Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom So, 28.07.2019


Nationalratswahl

Brandstätter und Hamann: Zwischen Zweitkarriere und Ernüchterung

Mit Helmut Brandstätter und Sibylle Hamann versuchen bei der Nationalratswahl gleich zwei Journalisten ihr Glück in der Politik. Der Seitenwechsel hat hierzulande schon Tradition.

Woll(t)en vom Journalismus in die Politik: Hamann (Grüne), Brandstätter (NEOS), Lindner (Team Stronach), Stenzel (ÖVP/FPÖ), Freund (SPÖ).

© APA, Montage: TTWoll(t)en vom Journalismus in die Politik: Hamann (Grüne), Brandstätter (NEOS), Lindner (Team Stronach), Stenzel (ÖVP/FPÖ), Freund (SPÖ).



Carmen Baumgartner-Pötz

Wien – „Wäre genau jetzt, wo du sonst keine Sorgen hast, nicht der richtige Zeitpunkt, um mal selber anzupacken, statt immer nur anderen gute Ratschläge zu geben?“ – diese Gedanken gingen Sibylle Hamann vor einigen Wochen durch den Kopf, als sie Kolumnen schreibend in ihrem schattigen Innenhof saß. Die 52-Jährige wagt den Sprung in das kalte Politik-Wasser – und kandidiert für die Grünen für den Nationalrat.

Wechsel vom Journalismus in die Politik haben in Österreich Tradition. Neben Hamann versucht es im September Helmut Brandstätter – auf einem Ticket der NEOS. Der 64-Jährige war zuletzt acht Jahre lang Chefredakteur des Kurier bzw. seit Herbst nur noch Herausgeber. Mit seinen regierungskritischen Kommentaren und einer Abrechnung mit Türkis-Blau in Buchform scheint der selbstbewusste Medienmacher gut zur oft unbequemen politischen Bühne zu passen.

Wobei die Ernüchterung bei Quereinsteigern aus dem Journalismus oft sehr schnell einsetzt. So war ORF-Anchorman Josef Broukal 2002 mit dem Ziel angetreten, bei einer roten Regierungsbeteiligung bzw. Kanzlerschaft Wissenschaftsminister zu werden. Daraus wurde nichts, Broukal musste sich mit dem Posten des stellvertretenden Klubobmanns und Wissenschaftssprechers der SPÖ begnügen. Eugen Freund, ebenfalls Ex-ZiB-Anchorman, lernte zuletzt in Straßburg den Alltag eines von 751 EU-Parlamentariern kennen.

Der ORF ist generell ein beliebter Rekrutierungspool für politische Quereinsteiger. So erfolgreich wie Helmut Zilk (SPÖ), der es 1979 vom Fernsehdirektor über Kulturstadtrat und Unterrichtsminister zum Wiener Bürgermeister schaffte, war nach ihm keiner oder keine mehr.

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Auch nicht Ursula Stenzel, die 1996 bei der EU-Wahl für die ÖVP Platz 1 zurückholte – und insgesamt dreimal schwarze Spitzenkandidatin war. 2005 wechselte sie in die Wiener Stadtpolitik, 2015 zur FPÖ. Zu den Blauen zog es vom ORF etwa auch Theresia Zierler und Hans-Jörg Schimanek. Monika Lindner, frühere Generaldirektorin der größten Medienorgel des Landes, gab nur ein kurzes Zwischenspiel beim Team Stronach: 29 Tage nach der Angelobung legte sie ihr Nationalratsmandat zurück, eingezogen war sie als „Wilde“, weil sie sich mit dem TS noch vor der Wahl, aber erst nach der Listenerstellung überworfen hatte.

Apropos sich überwerfen: Das schaffte auch Hans-Peter Martin. Der Ex-Spiegel-Korrespondent zog 1999 als SPÖ-Spitzenkandidat in das EU-Parlament ein, 2004 schloss ihn die sozialdemokratische SPE-Fraktion aus. Mit einer eigenen Liste erreichte er wenig später zwei Mandate, zerstritt sich aber auch mit der früheren ORF-Journalistin Karin Resetarits.