Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom So, 23.06.2019


Exklusiv

Bildungsdirektor Gappmaier: “An den NMS bleibt Teamteaching fix“

Als Bildungsdirektor setzt Paul Gappmaier gerade das Reformpaket Schule der alten Regierung um. Einen erneuten Kurswechsel würden die Schulen nach Neuwahlen im Herbst nicht vertragen, sagt er.

Hat als Bildungsdirektor noch viele Knoten zu lösen: Paul Gappmaier.

© Thomas Boehm / TTHat als Bildungsdirektor noch viele Knoten zu lösen: Paul Gappmaier.



Innsbruck — Vor knapp einem Jahr wurde österreichweit die gesamte Schulverwaltung auf neue Beine gestellt. Aktuell gibt es deshalb in allen Bundesländern nur noch eine Bildungsbehörde, die für alle Bildungsangelegenheiten — außer den universitären — zuständig ist. Damit hat Tirol seit einem Jahr einen Bildungsdirektor und seit einem halben Jahr eine Bildungsdirektion. Es gibt keine Bildungsabteilung, keinen Landesschulrat, keine Inspektoren mehr. Stattdessen drei Bildungsregionen (in Tirol) und Qualitätsmanager. Was das für Lehrerschaft und Schüler bedeutet, erklärt Tirols Bildungsdirektor Paul Gappmaier in einer ersten Zwischenbilanz.

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Ihr Job war bzw. ist es, die Bildungsorganisation neu zu strukturieren. Damit mussten nicht nur Jobs geändert werden, sondern vor allem zwei Behördenblöcke aufgelöst werden. Ein Ziel dieser Reform war es, das Verwaltungswesen effizienter, effektiver zu machen, auch eine gewisse Entpolitisierung sollte es bringen. Ist das alles gelungen?

Paul Gappmaier: Die Feuertaufe ist uns ganz gut gelungen. Für die komplette Überführung ins neue System braucht es noch mehr, aber eine Reihe von Optimierungsprozessen haben wir schon eingeleitet. Das ist an den Schulstandorten spürbar. Alles unter das Dach einer einzigen Behörde zu bringen, ist eine sehr gute Idee, macht vieles einfacher, auch wenn es als Mischbehörde neue Problemstellungen gibt, die es in der Praxis erst zu lösen gilt. Jetzt müssen wir nur noch räumlich umsiedeln.

Als Direktor eine Land-Bund-Behörde sind Sie an Weisungen zweier Herren gebunden. Als solcher mussten Sie zuletzt etwa die umstrittene Wiedereinführung der Ziffernnoten und das Sitzenbleiben umsetzen. Man hat das Gefühl, dass sich Lehrer ständig auf ein neues System einstellen müssen. Ist das gut so?

Gappmaier: Nein, ständige Änderungen bringen Unruhe und Stress. Auch diese Reform hat ein sehr hohes Tempo, mit dem das System Schule ins Wanken gebracht wurde. Das hört man aus allen Bildungsdirektionen. Es braucht dringend wieder mehr Ruhe. Zum Thema Ziffernnoten muss man sagen, dass hier nicht einfach nur wieder das Ziffernmodell eingeführt worden ist. Es geht um viel mehr, der Lehrer muss sich sogar viel stärker mit der Benotung auseinandersetzen, es gibt eine Neuregelung der Leistungsbeurteilung. Das Ganze hat eine roten Faden, der Sinn macht.

Haben Sie die Befürchtung, dass mit den Neuwahlen im Herbst in Sachen Schulpaket wieder alles anders werden könnte?

Gappmaier: Ja, ehrlich gesagt schon. Wenn es mit einer neuen Regierung plötzlich einen Stopp der Behördenreform geben würde oder eine erneute, andere Schulreform, wüsste ich nicht, ob das die Schule aushalten würde. Ich glaube, wir würden das System dann komplett überfordern.

Vor einigen Wochen gab es medial viel Wirbel rund um eine Gewaltsituation an einer Wiener HTL. Wie sehen Sie das Thema schwierige Schüler, schwierige Lehrer in Tirol?

Gappmaier: Insgesamt muss man sagen, dass wir in Tirol fast 12.000 Lehrer haben. Von wie vielen hört man, dass sie schlechte Arbeit machen? — Das sind Einzelfälle. Ich persönlich habe viel Hochachtung vor der Arbeit der Pädagogen, die eine fordernde ist. Es frustriert, wenn all jene, die eine gute Arbeit machen, mit wenigen schwarzen Schafen in einen Topf geworfen werden. Gleichzeitig muss man sagen, dass nicht alle in ihrem Beruf richtig sind. Wir stellen auch eine erhöhte Zahl an Burnouts bei älteren Lehrern fest. Mit dem neue Ausbildungssystem für Lehrer kann man besser Filter setzen. Was schwierige Schüler anbelangt, hat sich unser System der Timeout-Klassen bewährt.

Bräuchte es mehr Unterstützungspersonal?

Gappmaier: Von der Schulsozialarbeit angefangen, könnte man alle Unterstützungen auf jeden Fall anschieben. Lehrer sollten sich auf ihre pädagogische Arbeit konzentrieren können. Gut wäre, wenn es hier Mittel vom Sozialministerium geben würde.

Sie entscheiden auch, welche externen Vereine in Schulen dürfen — es gab den Skandal rund um den Verein „teenstar", der Sexualaufklärung machte. Welche Vereine dürfen in Tirols Schulen?

Gappmaier: Momentan prüfen wir im Auftrag des Ministeriums, welche externen Vereine und Personen es an den Schulen gibt. Generell bin ich nicht dagegen, weil es oft guten Input gibt, den Lehrer so nicht leisten könnten. Aber man muss genau schauen, wer kommt. Seit dem Vorfall gilt die klare Regel, dass immer ein Lehrer im Raum sein muss.

Viele Eltern regen sich über die starren Schulsprengel auf, wie sehen Sie das?

Gappmaier: Hier habe ich eine klare Haltung und bin der Meinung, dass Schulsprengel ein Ordnungsprinzip samt Bestandsgarantie für Schulen sind. Schulen wie in der freien Marktwirtschaft in den Wettbewerb zu drängen, halte ich für bedenklich. Für Schulen mit speziellen Schwerpunkten, etwa Sport-NMS, wird der so genannte Berechtigungssprengel gelebt. Ich kann es aber nachvollziehen, dass es Eltern gibt, die aus organisatorischen Gründen eine andere Schule haben wollen. Fakt ist, dass seitens der Schulbehörde ein Sprengelwechsel zulässig ist, meistens sperrt sich da aber die Gemeinde als Schulerhalter. Die wollen natürlich ihre Schule aufrechterhalten.

LR Palfrader kämpft dafür, dass bewährte Schulversuche in Tirol bestehen bleiben. Das Ministerium hat vorher das Auflassen von Teamteaching (Anmerkung: Doppelbesetzung von Lehrern in Klassen bzw. bestimmten Fächern) in den NMS beauftragt. Tirol hat versucht, eine Lösung zu finden — bleibt das Teamteaching?

Gappmaier: Die Bundeslehrer müssen wir abziehen. Diese ersetzen wir teils mit Landeslehrern. Und wir haben erreicht, dass die sich noch in Ausbildung befindlichen AHS-Lehrer (nach altem Diplom-System) an NMS unterrichten dürfen. Das Teamteaching bleibt damit fix erhalten. Wir müssen dafür allerdings mehr Lehrer im Bundesbereich unterbringen. Damit haben die Schulleiter dort weniger Spielraum für Neuanstellungen bzw. eine autonome Auswahl.

Das Gespräch führte Liane Pircher




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