Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom So, 14.10.2018


Exklusiv

Bildungsminister Faßmann: „Falsche Dämonisierung der Noten“

Bildungsminister Heinz Faßmann verteidigt die geplanten Schul- reformen. In Sachen Studien- gebühren bleibt er vorsichtig.

© TT / Rudy De MoorFür Bildungsminister Heinz Faßmann wird Österreichs Schulsystem verbessert.



Von Alois Vahrner

Innsbruck – Das von der türkis-blauen Bundesregierung vorgelegte Pädagogikpaket hatte für Lob und Kritik gleichermaßen gesorgt. Opposition und manche Bildungsexperten sehen ein „Retro-Paket“. Ob es „retro“ ist, komme auf den Blickwinkel an, sagte Faßmann bei seinem Tirol-Besuch im Gespräch mit der TT.

Heiß diskutiert wurde etwa, dass es künftig ab dem Ende der zweiten Volksschulklasse wieder Noten im Zeugnis geben wird. „Für mich ist die von manchen betriebene Dämonisierung von Noten nicht nachvollziehbar“, so Faßmann. Schulnoten seien für Schüler und Eltern, die bisher durch die teils blumigen bzw. schablonenhaften Ausführungen nicht immer gewusst hätten, was Sache ist, ein sehr guter Gradmesser. „Eine Zahl sagt sicher nicht alles, gerade auch was die Entwicklung des Kindes betrifft. Deshalb kann und wird es bis zum Ende der vierten Klasse zusätzlich auch eine verbale Beurteilung geben.

Bis zu 20 Prozent der Volksschulkinder hätten nach der vierten Klasse gravierende Mängel in den Grundkompetenzen Lesen und Schreiben, in hohem Ausmaß Kinder mit Migrationshintergrund. Die Kenntnis der deutschen Sprache sei Grundbedingung, um Chancen für die Kinder, die sonst dem Unterricht in keinem Fach folgen könnten, zu sichern. Daher seien die Deutschförderklassen so wichtig und die Kritik daran unverständlich. Derzeit gebe es bundesweit 732 solche Klassen. Ziel müsse sein, auch durch stärkere Frühförderung den Bedarf pro Jahrgang von derzeit etwa 17.000 deutlich zu reduzieren.

Die „Neue Mittelschule“ (NMS), die ja auch nicht mehr ganz so neu ist, werde zur „Mittelschule“ mit künftig auch hier fünf statt sieben Noten sowie unterschiedlichen Leistungsgruppen in den Hauptfächern, Mathematik, Deutsch und Englisch. Früher seien Kinder in der jeweils gleichen Leistungsgruppe gesessen, künftig könne das je nach Fach verschieden sein, betont der Minister. Bundesweit gehe ein Drittel der 10- bis 14-Jährigen ins Gymnasium und zwei Drittel in die NMS, in Städten wie Wien seien es teils aber deutlich mehr als die Hälfte. Wie will man darauf reagieren, dass hier teils massiver Druck von Eltern auf Volksschullehrerinnen und -lehrer ausgeübt wird, Kindern mit besseren Noten den Gymnasium-Zugang zu „schenken“?

Faßmann will keine Aufnahmetests, sondern „Talente-Checks“ in der dritten Volksschulklasse plus verpflichtende Aufklärungsgespräche mit den Eltern. „Ich hoffe schon, dass die Lehrer dann die leistungsadäquaten Noten geben.“ Mehr Fairness soll auch an anderer Stelle geschaffen werden – bei der Zentralmatura, vor allem in Mathematik. Hier ist der frühere Wiener Stadtschulratspräsident Kurt Scholz (SPÖ) auf Bitte von Faßmann auf Zuhör-Tour durch die Bundesländer. Es solle auch weiterhin „keine Matura zum Diskontpreis geben“, aber die teils durch zu komplizierte und unverständliche Formulierungen schwankenden Anforderungen sollen auf ein einheitliches Niveau gebracht werden, hofft der Minister. Offen ist die Zukunft der Sonderschulen (konkret: Schulen mit sonderpädagogischem Förderbedarf). Rot-Schwarz wollte diese (Stichwort Inklusion) noch abschaffen, jetzt steht im Regierungsprogramm die Beibehaltung. Wie und in welcher Form das passieren wird, soll ein ins Leben gerufenes Consulting Board vorschlagen. Für Faßmann ist Österreichs Bildungssystem international weit vorne, anders als dies etwa die PISA-Tests seit Jahren ausweisen. „Bei PISA ist etwa Singapur ganz vorn an den Spitze, aber so gut ist unser Schulsystem schon lange.“

Einen besonderen Schwerpunkt, auch für sein Ressort, bringe die EU-Ratspräsidentschaft Österreichs, sagt Faßmann. Er hofft, dass es gelingt, noch heuer das neue Erasmus-Mobilitätsprogramm unter Dach und Fach zu bringen. Seit Beginn von Erasmus+ habe etwa Tirol 16 Mio. Euro an Fördermitteln für Hochschulbildung, Schul- und Erwachsenenbildung abgeholt. Fast 7800 Tirolerinnen und Tiroler nahmen am internationalen Länderaustausch teil. 185 Projekte mit internationalen Partnereinrichtungen wurden umgesetzt. Zweites Schwerpunktthema seines EU-Vorsitzes ist das Forschungsprogramm Horizon Europe, welches mit rund 100 Mrd. Euro budgetiert ist (Kommissionsvorschlag) und damit das weltgrößte Programm darstellt. Auch das soll auf den Weg gebracht werden, so Faßmann.

Forschung und Bildung seien die Zukunftsgaranten für Österreich. Mit Österreichs Unis verhandelt der Minister über die künftigen Leistungsvereinbarungen. In Summe sollen 1,3 Mrd. Euro für die kommenden drei Jahre mehr zur Verfügung stehen. Ob es – gerade auch mit Blick auf den enormen Zustrom ausländischer Studenten – auch zu Studiengebühren kommt, lässt der Minister offen. „Studenten bringen im Schnitt auch 10.000 Euro Kaufkraft im Jahr.“ Man ermögliche aber den Unis, in überlaufenen Fächern den Zustrom durch ein so genanntes Zugangs-Management (also verschärfte Prüfungen usw.) einzudämmen.


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