Letztes Update am Do, 01.11.2018 13:25

APA / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Pädagogik-Paket

Schule: Skepsis gegenüber Ziffernnoten und Leistungsgruppen

Die geplanten Ziffernnoten ab der zweiten Klasse Volksschule stoßen ebenso auf massive Kritik, wie die Leistungsgruppen, die in der NMS eingeführt werden sollen. Die Regierung würde mit dem geplanten Gesetzesentwurf zentrale Ergebnisse der Bildungsforschung ignorieren, heißt es.

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© Thomas Boehm / TT(Symbolfoto)



Wien – Landesschulräte, Lehrervertreter sowie einzelne Lehrer und Schulleiter haben skeptisch auf das Pädagogik-Paket der Regierung reagiert. Die meiste Kritik gibt es daran, dass künftig mit Ende der zweiten Klasse Volksschule verpflichtend Ziffernnoten im Zeugnis stehen und an den Neuen Mittelschulen fixe Leistungsgruppen möglich sein sollen. Die Frist für Stellungnahmen endet morgen, Freitag.

Besonders viel Widerstand regt sich gegen die Vorgabe, dass ab dem Jahreszeugnis der zweiten Klasse Volksschule Ziffernnoten zu vergeben sind. Lehrer, Schulleiter und Lehrervertreter sehen damit in ihren Stellungnahmen jahrelanges Engagement für alternative Beurteilungsformen zunichte gemacht. Der burgenländischen Landesschulrat warnt in diesem Zusammenhang vor Demotivation der Pädagogen. Der Vorarlberger Landesschulrat und die Unabhängigen Lehrergewerkschafter (ÖLI-UG) fordern, dass Schulen auf Wunsch zumindest bis zum Semesterzeugnis der 3. Klasse Volksschule auf Ziffernnoten verzichten dürfen.

Ergebnisse der Bildungsforschung ignoriert

Für die ÖLI-UG werden mit der Reform „zentrale Ergebnisse der Bildungsforschung ignoriert“. Auch die Pädagogische Hochschule (PH) Oberösterreich verweist auf Befunde, wonach Ziffernnoten nicht die von der Regierung erhoffte „Notenwahrheit“ liefern. Der Rechnungshof wiederum warnt vor Verunsicherung der Eltern, da ja erst im Schuljahr 2016/17 die Möglichkeit geschaffen wurde, auf Wunsch von Eltern und Lehrern in den ersten drei Klassen auf Ziffernnoten zu verzichten.

Kritik gibt es auch daran, dass Eltern jedenfalls zusätzlich zur verbalen Beurteilung Ziffernnoten einfordern können. Burgenländischer Landesschulrat und ÖLI-UG sehen einen Widerspruch zur Schulautonomie. Die Pflichtschullehrergewerkschaft befürchtet zusätzlich „massiven administrativen Mehraufwand“, aus Sicht der Sozialdemokratischen LehrerInnen Österreich (SLÖ) würden Pädagogen dadurch zu einer „doppelten Buchführung“ gezwungen.

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Leistungsgruppen benachteiligen sozial Schwächere

Skeptisch wird auch die Möglichkeit fixer Leistungsgruppen an den Neuen Mittelschulen (NMS; künftig laut Plan: „Mittelschulen“) ab der 6. Schulstufe gesehen: Die PH Oberösterreich betont, dass dies für schwächere Schüler eher Nachteile bringen, während der Nutzen für leistungsstärkere Schüler umstritten sei. Auch der Tiroler Landesschulrat erwartet mit Verweis auf Bildungsstudien, dass „sozial schwächer gestellte Kinder und Jugendliche“ benachteiligt werden – vor allem, weil diese Trennung schon in der 6. Schulstufe möglich sein soll. Auf Unverständnis stößt zudem, dass der Schulleiter alleine über Leistungsgruppen entscheiden soll. Tiroler Landesschulrat, Pflichtschullehrervertreter und ÖLI-UG fordern eine Einbindung der Pädagogen.

Zwar wird in keiner Stellungnahme eine Beibehaltung der aktuell an NMS genutzten siebenteiligen Notenskala gefordert, es werden allerdings Nachschärfungen bei der geplanten neuen Version (von „Sehr gut“ bis „Nicht genügend“ auf den Niveaus „Standard“ bzw. „AHS Standard“) gefordert. Für die gewünschte „Notenwahrheit“ brauche es eine genauere Definition der einzelnen Beurteilungsstufen, moniert der burgenländischem Landesschulrat. Die Pflichtschullehrer kritisieren außerdem, dass auf das neue Beurteilungssystem umgestellt wird, bevor die als Basis dienenden neuen Lehrpläne vorliegen.

Tirol fordert Ressourcen für differenzierten Unterricht

Die Wirtschaftskammer stößt sich unterdessen wie auch mehrere Lehrer an der Bezeichnung „Standard AHS“ für das höhere Leistungsniveau. Hier wird laut WKÖ „eindeutig eine Wertung zu Gunsten der Bildungslaufbahn AHS“ vorgenommen, Lehrer und Schulleiter sehen den Begriff als Abwertung jener, die auf dem „Standard“-Niveau benotet werden. Und der Rechnungshof fürchtet, dass es wegen der Unterscheidung in zwei Notenskalen weiterhin „Unklarheiten“ geben wird.

Vom burgenländischen und Tiroler Landesschulrat kommt außerdem die Forderung nach Ressourcen für differenzierten Unterricht. Derzeit finanziert der Bund pro Klasse sechs zusätzliche Stunden, die ursprünglich nur für „Teamteaching“ in Deutsch, Mathematik oder Englisch reserviert waren, seit 2015 aber auch in anderen Fächern und für andere Fördermaßnahmen (Begabtenförderung, Förder- oder Leistungskurse etc.) eingesetzt werden können. Künftig sollen auch fixe Leistungsgruppen darunter fallen. Der Rechnungshof fordert wiederum eine Evaluierung, ob das Geld bei Leistungsgruppen tatsächlich effektiver und effizienter eingesetzt wird. Immerhin habe die Evaluation der NMS ergeben, dass die beträchtlichen zusätzlichen Ressourcen nicht die erwartbare Verbesserung der Leistungen gebracht hat.

Mehr Geld will der Tiroler Landesschulrat außerdem für den verpflichtenden Förderunterricht an allen Pflichtschultypen. Die Pflichtschullehrer-Vertreter sehen unterdessen auch in den Beratungsgesprächen über die weitere Bildungswegentscheidung in der 4. bzw. 7. oder 8. Schulstufe eine weitere Belastung. Eine Dienstzulage „wird daher gefordert!“, heißt es in der Stellungnahme.

Kritik am Zeitplan

Von den Pflichtschullehrern kommt außerdem massive Kritik am Zeitplan der Regierung: Dass Teile des Pädagogik-Pakets schon im nächsten Schuljahr umgesetzt werden sollen, scheint ihnen „nur schwer durchführbar“, sie fordern deshalb einen Start erst ab 2020/21. Widerstand kommt auch gegen die geplante Umbenennung der NMS in „Mittelschule“, sowohl Pflichtschullehrergewerkschaft als auch Unabhängigen Lehrergewerkschafter (ÖLI-UG) warnen in diesem Zusammenhang vor Geldverschwendung.

Explizites Lob kommt in den Stellungnahmen für die verpflichtenden Kinder-Eltern-Lehrer-Gespräche und die Möglichkeit eines freiwilligen zehnten Schuljahrs an Polytechischen Schulen und die Vorgabe, dass Schüler an den Mittelschulen je nach Leistung flexibel zwischen den Leistungsgruppen „Standard“ und „Standard AHS“ wechseln können. (APA)


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