Letztes Update am Sa, 10.02.2018 10:14

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Exklusiv

Retro-Schule? Fassmann: „Kommt auf den Blick an“

Bildungsminister Heinz Fassmann nimmt im TT-Gespräch zu Schulautonomie, Gymnasium, Noten und Sonderschulen Stellung. Die Trennung der Leopold-Franzens- und Medizin-Uni in Innsbruck bezeichnet er als Fehler.

© Michael KristenHeinz Faßmann ist als Minister für Bildung und Wissenschaft für die Kindergärten über die Schulen bis hinauf zu den Unis verantwortlich.



Von Alois Vahrner

Innsbruck – In den letzten Jahren habe Österreich bei Schul-Vergleichstests und Uni-Rankings „wenig berauschend“ abgeschnitten, räumt der neue Bildungsminister Heinz Faßmann (der Parteifreie sitzt auf einem ÖVP-Ticket) bei seinem Tirol-Besuch ein. Eine hervorragende Bildung sei eine für die Zukunft des Landes und des Wohlstands ganz zentrale Frage. Die neue Regierung werde die Strukturen modernisieren und Schwachstellen angehen, so der Minister. Da gehe es um die geplanten Bildungsdirektionen ebenso wie um eine größere Autonomie der Schulen oder auch die gemeinsame Führung mehrerer Schulen über Cluster. Die Frage „Muss die Schulglocke alle 50 Minuten läuten?“ soll ebenso vor Ort entschieden werden wie über die Auswahl von Lehrern. Droht da nicht auch Freunderlwirtschaft bei der Bestellung der Lehrer oder ein Problem für Lehrer, die nicht genommen werden? Da seien entsprechende Regeln „in der Ausarbeitung“, so Faßmann.

Ein Aus fürs Gymnasium durch eine gemeinsame Schule der 10- bis 14-Jährigen (laut Kritikern die „Gesamtschule“) stehe unter ÖVP und FPÖ „nicht am Programm“, sagt Faßmann. Wie soll der massive Drang in die Gymnasien vor allem in den Städten reguliert werden? Hier will der Minister „etwas Druck von den Lehrerinnen und Lehrern in der Volksschule nehmen“, indem Testverfahren als Argumentationshilfe die Eignung unter die Lupe nehmen. Klassische Aufnahmetests, bei denen nur die jeweils Besten für die vorhandenen Plätze genommen werden, seien zurzeit nicht geplant.

„Ein Ende für die Gymnasien steht in unserer Koalitionsvereinbarung nicht am Programm.“ Heinz Faßmann (Bildungsminister)
- Michael Kristen

Benotungen spätestens in der 3. Klasse Volksschule machten Sinn, er könne sich aber zusätzlich auch eine umfassendere Leistungsbeschreibung vorstellen. Die siebenteilige Benotungsskala in den Neuen Mittelschulen sei indes nicht der Weisheit letzter Schluss, stellt der Minister klar.

An den Sonderschulen, die in der jüngeren Vergangenheit vor dem Aus standen, will die neue Regierung festhalten. Aber auch der Weg der Inklusion sei sinnvoll. Weniger Sinn mache, dass in den Sonderschulen ein weit überproportionaler Anteil von Kindern mit Migrationshintergrund sitze. Umso wichtiger sei es, auch mit den Deutsch-Förderklassen und künftig verstärkt auch in den Kindergärten die Sprachförderung auszubauen. Durchaus als Vorbild in diesem Zusammenhang sei Frankreich zu nennen.

Der Kurs in der Bildungspolitik war in der rot-schwarzen Koalition ein jahrelanger Streit-Dauerbrenner, die im Koalitionspakt von ÖVP und FPÖ fixierten Pläne brachten den beiden Regierungsparteien den Vorwurf ein, „retro“ zu sein und das Rad der Zeit zurückdrehen zu wollen. Faßmann weist diese Kritik zurück. „Ob etwas retro ist, hängt davon ab, wohin ich schaue.“ Österreich habe sehr hohe Ausgaben im Bildungsbereich mit teilweise nicht zufriedenstellenden Ergebnissen. Das gelte es zu reparieren.

Deutsche Sprache als Bedingung

Etwa 17 bis 20 Prozent aller Volksschulkinder hätten nach der 4. Klasse Volksschule gravierende Mängel in den Grundkompetenzen Lesen und Schreiben, in hohem Ausmaß Kinder mit Migrationshintergrund. Hier sei Gefahr im Verzug, der die neue Regierung mit dem raschen Start von Deutsch-Förderklassen begegnen wolle, sagte Faßmann bei seinem Tirol-Besuch gegenüber der TT.

Mit den geplanten „Crash-Kursen“ (15 Stunden im Semester in der Volksschule und 20 Stunden in der Unterstufe) soll der Lernrückstand bei der deutschen Sprache rasch aufgeholt werden. In den anderen Fächern könnten die Kinder dem normalen Unterricht beiwohnen. Dass wie heute „oft fast hinter jedem Kind ein weiterer Lehrer steht, ist nicht die effizienteste Form“. Wer die deutsche Sprache nicht beherrsche, der habe laut den PISA- und PIRL-Schultests im Schnitt ein bis sogar zwei Lernjahre Rückstand, so der Minister.

Studiengebühr weiter Thema, Tirols Uni-Trennung als Fehler

„Höhere Bildung ist gut für Österreich als Standort sowie ein Freiheitsgewinn für den Einzelnen“, ist Faßmann grundsätzlich positiv gegenüber einem freien Hochschul-Zugang eingestellt. Es gehe aber auch um die Betreuungs-Qualität, und da könne man „etwas von den Fachhochschulen lernen“. Auch den Unis ermögliche die neue Regierung daher eine Regulierung des Zugangs in überlaufenen Fächern, etwa Jus, Sprachen, Pädagogik. Dazu können die Unis auch selbstständig Begrenzungen vornehmen, um die Studienbedingungen zu verbessern. Zudem stünden den Unis (vor der Wahl gegen die ÖVP beschlossen) auf drei Jahre kumuliert 1,35 Mrd. Euro zusätzlich zur Verfügung.

Studiengebühren kommen für 23.000 erwerbstätige Langzeit-Studierende, aber auch die Wiedereinführung allgemeiner Uni-Gebühren bleibe ein Diskussionsthema zwischen ÖVP und FPÖ (diese will einen freien Zugang, aber nur für Inländer bzw. die Gebühr dann wie bei der umstrittenen deutschen Pkw-Maut über Steuern rückvergütet).

Wichtig sei, dass die EU die Verlängerung der Ausländer-Höchstquote beim Medizinstudium erlaubt habe. Österreich habe im Grunde genug Ärzte, auch die Zahl der Ausgebildeten passe. Das Landarzt-Problem müsse mit besseren Regelungen gelöst werden. Zu einer geplanten Medical School in Tirol ist der Minister skeptisch.

Die einstige Trennung von Leopold-Franzens- und Medizin-Uni in Innsbruck sieht Faßmann als „historisch nicht gerade glücklichsten Vorgang“. Das Rad der Geschichte könne aber nicht so einfach zurückgedreht werden. Wenn es zu einer Fusion kommen sollte, müssten das beide Seiten wollen. Wichtig sei, die „wissenschaftlichen Brücken“ zwischen den beiden Unis noch auszubauen. (va)