Letztes Update am Mo, 05.08.2019 14:01

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Historikerkommission

FPÖ-Bericht: „So etwas Unprofessionelles hat es noch nicht gegeben“

Die FPÖ will am Montag den ersten Teilbericht der Historikerkommission vorlegen, der die Geschichte und die „braunen Flecken“ der Partei beleuchten soll. Ein Experte der Uni Wien übt schon im Vorfeld heftige Kritik. Die FPÖ findet das „schräg und seltsam“.

Die Historikerkommission wird vom früheren Dritten Nationalratspräsidenten und emeritierten Professor für Rechtsgeschichte, Wilhelm Brauneder, geleitet.

© APADie Historikerkommission wird vom früheren Dritten Nationalratspräsidenten und emeritierten Professor für Rechtsgeschichte, Wilhelm Brauneder, geleitet.



Wien – Nach mehrfachen Verzögerungen legt die FPÖ heute am späten Nachmittag den Bericht der Historikerkommission vor, der die Geschichte und die „braunen Flecken“ der von früheren Nationalsozialisten mitbegründeten Partei beleuchten soll. Wie der designierte Parteichef Norbert Hofer im Vorfeld angekündigt hat, sollen aber nur Teile des mehr als 1.000 Seiten umfassende Bericht veröffentlicht werden.

Der Gesamtbericht soll erst später, nach den Vorstellungen Hofers aber wenn möglich noch vor der Nationalratswahl am 29 September folgen. Zuletzt war die Verzögerung damit begründet worden, dass man sich einen „Koscher-Stempel“ durch einen unabhängigen Wissenschafter aus Israel besorgen wollte.

Experte übt schon im Vorfeld Kritik

Schon im Vorfeld übte Oliver Rathkolb, Vorstand des Instituts für Zeitgeschichte der Uni Wien und Leiter des wissenschaftlichen Beirats des „Haus der Geschichte“, im ORF und im Kurier Kritik an der Zusammensetzung der Kommission. „So etwas Unprofessionelles hat es noch nicht gegeben. Das ist absolut unüblich und widerspricht den wissenschaftlichen Standards wie Transparenz und Nachvollziehbarkeit“, kritisierte der Experte die Nicht-Einbeziehung wissenschaftlicher Fakultäten und die Nicht-Öffentlichmachung der Mitglieder. Auch dass sich die FPÖ ein Gütesiegel eines israelischen Historikers holen will, versteht Rathkolb nicht.

Einen großen Unterschied sieht Rathkolb auch zur ÖVP und SPÖ, die ihre Geschichte jeweils schon vor Jahren aufgearbeitet haben. Bei beiden Parteien hat man immer gewusst, woher die Historiker kommen, wer sie sind, was sie gemacht haben, auch im Bereich der BSA-Studie (Bund Sozialdemokratischer Akademiker). Und außerdem sei der Auftrag für die SPÖ-Studie, die Maria Mesner geleitet hat, direkt an ein universitäres Institut, an das Institut für Zeitgeschichte der Universität Wien, gegangen.

FPÖ findet Kritik „schräg und seltsam“

Die FPÖ reagierte am Montag verärgert auf die Beanstandung ihres Berichts. Der designierte Parteichef Norbert Hofer sieht bei Rathkolbs Kritik „parteipolitische Einfärbung“. Der geschäftsführende FPÖ-Klubobmann Herbert Kickl wehrte sich ebenfalls gegen die Kritik. Es sei höchst unseriös, einen Bericht zu kritisieren, der noch gar nicht vorliegt, sagte Kickl. Er finde es „einigermaßen schräg und seltsam“, auf etwas zu reagieren, das man noch nicht kennt.

„Den Nobelpreis wird er für diese Aussage nicht bekommen“, monierte Hofer. Beide empfahlen, sich den Bericht erst einmal anzuschauen und danach darüber zu urteilen.

Kommission nach „Liederbuchaffäre“ eingesetzt

Eingesetzt wurde die FPÖ-Historikerkommission im Frühjahr 2018 in Folge der „Liederbuchaffäre“ in der Burschenschaft „Germania zu Wiener Neustadt“ (u.a. wegen des Textes „Gebt Gas, ihr alten Germanen, wir schaffen die siebte Million“). Mitglied der Burschenschaft war auch der deswegen zurückgetretene und mittlerweile in die Politik zurückgekehrte niederösterreichische Landesparteichef Udo Landbauer. Burschenschaften wollten dem Vernehmen nach nicht mit der Kommission kooperieren.

Geleitet wird die Kommission vom früheren Dritten Nationalratspräsidenten und emeritierten Professor für Rechtsgeschichte, Wilhelm Brauneder. Die Historiker, die an dem Bericht gearbeitet haben, wurden von der FPÖ bisher nicht offen kommuniziert. Neben Brauneder sollen der FPÖ-nahe Historiker Lothar Höbelt, der Jurist Michael Wladika, der zuletzt im Kabinett von Heinz Christian Strache beschäftigte Historiker Thoma Grischany und der ehemalige FAZ-Korrespondent und „Alles Roger“-Autor Reinhard Olt, der einen Bericht zur Südtirol-Politik der FPÖ verfasst haben soll, mitgearbeitet haben. FPÖ-intern kümmerte sich eine sogenannte Referenzgruppe mit Andreas Mölzer, Ehrenparteichef Hilmar Kabas, der Dritten Nationalratspräsidentin Anneliese Kitzmüller, Ex-Volksanwalt Peter Fichtenbauer und der Wiener Stadträtin Ursula Stenzel um den Bericht. (APA, TT.com)