Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Sa, 28.09.2019


Innenpolitik

Wenn der Hochrechner Graz zur künstlichen Stadt macht

Wie hat Österreich gewählt? Der gebürtige Tiroler Christoph Hofinger wird am Sonntag, wenige Minuten nach 17 Uhr, die Antwort liefern.

Jubiläum für Christoph Hofinger (SORA). Er wird am Sonntag zum 20. Mal die Hochrechnung für eine bundesweite Wahl liefern.

© DER STANDARD/Matthias CremerJubiläum für Christoph Hofinger (SORA). Er wird am Sonntag zum 20. Mal die Hochrechnung für eine bundesweite Wahl liefern.



Von Michael Sprenger

Wien – Wenn am Sonntagnachmittag das SORA-Team von Günther Ogris und Christoph Hofinger die Computer hochfährt, dann ist bei den acht Mitarbeitern der Adrenalinpegel längst am Anschlag. Denn knapp nach 17 Uhr werden sie beim ORF mit ihrer ersten Hochrechnung auf Sendung gehen.

Wie hat Österreich gewählt? Die erste Hochrechnung wird noch mit einer Schwankungsbreite von plus/minus zwei Prozent ausgestattet sein, aber „mein Ehrgeiz ist es, schon bei der ersten Hochrechnung bei keiner Partei mehr als ein Prozent vom Endergebnis abzuweichen“, sagt Christoph Hofinger. Inklusive Briefwähler.

Der gebürtige Tiroler gilt seit den 1990er-Jahren als Hochrechner der Nation. Die Nationalratswahl am morgigen Sonntag wird die 20. bundesweite Wahl sein, bei der das SORA-Team wieder eine punktgenaue Landung setzen will.

Obwohl das Wahlteam in Summe auf 100 Jahre Erfahrung in Wahltags-Einsätzen verfügt, werden in der Vorbereitung auf einen Wahlsonntag die Computermodelle immerzu verfeinert und auf die Veränderung im Wahlverhalten der Österreicher hin adaptiert. So auch jetzt.

Was sind also die großen Herausforderungen für diesen Wahltag? Aufgrund der restriktiven Vorgaben für die Wahlbehörde (nach dem Urteil bei der Bundespräsidentenwahl) bekommen auch die Hochrechner keine echten Sprengelergebnisse vor 17 Uhr. Also gilt es, mit Wahlschluss eine gigantische Datenmenge binnen weniger Sekunden und Minuten richtig zuzuordnen und zu werten.

Und hier wendet SORA, deren Hochrechnung auf Wählerströmen (bei der Nationalratswahl 2019 also im Vergleich mit der Wahl 2017 und der Europawahl 2019) basiert, ein neues, verfeinertes Modell an. Denn das Wahlverhalten und die Wählerströme driften zwischen Landgemeinden und Städten immer mehr auseinander. Nur zur Veranschaulichung: Ende Mai, bei der Europawahl, erzielte die ÖVP in den urbanen Zentren einen Wähleranteil von 28,4 Prozent, in den dörflichen Gemeinden hingegen 45 Prozent. Anders die Grünen. Die Ökopartei kam in den Metropolen auf 16,6 Prozent, auf dem flachen Land und in den Gebirgsdörfern wählten aber nur knapp acht Prozent die Grünen. „Wir dürfen uns also von den Wählerströmen in den ländlichen Regionen nicht blenden lassen“, sagt Hofinger im Gespräch mit der Tiroler Tageszeitung.

Aber um 17 Uhr liegt noch kein Sprengelergebnis aus Wien vor. Und Wien wählt immer wieder anders. Wie kann dann bei der ersten Hochrechnung, die wenige Minuten nach 17 Uhr veröffentlicht wird, schon das Wahlverhalten der Wiener Bevölkerung abgebildet werden?

Achtung, jetzt wird es kompliziert und beeindruckend zugleich. SORA hat sich für die ersten Hochrechnungen (also bis die ersten Sprengelergebnisse aus Wien vorliegen) eine „künstliche Stadt“ erschaffen. Da die Wahllokale in Graz bereits um 16 Uhr schließen, können die Hochrechner mit Wahlschluss auf echte Sprengelergebnisse aus der steirischen Hauptstadt zugreifen. „Für uns wird Graz zum 24. Wiener Bezirk. In unserer ,künstlichen Stadt‘ wird ein Grazer Wahlsprengel mit rund sieben verwandten Wiener Sprengeln verknüpft. Wobei wir in Graz eine Art Wiener Familienaufstellung vornehmen. Die Grazer Sprengel werden mit ihren Geschwistern und Cousins in Wien zusammengestellt.“

Bei der Wahlforschung ist es ähnlich wie in der Meteorologie. Auch dort werden immer wieder Berechnungen nachgestellt, um zu prüfen, ob man das Wetter vor zwei Tagen hätte besser vorhersagen können, wenn ein anderes Modell zur Anwendung gekommen wäre. „Wir haben nach der EU-Wahl unsere ,künstliche Stadt‘ im Nachhinein zum Einsatz gebracht. Damit hätten wir die Wiener Hochrechnungen geradezu perfekt getroffen“, erklärt Hofinger.

Wie wird sich der Hochrechner vorbereiten? Hofinger hofft, dass er den vor Tagen aufgefangenen grippalen Infekt überwunden hat. Morgen will er den Vormittag mit der Familie verbringen. Nach dem gemeinsamen Mittagessen wird er seinen Tunnelblick bekommen. Im Tunnel selbst steht er dann für Stunden unter Strom.


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