Letztes Update am Sa, 31.08.2019 07:18

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Blick von Außen

Atheismus und Christentum: Gegen die Verteufelung

Hier ein neuer Atheismus, dort ein undogmatisches Christentum. Ein unmögliches Paar? Muss nicht sein. Ein Plädoyer für Respekt als Grundlage einer offenen Debatte im Geiste der Aufklärung.

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Von Helmut Reinalter

Ein in der Tiroler Tageszeitung ausgetragener Streit über den Atheismus zwischen der Biochemikerin Renée Schroeder und dem Theologen Jozef Niewiadomski war unbefriedigend, weil beide zum Teil in polemischer Weise ihre jeweilige Position vertraten und diese zu wenig fundiert haben. Von gegenseitigem Respekt oder Verständnis konnte hier keine Rede sein. Im Kern vertreten nämlich christlicher Glaube und humanistischer Atheismus eine Ethik des menschlichen Zusammenlebens, die wir allerdings bei der fundamentalistischen Spielart des Atheismus und der Religionen nicht finden. Auch wenn der Atheismus die Überzeugung vertritt, dass ein Gott, wie er in allen monotheistischen Religionen angenommen wird, nicht existieren kann, ist der humanistische Atheismus nicht ohne praktische Ethik.

Atheisten engagieren sich für eine humane Gesellschaft, und ihre Überzeugung ist mit Wissenschaft durchaus vereinbar. Das hinter dem aufgeklärten Atheismus steckende Freidenkertum verdeutlicht die kritische Selbstreflexion, das Selbstdenken (Kant), das Tragen von Entscheidungen in Würde, die stark ausgeprägte Eigenverantwortlichkeit und Selbstkritik. Ihre Ethik verfolgt das Ziel, ein gutes, gelingendes Leben anzustreben.

Ähnliche humanitäre Ziele verfolgen auch die Religionen, sofern sie nicht radikalpolitisch, ideologisch und gewaltbereit-fundamentalistisch sind. Statt gegenseitiger Verurteilung und Polemiken wäre ein friedlicher Dialog zwischen Religion, Konfessionslosigkeit und Atheismus über Fragen ethischer und gesellschaftlicher Konsequenzen und das jeweils eigene Selbstverständnis erforderlich. Dazu zählen auch die unterschiedlichen Menschen- und Gottesbilder und ihre ethischen und gesellschaftlichen Implikationen. Nur ein ehrlicher Austausch der Ideen und eine multiperspektivische Diskussion können die verhärteten Positionen und die damit verbundenen gegenseitigen Verteufelungen der Theologen und Atheisten überwinden.

„Neuer Atheismus“

Neben der Forderung nach einer atheistischen Spiritualität entstand in den letzten Jahrzehnten auch ein „neuer Atheismus“, der für Religion und Glaube zu einer Herausforderung wurde. Zweifelsohne kam es dabei von fundamentalistisch-militanter Seite des Atheismus auch zu Intoleranz gegenüber Gläubigen. Der neue Atheismus ist gar nicht so neu, denn er hat einen naturalistischen Hintergrund, d. h. der Naturalismus verabsolutiert seinen methodischen Zugang zur Wirklichkeit. Es gibt aber im humanistischen Atheismus auch die Meinung, dass nicht ausschließlich die Wissenschaften allein Erkenntnisse vermitteln können.

Die neuen Atheisten Richard Dawkins, Daniel Dennet, Christoper Hitchens und Sam Harris, Hitchens starb 2011, starteten einen Sturmangriff gegen religiöse Dogmen, die nicht nur z. T. falsch waren, sondern auch schädlich und gefährlich. Ihr eigener Standpunkt lautet: unbedingtes Vertrauen in die Naturwissenschaften. Der neue Atheismus kritisiert nicht nur die fundamentalistischen Ausprägungen der Religion, sondern stellt den Gottesglauben überhaupt in Frage. Seine Religionskritik spricht vor allem jüngere Menschen mit akademischer Bildung an.

Die atheistische Religionskritik richtet sich aber nicht nur gegen das Christentum, sondern auch gegen den Islam. In diesem Zusammenhang fällt allerdings auf, dass in der Auseinandersetzung ein polemischer Ton Platz gegriffen hat und häufig Pauschalurteile gefällt werden, die einer wissenschaftlich fundierten und sachlichen Debatte nicht Stand halten können und die Gespräche erschweren, was auch auf den bereits erwähnten Streit von Schroeder und Niewiadomski zum Teil zutrifft.

Zur Person

Helmut Reinalter war Prof. für Geschichte der Neuzeit und Politische Philosophie an der Universität Innsbruck und leitet heute das private Forschungsinstitut für Ideengeschichte.

Helmut.Reinalter@uibk.ac.at

Bei den neuen Atheisten ist sogar in Überspitzung ihrer Kritik die Rede von „menschenfeindlichen“ monotheistischen Weltreligionen, was auf ungenügendes Wissen über diese Religionen zurückgeführt werden kann. Häufig wird hier von den neuen Atheisten die fundamentalistische Richtung in den Religionen, die tatsächlich existiert, als die eigentliche Religion gesehen. Viele der neuen Atheisten vertreten einen „evolutionären Humanismus“, womit sie die Entwicklungsfähigkeit des Menschen verstehen. Ihre damit verbundenen Hoffnungen sind für sie nicht auf kulturellen Fiktionen aufgebaut, sondern basieren auf empirischen Belegen, was in den kontrovers geführten Diskussionen umstritten ist.

Das „Manifest des evolutionären Humanismus“ verfasste Michael Schmidt-Salomon. In diesem werden die drei monotheistischen Weltreligionen als Offenbarungsreligionen charakterisiert. Gleichzeitig werden diese als „ein dogmatisch-verbindliches und institutionell abgesichertes Aussagensystem“ bezeichnet, „das auf universellen Wahrheitsansprüchen vermeintlicher Gottheiten oder Propheten beruht, d. h. auf heiligen Sätzen, die bedingungslos geglaubt werden müssen und sich also systematisch dem Zugriff der kritischen Vernunft entziehen“ (Manifest des evolutionären Humanismus. Plädoyer für eine zeitgemäße Leitkultur). Ob eine solche Einschätzung intellektuell redlich ist, scheint zumindest fraglich. Auf solche Weise wird hier versucht, religiöses Denken und wissenschaftliche Erkenntnis als konträr zu sehen. Manche Kritikpunkte am christlichen Glauben sind durchaus zutreffend. Sie beziehen sich auf den religiösen Fundamentalismus.

In der Zwischenzeit gibt es nun auch von Seiten humanistischer Atheisten eine positivere Haltung zu einem aufgeklärten Glaubens- und Religionsverständnis. So schreibt Schmidt-Salomon: „Gelänge es, die progressiven Traditionen, die es in jeder Religion gibt, zu forcieren, könnte das aufklärerische Weltkulturerbe der Menschheit, das … von Menschen aller Zeiten und Kontinenten hervorgebracht wurde (unabhängig davon, ob sie gläubig waren oder nicht), stärker ins öffentliche Bewusstsein gerückt werden“ (Michael Schmidt-Salomon, Hoffnung Mensch). Im Zusammenhang mit dem Gottesglauben der neuen Atheisten erhebt sich die Frage, gegen welches Gottesverständnis sich hier die Kritik eigentlich richtet. Es ist durchaus denkbar, dass die Verneinung des Gottesglaubens von einem Gottesbegriff des Christentums ausgeht, von dem sich dieses schon längst verabschiedet hat. Es kommt noch immer vor, dass Gott im christlichen Sinne von einem überholten Weltbild ausgeht, das für naturwissenschaftliche Theorien, Kosmologie und Evolution nicht kompatibel erscheint. Gelobt werden von atheistischer Seite besonders jene Theologen, die eine autonome Ethik befürworten.

Ergebnisoffener Dialog

Was den meisten Atheisten fehlt, ist das Wissen über „das hermeneutische Problembewusstsein religiöser Traditionen“. Der humanistische Atheismus leugnet allerdings dieses Wissen nicht, und er beurteilt zum Teil die liberalere Theologie positiv. So wäre es zu begrüßen, wenn das undogmatische Christentum den humanistischen Atheismus als positive Herausforderung sehen würde. Eine gegenseitige Verteufelung wäre nicht weiterführend.

Für das humane Zusammenleben einer Gesellschaft braucht es einen ergebnisoffenen Dialog. Undogmatisches Christentum und humanistischer Atheismus haben nach meiner Meinung sogar die Verpflichtung, Menschen für aufgeklärtes Denken in allen Lebensbereichen zu fördern. Auch die humanistischen Atheisten sollen die großen (auch religiösen) Menschheitsfragen nach der Entstehung des Kosmos, der Materie, des Lebens, der Evolution, des Bewusstseins, der Ethik und des Glaubens auf dem Wissensstand der Zeit kritisch reflektieren und gründlich analysieren. Der neue Atheismus hat neben Stärken auch deutliche Schwächen, die sichtbar werden, wenn man die Schriften ihrer Exponenten kritisch prüft. Dabei kann man Schwachstellen, Defizite, Aporien und Widersprüche konstatieren. Einige ausgewählte Beispiele sollen hier kurz erwähnt werden: Richard Dawkins erklärt alle Pantheisten pauschal zu Atheisten, Michel Onfray versucht nachzuweisen, dass viele Pantheisten keine Atheisten waren, Dawkins polemisiert gegen jede Mystik und verurteilt sie auch, Sam Harris wiederum bezeichnet Mystik und Meditation als höchste Entwicklungsstufe des menschlichen Denkens. Widersprüche finden sich neben Stärken auch im christlichen Glauben, wie theologische Schriften beweisen, zuletzt auch der Sammelband von Werner Zager über den neuen Atheismus. Die Religion verliert immer mehr an Bedeutung für den einzelnen Menschen, sodass die Weitergabe des christlichen Glaubens schrittweise abnimmt. Lebensprobleme werden auch zunehmend innerweltlich zu klären versucht. Zweifelsohne steht die Entstehung des neuen Atheismus in einem Zusammenhang mit dem religiösen Fundamentalismus. Daher wäre eine Stärkung des liberaleren und undogmatischen Christentums von Bedeutung.

Unverzichtbar ist für das undogmatische Christentum, sich mit naturwissenschaftlichen Forschungen zur Kosmologie und Evolutionsbiologie auseinanderzusetzen. Das undogmatische Christentum sollte das kritiklose Hinnehmen von Biblizismus und Kreationismus innerhalb der Kirchen überwinden. Das undogmatische Christentum sollte sich auch für einen Dialog öffnen. An die Stelle polemischer gegenseitiger Verteufelungen müsste im Sinne eines neuen Aufklärungsdenkens eine fundierte Auseinandersetzung zwischen liberalem Christentum und Atheismus aus theologischer und philosophischer Perspektive stattfinden. Ansätze dazu gab es bereits – die sich zum Ziel setzten, den Dialog zwischen Christen und Marxisten zu fördern.

Religions- und Atheismuskritik sollten letztlich das Ziel verfolgen, das Verhältnis von Atheismus und Wissenschaften (besonders Naturwissenschaften), Atheismus und Philosophie, Humanismus und Religion fundierter zu bestimmen. Damit könnte auch die Grundlage für einen fruchtbaren Dialog zwischen Atheisten und Nichtatheisten geschaffen werden.