Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mo, 11.06.2018


Exklusiv

Deutschförderklassen: Nichts Genaues weiß man nicht

Im Herbst sollen Deutschförderklassen vor allem an Pflichtschulen installiert werden. Wie viele Kinder betroffen sind und wie viele Lehrer es braucht, weiß derzeit niemand.

© APA/GEORG HOCHMUTHIn Wien hagelt es Proteste gegen die separierten Deutschförderklassen. Direktoren drohten mit einem Boykott. In Tirol ist es noch ruhig.



Von Anita Heubacher

Innsbruck – Während im rot-grünen Wien DirektorInnen, LehrerInnen, Elternvertreter und Gewerkschafter am Samstag gegen die Einführung der Deutschförderklassen auf die Straße gingen und mit einem Boykott drohten, ist es im schwarz-grünen Tirol noch ruhig. Wohl auch deshalb, weil keine der zuständigen Stellen eine Vorstellung hat, wie die Pläne von ÖVP-Bildungsminister Heinz Faßmann umgesetzt werden sollen. Wie viele Kinder in den Deutschförderklassen in Tirol sitzen werden, an welchen Schulen sie installiert werden und wie viele Lehrer es brauchen wird, kann weder Landesschulratspräsidentin und ÖVP-Landesrätin Beate Palfrader noch die Lehrergewerkschaft, noch die Elternvertretung beantworten. Viele Fragezeichen, wenige Wochen vor Schulschluss.

Ab September sollen Kinder, die nicht genügend Deutsch sprechen, um dem Unterricht folgen zu können, separat und maximal vier Semester lang in Deutschförderklassen unterrichtet werden. Dort wird dann in 15 bis 20 Wochenstunden nach eigenem Lehrplan Deutsch unterrichtet, für Zeichnen, Musik oder Turnen werden die Kinder laut Bildungsministerium normalen Regelklassen zugeteilt. Ab acht Schülern pro Standort müssen demnach die Klassen eingerichtet werden. Besuchen müssen sie jene Kinder, die in der ersten Schulstufe aufgenommen wurden, oder gerade in Österreich angekommene Quereinsteiger ins Schulsystem. Das Sprachniveau und etwaige Fortschritte werden durch Sprachtests festgestellt.

Im Büro von Bildungslandesrätin Palfrader, die gerade als amtsführende Präsidentin des Landesschulrates wiederbestellt wurde, will man auf weitere Direktiven aus dem Bildungsministerium warten. Ausreichende Deutschkenntnisse, um dem Unterricht folgen zu können, seien Grundvoraussetzung für einen Schulerfolg und in der Folge für ein erfolgreiches weiteres Leben, sagt Palfrader. „Deshalb sind alle Maßnahmen, die Deutschkenntnisse verbessern, wie die geplanten Deutschförderklassen, zu begrüßen.“

Was es in Tirol bereits gibt, sind Sprachstartklassen. An zehn Standorten wurden so letztes Schuljahr 120 Schüler beschult. Das Land hat dafür zusätzliche Planstellen zur Verfügung gestellt. Allerdings sind die Sprachstartklassen integrativ und konzentrieren sich nicht nur auf den Sprach­erwerb, sondern auch auf Integrationsmaßnahmen. Die Kinder verlassen die Regelklasse nicht, ein zweiter Lehrer wird beigestellt. So gesehen seien die Sprachstartklassen nicht mit den geplanten Deutschförderklassen zu vergleichen, heißt es aus dem Büro Palfraders.

Fragen über Fragen hat auch die Gewerkschaft Öffentlicher Dienst, GÖD, in Tirol. „Wir wissen gar nichts“, ärgert sich Vorsitzender Gerhard Seier. Von Dilettantismus seitens des Ministeriums ist auf den Gängen in der Gewerkschaft die Rede.

Der neue Vorstand im Landeselternverband, Christoph Drexler, meint, es habe wohl auch deshalb noch keinen Aufschrei der Eltern gegeben, weil noch nichts Konkretes vorliege. „Die Direktoren werden offenbar mit der Herausforderung alleingelassen“, befürchtet Drexler. Dabei gebe es an den Schulen zahlreiche räumliche und personelle Fragen zu klären.


Mehr Artikel aus dieser Kategorie

„Pressestunde“
„Pressestunde“

Köstinger: Aus für Vignettenpflicht bei E-Autos ist Überlegung wert

Umweltministerin Elisabeth Köstinger (ÖVP) sieht ihre Hauptaufgabe im Klimaschutz. Im Bereich Verkehr müssen die meisten Emissionen eingespart werden, so Kös ...

Innenpolitik-Blog
Innenpolitik-Blog

Ärztekammer zu Krankenkassen: Regierung soll Fusion bezahlen

Seit Dezember 2017 ist in Österreich eine schwarz-blaue Bundesregierung unter der Führung von Kanzler Sebastian Kurz (ÖVP) und Vizekanzler Heinz-Christian St ...

Exklusiv
Exklusiv

Bildungsminister Faßmann: „Falsche Dämonisierung der Noten“

Bildungsminister Heinz Faßmann verteidigt die geplanten Schul- reformen. In Sachen Studien- gebühren bleibt er vorsichtig.

Innenpolitik
Innenpolitik

Streit um Boulevardblätter in Wien: Ludwigs Flucht nach vorn

Wiens SPÖ-Bürgermeister hat den Medien neue „Spielregeln“ angekündigt. Im Hintergrund tobt ein Streit der Boulevardblätter.

Jahrestag der Nationalratswahl
Jahrestag der Nationalratswahl

Kurz kündigt bis Jahresende Lösung zur Pflege an

Gut ein Jahr nach der Nationalratswahl, bei der die ÖVP das Kanzleramt zurückerobert hat, hielt Regierungschef Sebastian Kurz am Samstag eine Rede mit Bilanz ...

Weitere Artikel aus der Kategorie »