Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mo, 18.02.2019


Interview

Missbrauch und Kirche: „Zehn Jahre voraus, dank Groër“

In Rom beraten ab Donnerstag die Vorsitzenden der Bischofskonferenzen über Missbrauch und dessen Vorbeugung. Der Pastoraltheologe Paul M. Zulehner hofft auf einen Startschuss für echte Reformen.

„Bei den Vertretern aus aller Welt Betroffenheit schaffen“: Das Treffen in Rom soll bei den Bischöfen Bewusstsein schaffen.

© AFP„Bei den Vertretern aus aller Welt Betroffenheit schaffen“: Das Treffen in Rom soll bei den Bischöfen Bewusstsein schaffen.



Wien, Rom — Papst Franziskus will vor allem Bewusstsein schaffen, wenn er ab Donnerstag Vertreter der Bischofskonferenzen und der Orden nach Rom einlädt, um über den Umgang mit Missbrauch an Kindern zu beraten. Einige Bischöfe hätten das Problem noch „nicht gut verstanden", sagte er jüngst. Sie müssten sich aber alle des „Dramas" des sexuellen Missbrauchs bewusst werden.

Auf Bewusstseinsbildung hofft auch der Wiener Pastoraltheologe Paul M. Zulehner. Die österreichische Kirche sieht er in einer Vorreiterroll­e, auch wegen der Folgen des Missbrauchsskandals um den früheren Wiener Erzbischof Hans Hermann Groër.

Warum sind Kirchenmänner so besonders anfällig für Missbrauch an Kindern?

Paul M. Zulehner: Sexueller Missbrauch ist in erster Linie nicht ein kirchliches, sondern ein kulturelles Problem. Bei vielen Männern bleibt die psychosexuelle Reifung auf der Strecke. Die Betroffenen suchen nicht ein Verhältnis zu einem gleichrangigen Partner, sondern bedienen sich des Gefälles der Macht. Die Kirche teilt dieses Problem der Kultur und verschärft es. Erstens haben Kinder ein riesiges Vertrauen in Priester. Dieses wird missbraucht, um die Kinder für die eigenen Lust- und Machtbedürfniss­e zu benutzen. Die zweite Verschärfung rührt aus dem Priesterbild mit seiner fast archaischen Verehrung, das heidnisch ist und mit dem Evangelium nichts zu tun hat. Diese unreifen Personen sperren wir in ein Priesterseminar, nehmen ihnen damit die Chance, sich in einer Partnerschaft weiterzuentwickeln, und lassen sie dann so auf die Leute los. Dieses toxische Arrangement ist die Voraussetzung für den späteren Missbrauch.

Was kann vor diesem Hintergrund das bevorstehende Treffen bringen? Da müsste ich die Kirche ja komplett umkrempeln.

Zulehner: Kardinal Christoph Schönborn zufolge wird es nicht an die Grundsatzfragen gehen. Es muss aber gelingen, bei den Vertretern aus aller Welt so viel Betroffenheit zu schaffen, dass man auf einem gemeinsamen Bewusstseinsstand ist. Schönborn erzählt von einem Kardinal aus dem Süden, der sagt, ihr im Norden habt ein Problem, aber wir in unserer Kultur sehen das anders. So kommt die Kirche nicht weiter! Zweitens erhoffe ich mir, dass die Bischöfe viel­e Experten beiziehen, Männer, Frauen, Homosexuelle, Hetero­sexuelle. Die sollen ihnen sagen, wie sich die Kirche aufstellen müsst­e, damit es deutlich weniger Missbrauch gibt — ich sage nicht keinen Missbrauch, weil wo immer Menschen unreif sind, wird es diese Versuchung geben. Es muss um die Rolle von Sexualität und Fraue­n in der Kirche gehen, man wird den Priester aus seiner verheerenden Idealisierung in ein dienendes Amt herunterholen müssen. Und man muss sich bei der Ausbildung etwas überlegen. Wenn ich die Priester ehelos will, muss ich ihnen trotzdem eine sexuelle Reifung ermöglichen. Wir haben uns am Priesterseminar in Wien in den 1960er-Jahren vor der Weihe ein psychosexuelles Screening organisiert. Das hat man leider wieder abgeschafft. Schließlich die pastorale Praxis: Wer mit Kindern arbeitet, darf das nicht mehr allein machen. Es muss auch Supervision geben.

Was kann da in Rom geschehen? Ein Startschuss?

Zulehner: So ist es. Man muss die Probleme definieren, man muss Kommissionen einsetzen — auch mit einem Zeitplan. Der Papst ist ein Genie im Organisieren von Prozessen. Er greift nicht autoritär ein, sondern sagt vor der Weih­e, mein Job ist, dem Wirken des Heiligen Geistes so viel Raum zu schaffen, dass möglichst viele von einer Veränderung erfasst werden.

Auf wie viele Generationen und Päpste müsste man dieses Vorhaben anlegen?

Zulehner: Es müsste noch in diesem Pontifikat gelingen, dass die Zahlen radikal zurückgehen. Es darf keine Vertuschungen mehr geben. Der Prozess kann aber nicht von heute auf morgen erledigt werden. Wobei man sagen muss, dass die Missbrauchsfälle in unseren Breiten seit 1990 sehr rückläufig sind. Wir haben sie aber nach wie vor. Wir produzieren im System immer noch Leute, die wir nicht auf den Stand sexueller Reife bringen, dass sie keine Gefahr mehr für Kinder sind.

Sie sprechen regionale Unterschiede an. Muss die Kirche auf die Nachzügler warten? Oder sollten Teile der Kirche vorangehen?

Zulehner: Dank Groër sind wir in Österreich in der Missbrauchsfrage der Weltkirche zehn Jahre voraus. Die, die weiter voraus sind, werden den anderen sagen, Leute, da gibt es nur einen Weg, da gibt es Transparenz, da gibt es Prävention, da gibt es die Aufarbeitung der Ursachen. Da gibt es die Kooperation mit der staatlichen Strafgerichtsbarkeit. Der Sinn des Zusammenkommens ist, alle auf den neuesten Stand zu bringen. Ich hoffe sehr, dass es danach keine wirklichen Nachzügler mehr gibt.

Ein frommer Wunsch?

Zulehner: Nein, eine reale Hoffnung. Ich glaube, dass Kardinal Schönborn in der Lage ist, so konkrete Geschichten zu erzählen, dass jeder Bischof, wenn er nicht ein wirklich verstocktes Herz hat, nachzudenken beginnt.

Der Zölibat, also die Ehelosigkeit der Priester, gilt als eine der Ursachen für Missbrauch. Gäbe es keinen Zölibat, wäre die kirchliche Welt dann eine bessere?

Zulehner: Der Zölibat hat zwei Dimensionen. Das eine ist, was macht er mit der einzelnen Person. Das andere ist die pastorale Seite. Wir opfern zurzeit die Eucharistiefähigkeit gläubiger Gemeinden der Ehelosigkeit der Priester. Die Kirche macht sich hier schwer schuldig. Denn die Eucharistie ist das Herz der Kirche. Dieses Herz zu verweigern, führt zu einem pastoralen Herzinfarkt der Gemeinden. Ich glaube, wir werden in Zukunft die traditionellen, akademisch ausgebildeten, ehelos lebenden Priester haben. Und es wird Priester anderer Art geben, die von den Gemeinden gewählt, nebenberuflich ausgebildet und dann vom Bischof ordiniert werden. Von diesen lokalen Gemeindepriestern werden die meisten verheiratet sein. Wir würden uns damit dem annähern, wie es in der griechisch-katholischen oder der orthodoxen Kirche üblich ist. Wir hätten also einen christlichen Normalfall.

Sie erwarten also ein Öffnung des Zölibats, aber nicht wegen des Missbrauchs, sondern wegen des Priestermangels. Diese Argumentation leuchtet ein. Warum aber ist die Kirche noch nicht so weit?

Zulehner: Ein Beispiel: Ein Doktorand aus Afrika hat mich gefragt, wie sein Bischof zu Geld kommen könnte, weil er zwei neue Priesterseminare bauen muss. Er hat so viele Kandidaten, ob aus Frömmigkeit oder auch aus dem Bedürfnis nach sozialem Aufstieg. In armen Regionen ist das noch der Fall. Es gibt aber auch Gebiete wie die Amazonas-Region, wo Bischof Erwin Kräutler tätig ist. Dort gibt es zu wenig Priester. Im Herbst treffen einander diese Bischöfe zur Amazonas-Synode. Ich vermute, dass sie dem Papst vorschlagen werden, verheiratete, berufstätige, erfahrene Gemeindeleiter zu weihen. Dann wird der Papst sagen, macht das. Wenn dieses Modell aber woanders umsetzbar ist, warum sollte das bei uns nicht so sein? Das wäre eine super Lösung. Ich glaube, es naht das Ende des Priestermangels.

Wann ist es so weit?

Zulehner: Vielleicht in drei Jahren? Es wird tatsächlich möglich sein, dass die Lösung des Priestermangels in unseren Regionen aus dem Amazonas-Regenwald kommt.

Der Papst kann das schaffen, trotz des Gegenwinds auch im Vatikan?

Zulehner: Franziskus sagt, dass nicht alle Reformen von Rom in die Peripherie der Weltkirche gehen müssen, sondern auch umgekehrt. Er vertraut dem Heiligen Geist, der nicht nur im Vatikan wirkt. Dort auch — aber immer?

Das Gespräch führte Wolfgang Sablatnig


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