Letztes Update am Fr, 13.09.2019 07:03

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Wahl 2019

Bei Parteien nachgefragt: Was tun gegen Ärztemangel und Wartezeiten?

Immer mehr Patienten – vor allem auf dem Land – könnten bald vor leeren Ordinationen stehen, weil ihre Ärzte in Pension gegangen sind. In Spitälern gibt es teilweise lange Wartezeiten. Die TT hat Parteien nach Lösungen für diese Probleme befragt.

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ÖVP: Österreich hat in vielen Bereichen ein gutes Gesundheitssystem. Das zeigt sich vor allem in internationalen Vergleichen. Um hier nicht zurückzufallen, muss ein Gesundheitssystem die ärztlichen und pflegerischen Leistungen auf die individuellen Bedürfnisse des Patienten abstimmen. Es kann nicht sein, dass Milliarden in Systemerhaltungskosten fließen und dieses Geld dann bei der Qualität der Patientenbetreuung fehlt.

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Mit der Sozialversicherungsreform haben wir daher dafür gesorgt, dass aus einer Verwaltungsmilliarde eine Patientenmilliarde wird. Einen besonderen Fokus möchten wir bei der Gesundheit auf eine qualitative Gesundheitsversorgung in allen Regionen Österreichs legen. Wer im ländlichen Raum lebt, muss die gleiche Versorgungssicherheit im Gesundheitsbereich vorfinden wie in Ballungszentren. Damit in Zukunft eine flächendeckende, wohnortnahe allgemeinmedizinische Versorgung möglich ist, brauchen wir ausreichend junge praktische Ärzte und Fachärzte.

Nachdem sich vor allem in den ländlichen Gebieten immer weniger Mediziner ansiedeln, muss man hier ansetzen. Allgemeinmediziner müssen gerecht entlohnt werden. Zusätzlich wollen wir durch Landarzt-Stipendien Anreize für angehende Ärztinnen und Ärzte schaffen, eine Praxis am Land zu übernehmen oder zu eröffnen. Außerdem müssen wir flexibler werden, indem wir mobile Einrichtungen stärker forcieren und die Errichtung von Gruppenpraxen in strukturschwachen Regionen erleichtern.

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SPÖ: Wir wollen ein Österreich, auf dessen Gesundheitsversorgung sich die Österreicher verlassen können. Niemand darf länger auf eine Behandlung warten müssen, weil er oder sie weniger Geld oder keine Beziehungen hat oder am Land lebt. Wir garantieren den gleichberechtigten Zugang zu einem öffentlichen und solidarisch finanzierten Gesundheitssystem.

Selbstbehalte wollen wir abbauen, denn viele Menschen können sich diese für dringend benötigte Hilfsmittel nicht leisten. Besonders wichtig ist uns die Gesundheit der Kinder: Alle Kinder müssen versichert sein und die Mutter-Kind-Pass-Leistungen sollen ausgeweitet und modernisiert werden. Zahnmedizin für Kinder und Jugendliche soll kostenlos sein. Ebenso ist ein Ausbau der Therapieangebote für Kinder und Jugendliche notwendig.

Zu einer guten Gesundheitsversorgung gehört, dass jeder Mensch im Umfeld seines Wohnortes rasch Termine bei Ärzten bekommt, Ärzte ausreichend Zeit haben und die Öffnungszeiten passen. Wir garantieren daher eine gute Gesundheitsnahversorgung für alle: Moderne Gesundheitszentren, die Patienten eine Rundum-Behandlung von Therapie bis Pflege ermöglichen, müssen endlich umgesetzt werden. Um den Arztberuf – auch am Land – attraktiver zu machen, wollen wir bessere Arbeitsbedingungen für Ärzte, etwa durch neue Kooperationsmöglichkeiten und weniger Bürokratie. Ebenso steht eine ordentliche Bezahlung für das Pflegepersonal auf unserem Programm.

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FPÖ: Im Bereich der Bundes- und Landeszielsteuerungen ist eine grundsätzliche Steuerung der Patientenströme zwischen dem stationären und niedergelassenen Bereich vorzunehmen.

In diesem Rahmen sind die Ambulatorien und Krankenanstalten zu entlasten und die Patientenströme nach medizinischen Grundsätzen in Richtung niedergelassener Bereich zu steuern. Damit sollen Wartezeiten verkürzt bzw. in weiterer Folge ganz beseitigt werden. Der niedergelassene Bereich muss deutlich ausgebaut und gestärkt werden. Dazu bieten die ab 1. Oktober 2019 geltenden gesetzlichen Grundlagen die ideale Möglichkeit, dass Ärzte Ärzte anstellen dürfen und dass die entsprechenden Kassenverträge dafür durch die neue Österreichische Gesundheitskasse (ÖGK) verhandelt werden.

Gleichzeitig soll es finanzielle Förderungen zur Übernahme von allgemeinmedizinischen Arztpraxen und Facharztpraxen in den einzelnen Regionen geben, um den niedergelassenen Bereich zu stärken und zu erweitern. Darüber hinaus sollen, wo ein tatsächlicher Bedarf besteht, auch Primärversorgungszentren eröffnet werden. Auch im Bereich der Medizinerausbildung soll es bei Mangelfächern entsprechende Sonderstipendien geben, die an eine Niederlassung als Allgemein- bzw. Fachmediziner in Österreich in den einzelnen Regionen gekoppelt sind. Eine grundsätzliche Neuordnung der Kassenverträge soll dies finanziell attraktiver gestalten, damit wieder mehr Ärzte in den niedergelassenen Bereich gehen und damit die Gesundheitsvorsorge vor Ort gestalten.

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NEOS: Österreich hat mehr Ärzte pro 1000 Einwohner als alle anderen EU-Länder abgesehen von Griechenland. Wir haben auch die höchste Zahl an Akutbetten in den Spitälern. Trotzdem kommt es zu sehr langen Wartezeiten, weil wir oft die falschen Strukturen am falschen Ort haben. Landesspitalsträger und Kassen arbeiten häufig gegen- statt miteinander. Als Folge bezahlen die Versicherten volle Beiträge und bekommen immer weniger Versorgungsleistung dafür.

Die Kassen haben einen Versorgungsauftrag, der allerdings nicht im Gesetz steht und den sie daher nicht erfüllen. Wir wollen daher ein Recht für jeden Versicherten, seine Wahlarztrechnung von der Kasse ersetzt zu bekommen, wenn die Kasse in Wohnortnähe keine Versorgung mit Vertragsärzten gewährleistet hat. Das wird die gesetzlichen Kassen anspornen, für eine bessere Abdeckung aller Regionen mit Vertragsärzten zu sorgen. Darüber hinaus muss die Primärversorgung so ausgebaut werden, dass dort Angehörige verschiedener Gesundheitsberufe auf Augenhöhe zusammenarbeiten und gemeinsam längere Öffnungszeiten garantieren, als wir sie heute vom typischen Allgemeinmediziner kennen.

Das bedeutet einerseits planbarere und familienfreundlichere Dienstzeiten für interessierte Ärzte. Es bewirkt andererseits auch weniger Wartezeiten für die Versicherten, weil sie für den Großteil ihrer gesundheitlichen Anliegen im Primärversorgungszentrum ihren Ansprechpartner finden. Das wird auch die Ambulanzen in den Spitälern entlasten.

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Jetzt: Der Ärztemangel ist differenziert zu sehen. Zum einen gibt es in Österreich bereits Gemeinden, in denen es keinen Hausarzt mehr gibt. Zum anderen kennen wir aus den größeren Städten die Situation, dass es mehr als genug Ärzte gibt, aber dass die meisten davon so genannte Wahlärzte sind. Diese muss man zumindest aus eigener Tasche bezahlen – bei einer gewissen Rückerstattung. Bekannt sind die Wartelisten von bis zu drei Monaten bei Fachärzten, wie etwa Augenärzten.

Die Folge: Die Spitalsambulanzen sind überfüllt. Also stimmt etwas nicht in unserem Gesundheitssystem. Folgende Vorschläge unterbreiten wir dabei:

Die Kassenverträge sind nicht passend. Das sagen uns die jungen Ärzte, die in der Lage wären, eine Ordination für Allgemeinmedizin zu übernehmen. Also müssen wir die Vertragssituation ändern, eben um der Abwanderung von Kassenärzten ins Wahlarztsystem zu begegnen.

Bei der ärztlichen Versorgung wurde das Augenmerk zu sehr auf den Ausbau der Landeskrankenhäuser gelegt. Das sind aber die kostspieligsten Orte ärztlicher Versorgung. Wir müssen nun das Geld in die Versorgung vor Ort umleiten.

Primärversorgungszentren sind dabei für einige Regionen tatsächlich eine Möglichkeit, aber sie sind kein Allheilmittel. In ländlichen Gebieten ist es uns wichtig, dass die Ansiedlung und Übernahme von Landordinationen gefördert und unterstützt werden. Auch von Seiten der Krankenkassen übrigens. Es gibt da bereits gute Beispiele, etwa aus der Steiermark.

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Grüne: Wichtig ist es, Einrichtungen zu unterstützen und weiterzuentwickeln, die das Personal in Spitälern effektiv entlasten, wie etwa Primärversorgungszentren, allgemeinmedizinische Ambulanzen oder das Gesundheitstelefon 1450. So kann dafür gesorgt werden, dass bestimmte Patienten an anderen Stellen schneller und effektiver behandelt werden können.

All das wird die Gesundheitsversorgung ebenso verbessern wie die Situation der Menschen in Gesundheitsberufen und die Lebenssituation der Menschen in diesem Land. Um die regionale Versorgung mit Ärzten und anderen Gesundheitsdienstleistungen zu sichern, braucht es ein Bündel an Maßnahmen: Ausbildungsplätze für Allgemeinmediziner aufstocken und verpflichtende Lehrpraxis in extramuralen Ordinationen für alle Medizinstudenten anbieten, Unterstützung bei Praxisgründungen und Bildungsangebote für Selbstständigkeit, verbesserte Kassenverträge – weg von reinen Einzelleistungshonoraren mit Limits hin zu kostendeckenden Grundpauschalen mit regionalen Zuschlägen usw.

Die Arbeitsbedingungen des medizinischen Personals sind wesentlich für die Qualität der Gesundheitsversorgung. Das ist auch eine Frage der Einkommenshöhe sowie der Arbeitszeit und des Arbeitsumfeldes. Daher braucht es verbesserte Arbeitsbedingungen durch Unterstützung bei Nacht- oder Wochenenddiensten, Ausbau von Primärversorgungszentren, Gesundheitszentren oder flexibleren Zusammenarbeitsformen etwa auch mit Krankenhäusern.