Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom So, 09.06.2019


Rotes Wien

15 wegweisende Jahre, die die Bundeshauptstadt bis heute prägen

Die Bundeshauptstadt begeht heuer das Jubiläum 100 Jahre Rotes Wien. Die Zwischenkriegszeit steht für ein bedeutendes Kapitel Stadtgeschichte.

Mindestens so wienerisch wie Schloss Schönbrunn: der Karl-Marx-Hof in Wien Heiligenstadt, der wohl bekannteste Gemeindebau des Roten Wiens.

© AFPMindestens so wienerisch wie Schloss Schönbrunn: der Karl-Marx-Hof in Wien Heiligenstadt, der wohl bekannteste Gemeindebau des Roten Wiens.



Carmen Baumgartner-Pötz

Wien – Das Rote Wien. Der Begriff bezieht sich eben nicht auf die gegenwärtig andauernde politische Vorherrschaft der Sozialdemokraten in der Bundeshauptstadt, auch wenn es sich umgangssprachlich so eingebürgert hat. Die historische Bezeichnung meint die Zeitspanne von 1919 bis zum Ausbruch des Bürgerkriegs im Jahr 1934. 15 Jahre lang hatte die Sozialdemokratische Arbeiterpartei die absolute Mehrheit im Wiener Gemeinderat und somit 15 Jahre lang die Legitimation für tiefgreifende Veränderungen in der Stadt. Diese wirken bis heute noch nach, wie jeder weiß, der sich einmal den berühmten Karl-Marx-Hof in Wien Heiligenstadt angeschaut hat. Der längste zusammenhängende Wohnbau der Welt mit großen Freiflächen ist über einen Kilometer lang, der wohl bekannteste Gemeindebau Wiens und gilt als architektonische Ikone des Roten Wiens.

„Das Rote Wien steht aber für viel mehr als nur für Wohnbau“, erklärt Werner Michael Schwarz im Gespräch mit der Tiroler Tageszeitung. Er ist einer von drei Kuratoren des Wien Museums, die die Ausstellung „Das Rote Wien 1919–1934“ im Musa, nahe dem Wiener Rathaus, betreut haben. Die Ausstellung läuft noch bis Jänner 2020.

Schwarz spricht von einem sozialen, kulturellen und pädagogischen Reformprojekt, das eine tiefgreifende Verbesserung der Lebensbedingungen der Arbeiter und eine Demokratisierung aller Lebensbereiche im Sinn hatte. „Über allem schwebte damals die Frage ‚Wie soll man leben?‘“, schildert Schwarz. Die Debatte machte vor keinem Bereich des täglichen Lebens halt: Wohnen, Betreuung und Ausbildung der Kinder, Freizeit, Rollen von Männern und Frauen, Hygiene, Kunst und Kultur.

Die Ausgangslage war trist, der Erste Weltkrieg hatte Wien zur Krisenstadt des Kontinents gemacht. Unterernährung und Tuberkulose waren weit verbreitet, die Wohnungsnot groß. „Es ging im ersten Schritt um eine Grundversorgung, unter anderem darum, die Kinder satt zu bekommen und an die frische Luft, ans Licht zu bringen“, schildert der Historiker Schwarz. Es entstehen eigene Kinderfreibäder, manche von ihnen gibt es heute noch.

„Errichtet aus den Mitteln der Wiener Wohnbausteuer“ ist ein Satz, den man in Wien auf vielen Gebäuden sieht. Er verweist auf die Fiskalpolitik im Roten Wien, welche die Basis für über 60.000 Wohnungen legte. Schwarz warnt davor, die Gemeindebauten mit Sozialwohnungen gleichzusetzen: „Es ging nie darum, sozial Schwache örtlich zusammenzufassen oder gar abzuschotten. Im Gegenteil: Beim damaligen Punktesystem, das zeigte, wem eine Gemeindewohnung zusteht, war das Einkommen gar kein Thema.“ Außerdem wurden die Gemeindebauten alle durchlässig gestaltet, sodass der öffentliche Raum (Spielplätze, Sitzbänke) auch Nicht-Bewohnern zugänglich war. Alles im Sinne der Gemeinde und Gemeinschaft.

Historische Aufnahme des Kinderfreibads am Margaretengürtel aus dem Jahr 1926.
Historische Aufnahme des Kinderfreibads am Margaretengürtel aus dem Jahr 1926.
- WIEN MUSEUM



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