Letztes Update am Fr, 22.02.2019 09:59

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Exklusiv

Sarah Wiener: Grüne Kandidatur „aufgelegt“

Sarah Wiener will keine „stramme Parteisoldatin“ sein. Die prominente Köchin fordert eine Landwirtschafts- und Ernährungswende und eine Abkehr von der Lustfeindlichkeit.

Die prominente (Fernseh-)Köchin und Buchautorin Sarah Wiener will für die Grünen in das Europaparlament. Sie kandidiert beim Bundeskongress für den zweiten Listenplatz.

© Karo PerneggerDie prominente (Fernseh-)Köchin und Buchautorin Sarah Wiener will für die Grünen in das Europaparlament. Sie kandidiert beim Bundeskongress für den zweiten Listenplatz.



Sie leben die meiste Zeit in Deutschland. Haben Sie einen deutschen Pass?

Sarah Wiener: Bei meinem Namen ist doch klar: Ich bin Österreicherin – und werde immer eine bleiben.

Hätten Sie sich vorstellen können, auch für eine andere Partei zu kandidieren?

Wiener: Naja, wenn eine andere Partei auch diese vielfältigen grünen Werten, die auch den meinen entsprechen, vertreten würde, dann hätte ich vielleicht auch ja gesagt, falls wer mit mir gesprochen hätte. Meine Entscheidung war sehr stark geprägt von den Herausforderungen, vor denen Europa und somit wir alle stehen. Wir müssen jetzt eine Landwirtschafts- und Ernährungswende schaffen.

Vor dem EU-Beitritt prägte der spätere EU-Kommissar Franz Fischler für Österreich den Begriff „Feinkostladen Europas“. Wurde dieses Versprechen erfüllt?

Wiener: Die österreichische Kulinarik gehört zu den weltbesten. Das liegt vor allem an der kleinbäuerlichen Struktur, an der Topografie und an der Geschichte Österreichs. Wenn man von Feinkost spricht, sollte man aber nicht bei der Theke im Laden anfangen. Für mich beginnt Feinkost bei der artgerechten Tierhaltung, beim Samen, bei den gesunden Böden. Aber Österreich ist nicht alleine, ist keine Insel der Seligen. Wir brauchen daher europäische Gesetze.

Ist Feinkost, gesunde Ernährung ein Privileg für Besserverdiener?

Wiener: Der Begriff „gesunde Ernährung“ ist mit vielen Vorurteilen behaftet. Von Lustfeindlichkeit ist da die Rede. Gesunde Ernährung ist immer köstlich, vielfältig, tut meinem Körper gut – und der Umwelt. Wem gönnen wir also eine gesunde Ernährung? Ziel muss es sein, gute Ernährung bezahlbar für alle anzubieten. Genau hier setzt aber eine Nahrungsmittelindustrie ein, die das verhindern will. Sie erzeugt minderwertige Kopien des köstlichen Originals, dafür wird die Natur vernichtet. Zudem zahlen diese Konzerne kaum Steuern und erklären uns stattdessen, dass sie die Welt retten wollen. Das ist eine Lüge! In Wahrheit schafft diese Industrie die Vielfalt in den Regalen ab, zerstört Arbeitsplätze – und wird zum großen Feind für unsere Bauern.

Sie haben kürzlich erleben müssen, wie emotional aufgeladen das Thema Ernährung ist. Weil Sie Kritik an veganer Ernährung geäußert haben, erlebten Sie einen Shitstorm.

Wiener: Ich bin eine Gegnerin von jedem stark verarbeiteten Nahrungsmittel. Schwerst verarbeitete Nahrungsmittel machen uns krank, befördern Monokulturen und den Einsatz von Pestiziden. Wie jemand sich ernährt, ist Privatsache. Dass wir ein Riesenproblem mit der Massentierhaltung haben, ist evident. Ich selbst war jahrelang Vegetarierin, esse jetzt wieder Fleisch, aber sehr wenig.

Grüne reagierten in der Vergangenheit immer sehr allergisch auf so genannte Promis. Rechnen Sie hier mit Gegenwind?

Wiener: Man bekommt mitunter mehr Aufmerksamkeit, wenn man bekannt ist. Mein Engagement ist aber kein Produkt meiner Bekanntheit, sondern ist der Tatsche geschuldet, dass sich meine Werte mit jenen der Grünen treffen. Meine Kandidatur ist also geradezu aufgelegt.

Was halten Sie von Sebastian Kurz?

Wiener: (überlegt sehr lange) Ich halte den Großteil der Österreicher für so gebildet, sich hierzu eine eigene Meinung zu bilden.

Sie haben den Politiksprech auch schon gelernt?

Wiener: Ist das jetzt ein Kompliment? Mir wurde jedenfalls nicht gesagt, was ich sagen darf – und was nicht.

Sie müssen beim Bundeskongress der Grünen noch gewählt werden, es könnte sich auch noch eine andere Kandidatin für den Listenplatz 2 bewerben.

Wiener: Ich bin eine Anhängerin der Basisdemokratie. Meine Kandidatur ist also ein Angebot. Ich teile den Grundkonsens der Grünen, bin aber keine stramme Parteisoldatin. Ich habe auch nicht auf alles eine Antwort, wehre mich gegen schnelle Twitter-Antworten. Ich bin ein älteres Mädchen aus der analogen Zeit. Ich suche lieber das persönliche Gespräch.

Sie haben einen prominenten Vater. Er schrieb das Werk „die verbesserung von mitteleuropa, roman“. Haben Sie im Vorfeld ihrer Zusage bei den Grünen mit Ihrem Vater gesprochen?

Wiener: Nein, ich bin schon volljährig.

Bei der EU-Wahl im Mai steht die Zukunft Europas auf dem Spiel.

Wiener: Für mich ist es geradezu unvorstellbar, wenn die österreichischen Grünen nicht mehr im Europäischen Parlament vertreten wären. Denn zugleich arbeiten nationale und rechtspopulistische Kräfte daran, sich für das Europaparlament wählen zu lassen, um dann die EU von innen heraus zu ruinieren und zu zerstören.

Haben Sie eine Idealvorstellung von der EU?

Wiener: Seelisch regional zu bleiben, dezentral in der Ernährungspolitik, seine Besonderheit und seine Identität zu waren, aber wirtschafts- und außenpolitisch eingehüllt von einem europäischen Schutzmantel, innerhalb dessen die selben Grundwerte gelten.

Den Grünen machte man immer den Vorwurf, lustfeindlich zu sein. Sind Sie nun der Gegenentwurf?

Wiener: Meine Kandidatur beweist vielleicht, dass der Vorwurf von den lustfeindlichen Grünen so nie gestimmt hat.

Das Gespräch führte Michael Sprenger


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