Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mi, 02.10.2019


Hintergrund

Der Aufstieg und Fall des Heinz-Christian Strache

In die Höhe hat der Blaue seine Partei gebracht – und wieder hinunter. Mit der Politik sei es vorbei für ihn, sagt der Ex-Obmann der FPÖ.

Aus Parteifreunden wurden Widersacher: Jörg Haider gründete 2005 das BZÖ, Heinz-Christian Strache wurde Chef der Blauen.

© APAAus Parteifreunden wurden Widersacher: Jörg Haider gründete 2005 das BZÖ, Heinz-Christian Strache wurde Chef der Blauen.



Von Karin Leitner

Wien – Pünktlich ist Heinz-Christian Strache bei seinen Pressekonferenzen selten gewesen. An diesem Tag ist das anders. Schon fünf Minuten vor dem avisierten Beginn sitzt er an einem Tisch im Extrazimmer eines Wiener Weinlokals – und legt los. Mit einer überraschenden Feststellung. Strache, der – via Video dokumentiert – Journalisten im Sommer 2017 in einer Finca auf Ibiza „Huren“ geheißen hat, sagt jetzt zu diesen: „Sie haben mir irgendwie gefehlt in den vergangenen Wochen und Monaten.“ Am Schluss seiner „persönlichen Erklärung“ spricht er die Medienleute neuerlich an. Er entschuldigt sich für etwaige „Beleidigungen“.

Einmal mehr entschuldigt sich der ob des Inhalts des Ibiza-Videos und der Spesenaffäre politisch Gefallene bei den FPÖ-Anhängern. Einmal mehr geriert er sich aber auch als Opfer – von „bis heute nicht bekannten Kräften“. Einmal mehr redet er von „Verleumdungen“.

Um der „freiheitlichen Familie“ nicht zu schaden, um „eine Zerreißprobe und Spaltung der FPÖ zu verhindern“, stelle er die Parteimitgliedschaft „ruhend“, sagt Strache. Politisch aktiv werde er nicht mehr sein, er werde kein Amt, keine Funktion anstreben. „Ich ziehe mich aus dem öffentlichen Leben zurück.“

Am Höhepunkt seiner Karriere war Strache als Vizekanzler in der türkis-blauen Regierung.
Am Höhepunkt seiner Karriere war Strache als Vizekanzler in der türkis-blauen Regierung.
- APA

In dem war der gelernte Zahntechniker gerne. Die Aufmerksamkeit, die er bekam, gefiel ihm. Die Annehmlichkeiten, die das Vizekanzleramt mit sich gebracht hatten, genoss er. Stolz stand er vor Kameras an der Seite von Sebastian Kurz. Nach 18 Monaten, im Mai dieses Jahres, war es vorbei mit den Regierungsgeschäften. Der Vizekanzler- und der Parteichefposten waren dahin.

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Schon zweimal waren die Blauen im Bund mit der – damals noch schwarzen – ÖVP gewesen. Deren Obmann Wolfgang Schüssel hatte die FPÖ im Jahr 2000 in die Regierung geholt; trotz des dritten Platzes seiner Partei war er Kanzler. Eine Erfolgsgeschichte wurde es nicht. Jörg Haider mischte von außen mit, er überwarf sich mit FPÖ-Obfrau Susanne Riess-Passer. 2002 wurde beim legendären Delegiertentreffen in Knittelfeld ein Sonderparteitag beschlossen – den Riess-Passer nicht wollte. Sie, FPÖ-Klubchef Peter Westenthaler und Finanzminister Karl-Heinz Grasser traten zurück. Parteichef wurde Herbert Haupt.

Das so genannte "Ibiza-Video", wovon Ausschnitte am 17. Mai veröffentlicht wurden, brachte Johann Gudenus und Heinz-Christian Strache zu Fall.
Das so genannte "Ibiza-Video", wovon Ausschnitte am 17. Mai veröffentlicht wurden, brachte Johann Gudenus und Heinz-Christian Strache zu Fall.
- SPIEGEL/SÜDDEUTSCHE ZEITUNG

Nach der Nationalratswahl, bei der die FPÖ auf 10,01 Prozent fiel, die ÖVP auf 42,3 Prozent stieg, koalierten die beiden Parteien wieder. Es gab erneut interne Verwerfungen in Blau.

Im Frühjahr 2005 drohte Haider, eine Partei zu initiieren. Seine Schwester Ursula Haubner, die Parteichefin war, entmachtete den rechten Flügel der FPÖ, auch den Wiener Parteichef Strache. Zu einer Kampfkandidatur Haider gegen Strache beim Parteitag kam es nicht; am 4. April 2005 gründete Haider das BZÖ. Die Hoffnung, dass das Gros der FPÖ-Basis zum orangen Bündnis überläuft, erfüllte sich nur in Kärnten.

Straches Zeit für Höheres in der FPÖ war gekommen. Am 23. April wurde er zum Obmann gewählt. Der Wiederaufstieg der Freiheitlichen begann. Wahl um Wahl legten sie an Zuspruch zu. Bei der Kärntner Wahl nach Jörg Haiders Unfalltod triumphierte allerdings das BZÖ; knapp 45 Prozent der Stimmen erreichte es. Die FPÖ kam auf 3,8. Strache wollte die beiden Parteien fusionieren. Die Orangen lehnten das ab.

In Wonne versetzte Straches Truppe das Ergebnis des ersten Durchgangs bei der Bundespräsidentschaftswahl im Jahr 2016. Ihr Kandidat Norbert Hofer erreichte den ersten Platz. In der Stichwahl unterlag dieser zwar dem grünstämmigen Alexander Van der Bellen, Hofer war aber ob des Hofburg-Antritts weithin bekannt.

Nach der Wahl 2017 wurde das gespielt, was die Blauen gewünscht hatten. ÖVP-Chef Sebastian Kurz holte sie als Partner in die Regierung. Nicht wegen der unzähligen „Einzelfälle“ musste Strache das Vizekanzleramt schon nach eineinhalb Jahren verlassen. Der skandalöse Inhalt des Ibiza-Videos kostete ihn auch die Parteiobmannschaft. Schluss war mit Türkis-Blau.

Kurz vor der Nationalratswahl wurde Straches Spesen-Causa publik. Die Schlappe für die Partei folgte. Die will eine „Wählerrückholaktion“ starten – in der Opposition.

Eine „persönliche Erklärung“ gibt es von Strache. Zehn Minuten spricht er. Nachfragen dürfen die Journalisten nicht.
Eine „persönliche Erklärung“ gibt es von Strache. Zehn Minuten spricht er. Nachfragen dürfen die Journalisten nicht.
- APA

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