen das Vergessen

Am Samstag jährte sich die Befreiung des nationalsozialistischen Vernichtungslagers Auschwitz durch die Rote Armee. Österreichische Politiker beschwörten, das Leid niemals zu vergessen. Bundeskanzler Sebastian Kurz sprach auch die Schuld Österreicher an.

Zäune rund um das ehemalige Vernichtungslager Auschwitz.

© REUTERSZäune rund um das ehemalige Vernichtungslager Auschwitz.



Wien — Mit Appellen gegen Antisemitismus, Rassismus und Hetze begingen Österreichs Politiker den Holocaust-Gedenktag. Bundeskanzler Sebastian Kurz (ÖVP) betonte, dass "Österreicher auch Täter und somit an den grausamen Verbrechen der Shoah beteiligt" waren - und nannte die Bekämpfung des Antisemitismus als Priorität der Regierung.

Kurz sprach in einer schriftlichen Stellungnahme von einer besonderen historischen Verantwortung, zu der sich die neue Bundesregierung bekenne, gerade auch im heurigen Gedenkjahr. Es sei ihm auch ein Anliegen gewesen, an der Holocaust Gedenkveranstaltung des Parlaments teilzunehmen. "Die Schilderungen der dort anwesenden Zeitzeugen, die selbst unfassbares Leid erleben mussten, waren äußerst berührend", erklärte der Kanzler, dessen Koalitionspartner FPÖ mit dem Skandal um ein Nazi-Liederbuch einer Burschenschaft zu kämpfen hat.

Kurz will "aus NS-Rassenwahn richtige Konsequenzen ziehen"

"Dieser Gedenktag erinnert uns daran, wie wichtig es ist, die Shoah niemals zu vergessen", so Kurz weiter: "Aus der Erinnerung an die unzähligen Opfer des nationalsozialistischen Rassenwahns müssen wir auch die richtigen Konsequenzen für Gegenwart und Zukunft ziehen und uns unserer Geschichte ehrlich und vorbehaltlos stellen." Diese Verantwortung treffe alle, insbesondere auch jüngere Generationen. "Für Antisemitismus, Rassismus und Hetze darf es keinen Platz in unserer Gesellschaft geben. Es ist daher sehr wichtig, solchen Tendenzen mehr denn je entschieden entgegenzutreten."

Die israelischen Zwillinge Lia Huber und Judith Barnea überlebten den Holocaust und die grausamen Experimente des NS-Arztes Josef Mengele. Hier stehen sie vor Fotografien, die die Befreiung von Auschwitz zeigen.
Die israelischen Zwillinge Lia Huber und Judith Barnea überlebten den Holocaust und die grausamen Experimente des NS-Arztes Josef Mengele. Hier stehen sie vor Fotografien, die die Befreiung von Auschwitz zeigen.
- AFP

Van der Bellen: Wachsam gegenüber Ausgrenzung

Auch Bundespräsident Alexander Van der Bellen meldete sich am Samstag zu Wort. Über Facebook verbreitete er eine Botschaft anlässlich des Gedenkens an die Opfer des Holocaust. Es sei nötig, an die Millionen Ermordeten und Verfolgten zu erinnern - und in Zukunft sei es "wichtig, dass wir alle hellhörig und wachsam sind". Das gelte besonders dann, "wenn einzelne Bevölkerungsgruppen die Schuld für Missstände, für Unglück oder wirtschaftliche Schwierigkeiten zugewiesen wird. Wenn Menschen an den Rand, zum Abgrund gedrängt werden", so der Bundespräsident. Derartiges dürfe nie mehr zugelassen werden.

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Bildungs- und Wissenschaftsminister Faßmann besuchte - am Freitag - gemeinsam mit dem Präsidenten der Israelischen Kultusgemeinde, Oskar Deutsch, den Wiener Stadttempel in der Seitenstettengasse. Die kritische Auseinandersetzung mit den Menschheitsverbrechen der Shoah, den Herrschaftsstrukturen der Nationalsozialisten sowie auch die Erinnerung an den Widerstand und an die Helfer verfolgter Menschen seien heute Teil der Identität Österreichs, merkte Faßmann an: "Gerade wenn es um das Lernen aus der Geschichte geht, ist eine Gesellschaft verpflichtet, bewusst hinzuschauen."

Kern erinnert an Vorfälle in der FPÖ

"Auch die jüngsten Vorfälle in der FPÖ, zeigen, dass der Internationale Holocaust-Gedenktag nichts von seiner Bedeutung verloren hat", hielt SPÖ-Chef Christian Kern in einer Aussendung (Freitagabend) fest. Das Bekenntnis zum "Niemals Wieder" gelte immerwährend. "Nur wer die Erinnerung und das Gedenken an die unzähligen Opfer des Nazi-Regimes aktiv hochhält, wird auch wachsam sein gegenüber allen rassistischen, fremdenfeindlichen und antisemitischen Tendenzen", sagt Kern, und stellte klar, dass es für Rassismus, Hetze und Hass keinen Millimeter Platz geben dürfe.

"Wir dürfen dieses schwarze Kapitel unserer Geschichte niemals vergessen und müssen alles dafür tun, dass nationalsozialistische Ideologien nie wieder Platz in der Gesellschaft finden." Das sei umso wichtiger in Zeiten, in denen rechte Propaganda allen überall auf den Straßen, im Internet und den sozialen Netzwerken begegnen kann, stellte Arbeiterkammer-Präsident Rudi Kaske fest - und forderte dazu auf, "entschieden und aktiv gegen Rechtsextremismus, Fremdenfeindlichkeit und Antisemitismus aufzutreten".

Der Jahrestags der Befreiung des Konzentrations- und Vernichtungslagers Auschwitz am 27. Jänner müsse Anlass und Verpflichtung sein, den Kampf gegen antisemitisches und rechtsextremes Gedankengut mit aller Entschlossenheit zu führen, appellierte Ingrid Korosec, Präsidentin des Österreichischen Seniorenrates und des Österreichischen Seniorenbundes: "In einer starken Demokratie wie der unsrigen haben rechte Hetze und Extremismus nichts verloren."

Merkel beklagt zunehmenden Antisemitismus

Auch die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) beklagte zunehmende Tendenzen von Antisemitismus und Fremdenfeindlichkeit. Es sei eine "Schande, dass keine jüdische Einrichtung ohne polizeiliche Bewachung existieren kann", sagte sie am Samstag in ihrem wöchentlichen Video-Podcast. Das gelte sowohl für Schulen und Kindergärten als auch für Synagogen im Land. Fremdenfeindlichkeit sei derzeit wieder "mehr an der Tagesordnung" als das einmal der Fall gewesen sei, sagte Merkel.

Für die kommende Regierung kündigte sie einen Antisemitismus-Beauftragten an, der sich "für jüdisches Leben in Deutschland und gegen Antisemitismus" einsetzen werde. Auch der Bundestag hatte vor über einer Woche einen Beschluss für die Einrichtung eines solchen Postens gefasst. In dem von Union, SPD, FDP und Grünen vorgelegten Antrag heißt es, der Beauftragte soll von einem unabhängigen Kreis beraten werden, der sich aus Experten aus Wissenschaft, Bildungspraxis und Zivilgesellschaft zusammensetzt. Der Beauftragte könnte etwa im Kanzleramt oder im Innenministerium angesiedelt werden.

Überlebende: Früher Juden Sündenböcke, heute Flüchtlinge

Die Holocaust-Überlebende Hanni Lévy beklagte auf dem Parteitag der deutschen Grünen in Hannover zunehmende Fremdenfeindlichkeit in Deutschland. "Früher hat man gesagt, die Juden sind an allem schuld, heute sind es die Flüchtlinge", sagte die 93-Jährige, die sich während des Holocausts in Berlin vor Nazi-Verfolgung versteckte.

"Man sollte nie vergessen, wie schwer es für Menschen ist, alles zurückzulassen, um zu leben." Lévy gehört zu den etwa 2000 Juden, die den Holocaust in Berlin überlebten. Von 1942 bis Kriegsende versteckte sie sich bei verschiedenen Helfern, die sie als "die richtigen Helden" würdigte. "Ich stehe hier als Beispiel, dass die Deutschen nicht alle Mörder waren", sagte Levy. (TT.com/APA)

Holocaust-Überlebende Vera Kriegel Grossman zeigt in einer Filmaufnahme der Befreiung von Auschwitz auf sich selbst.
Holocaust-Überlebende Vera Kriegel Grossman zeigt in einer Filmaufnahme der Befreiung von Auschwitz auf sich selbst.
- AFP

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