Letztes Update am Fr, 19.04.2019 06:42

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


TT-Interview

Drozda: „Das war ein Tiefpunkt im Umgang miteinander“

SPÖ-Manager Thomas Drozda über die Demontage von Parteichef Faymann und das – von ihm vermutete – Kurz-Kalkül für die Wien-Wahl.

Parteimanager Thomas Drozda an Genossen, die ihn kritisieren: "Ich leite hier kein Institut für Funktionärsbespaßung."

© APA/HERBERT NEUBAUERParteimanager Thomas Drozda an Genossen, die ihn kritisieren: "Ich leite hier kein Institut für Funktionärsbespaßung."



Sind Sie froh, dass Ex-Parteichef Werner Faymann kein Buch über seine Demontage durch Christian Kern & Co schreibt?

Thomas Drozda: Es gibt einen großen Unterschied zwischen der Art und Weise, wie die Ära Faymann geendet und Sebastian Kurz eine Parallelregierung installiert hat. Die Offenheit von Ex-ÖVP-Vizekanzler Mitterlehner ist außergewöhnlich und belegt, dass Kurz die Machtübernahme von langer Hand eiskalt vorbereitet hat. Von Leuten wie Wolfgang Sobotka wurde die eigene Regierung boykottiert und sabotiert. Sonntag für Sonntag gab es parallele ÖVP-Fraktionen, während wir mit Mitterlehner und ÖVP-Minister Hans Jörg Schelling ein neues Regierungsprogramm verhandelt haben. Das ist das Sittenbild der neuen ÖVP und die vollständige Demaskierung des Sebastian Kurz.

Was ist bei Faymann und Kern anders gelaufen?

Drozda: Ich war damals politischer Beobachter. Dass Funktionäre Parteichef Faymann am 1. Mai auf dem Wiener Rathausplatz auspfeifen, ist Zeichen einer Unkultur. Ich habe oft darüber nachgedacht, ob das in ausreichender Form aufgearbeitet wurde. Es war ein Tiefpunkt im innerparteilichen Umgang miteinander. Da erwarte ich etwas anderes. Was Kurz getan hat, war Meuchelmord hinter dem Vorhang, das war eine der verlogensten Darbietungen der Politik. Mitterlehner ist hoch anzurechnen, dass er den Vorhang gelüftet hat.

Wie sollte die SPÖ die Causa Faymann aufarbeiten?

Drodza: Es geht um den Umgang miteinander, darum, was wir einander über Medien ausrichten. Aus der dritten Reihe verbal scharf zu schießen, hat nichts mit Diskussionskultur zu tun.

Werden Sie Faymann bitten, an diesem 1. Mai zur SPÖ-Kundgebung auf den Rathausplatz zu kommen?

Drozda: Das ist Sache der Wiener SPÖ. Ich weiß ja auch nicht, ob er das will. Wenn er auf der Bühne stehen will, ist er – was mich betrifft – herzlich willkommen.

Welche Defizite sehen Sie bei der jetzigen SPÖ – inhaltlich und kommunikationstechnisch? In Sachen soziale Netzwerke ist die FPÖ der SPÖ ja ein Jahrzehnt voraus.

Drozda: Das Profil im Sozial- und Gesundheitsbereich haben wir. Deutlicher positionieren müssen wir uns in der Wirtschafts-, der Sicherheits- und der Außenpolitik. Und was Social Media anbelangt: Da hatte ich ein schweres Erbe. Wir müssen digitales Campaigning aufbauen. Ich wünschte, wir hätten da nicht ein Jahrzehnt verloren. Ob es funktioniert, wird spätestens 2022 zu messen sein.

Glauben Sie, dass erst im Jahr 2022 der Nationalrat neu gewählt wird?

Drozda: Dies hängt vor allem von der Wiener Gemeinderatswahl im kommenden Jahr ab. Sebastian Kurz verfolgt ein großes Ziel – und das heißt: „Zerstörung der Sozialdemokratie“. Deshalb soll man sich vom ÖVP-Spin nicht ablenken lassen. Kurz denkt keine Sekunde an die Rolle der ÖVP als künftiger Juniorpartner eines roten Bürgermeisters. Dieser Spin dient nur der Wählerdemobilisierung. Kurz will mit der FPÖ das Wiener Rathaus erobern – und so die SPÖ vernichten. Deshalb wird er bis zur Wien-Wahl alle Querschüsse – von den Burschenschaftern bis zu den Identitären – aussitzen. Ich bin aber sehr davon überzeugt, dass ihm dies nicht gelingen wird. Und dann könnte sich innerhalb der Koalition eine neue Dynamik ergeben.

Sie glauben also, dass es nach der Wien-Wahl zum Koalitionsbruch kommen kann?

Drozda: Nach der Wien-Wahl wird vielleicht auch Kurz die FPÖ so peinlich erscheinen, wie die Blauen es international längst sind. Dann sind Neuwahlen nicht mehr ausgeschlossen.

Sind Sie der richtige Mann als Parteimanager?

Drozda: Ich kann Ihnen sagen, was ich hier in der Parteizentrale mache. Ob ich der richtige Mann bin, ist von der Parteivorsitzenden zu beurteilen. Ich habe außerhalb der Partei bislang 25 Jahre an Berufserfahrung erworben. Ich habe in größeren Organisationen erfolgreiche Arbeit geleistet. Ich leite hier kein Institut für Funktionärsbespaßung. Ich verfolge ein klares Ziel: die Kampagnenfähigkeit der Partei, auch im digitalen Bereich, zu 100 Prozent herzustellen. Meinungsforschung, Analyse und Strategie müssen auf höchstem Niveau erfolgen. Wenn alle in den zentralen Funktionen in der Partei entsprechende Qualifikation mitbringen, stehen wir nicht schlecht da.

Das Gespräch führten Karin Leitner und Michael Sprenger